Literatur

Der Fingerabdruck des Erzählers

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Christoph Ransmayrs Frankfurter Poetikvorlesung unter dem Motto: „Jedem zuhören, keinem glauben!“

Sechzig Jahre liegen zwischen den Vortragenden Ingeborg Bachmann und Christoph Ransmayr. Beide haben im Rahmen der Frankfurter Poetikvorlesungen über ihr Schreiben öffentlich gesprochen. Die österreichische Autorin war 1960 die erste Dozentin der Reihe. Literaturwissenschaftlerin Susanne Komfort-Hein erinnert in ihrer – krankheitshalber von ihrem Kollegen Heinz Drügh verlesenen – Begrüßung an diese Anfänge. Damals sei noch sehr bewusst gewesen, dass Bildung und kluge Worte Menschen nicht vor der Anbiederung an die Barbarei bewahrt haben.

Heute spricht Christoph Ransmayr mit erwachter Dringlichkeit erneut von diesem Zusammenhang. Er blickt auf die USA und stellt fest: Zwar habe die Erzählkunst dort inzwischen Weltmacht-Format erlangt, das aber habe nicht verhindern können, dass im Weißen Haus jetzt Worte maximal entstellt werden und die Kluft zwischen Wort und Inhalt abgrundtief geworden ist. Nur im Hirtenbrief katholischer Bischöfe sei sie ähnlich groß, meint Ransmayr. Keiner sei gefeit vor Irrtümern. Man stelle sich vor, Richard Wagner hätte seine kreative Energie nicht in Musik und Libretti gesteckt, sondern Romane verfasst. Bayreuth wäre heute nicht ein Wallfahrtsort, sondern, so Ransmayr, eine von Zäunen abgeschirmte, kontaminierte Zone.

In seiner neunzigminütigen Vorlesung, die er unter den Titel „Unterwegs nach Babylon“ gestellt hat, scheut der österreichische Autor keine Seitenhiebe und nimmt auch die eigene Branche nicht aus. Alles Sekundäre sei blass. „Nichts ist besser als das literarische Original.“ Das gelte auch an diesem Abend. Selten spricht Ransmayr darum überhaupt über seine Werke. Selbstinterpretationen verachtet er, wer nicht in Sprache verwandeln konnte, was er zu sagen beabsichtigt habe, solle lieber ein Verfasser von Gebrauchsanweisungen werden.

Kein Schriftsteller habe zudem eine besondere moralische Autorität oder sei stärker befugt, über Literatur zu sprechen als jeder einzelne Leser oder Zuhörer. 45 Minuten spricht Ransmayr, als ob er jedem Zuhörer im Hörsaal der Goethe-Universität eine Art Empowerment-Lektion erteilen möchte. Man spürt, dass er sich nicht in der Rolle des hoch geehrten Autors präsentieren möchte. Um all die namhaften Auszeichnungen hat er sich nicht beworben, Long- und Shortlist-Verfahren wehrt er ab. Nach Auszeichnungen wie dem Franz-Kafka-Preis (1995) oder dem Kleist-Preis (2018) wird er am 17. Mai in Frankfurt den Ludwig-Börne-Preis erhalten. Dennoch betont er: „Ich bin nicht klüger als Sie und habe nicht den Ehrgeiz, es noch zu werden.“

Diese Redeweise geschieht nicht aus rhetorischer Höflichkeit, oder, um die Kluft zwischen Redner und Hörer, zwischen dem preisgekrönten Autor und seinem Leser zu überbrücken. Ransmayrs Ermächtigungsgeste ist vielmehr eng mit seiner Auffassung vom Schreiben verbunden und gehört damit zum Wesenskern seiner Poetik, der er den Untertitel gibt: „Jedem zuhören, keinem glauben!“

Seine Ausgangsposition als Autor beschreibt er wie auf einem Baum sitzend. Von dort aus hört er den Debatten der Menschen zu. Ohne Stift und Aufzeichnung solle man auf das vertrauen, was in der eigenen Erinnerung verankert bleibt. Nur das habe Bedeutung für das eigene Leben.

Von diesem inneren Punkt aus, der an das Daimonion des Sokrates erinnert, wird erzählt. So erhält jede Erzählung ihr eigenes, äußerst individuelles Profil. Wie ein Fingerabdruck ist sie mit dem persönlichen Ich verbunden. Jeder Ich-Erzähler habe jedoch die Aufgabe, über seine ideologischen Prägungen Selbstgewissheit zu erlangen und diese abzulegen. Lange Zeit gelte es, nur zuzuhören. Ganz so einfach, wie es den Anschein hat, sieht Ransmayr die Rolle des Erzählers also nicht.

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