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Uwe Kolbe schreibt: „Sie strich mit dem Finger/– oh ihres so delikaten Fingers – /den Innenrand ihrer Büchse.“ Auf dem Bild: Dante Gabriel Rossettis „Pandora“ (Ausschnitt).
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Uwe Kolbe schreibt: „Sie strich mit dem Finger/– oh ihres so delikaten Fingers – /den Innenrand ihrer Büchse.“ Auf dem Bild: Dante Gabriel Rossettis „Pandora“ (Ausschnitt).

Uwe Kolbe „Gegenreden“

Der Finger der Pandora

Gegen die Zeitfalle des Modischen: Der Schriftsteller Uwe Kolbe ist in seinen neuen Gedichten nicht geneigt, den leichtesten Weg einzuschlagen. „Gegenreden“ heißt der jüngste Band, kein Gedicht ohne Einfall darin.

Von Jürgen Verdofsky

In Uwe Kolbes letztem Prosastück „Usedom“ kam Wernher von Braun in die Quere und hielt „Vineta“ für einen Umweg. Aber was weiß ein Raketenmann, dann auch noch dieser, vom habituellen Gedächtnis eines Dichters? Oder wie Poesie den Scharfsinn übersteigt? Es ist ja nicht das Unmittelbare der Physik, das im Gedicht spricht. „Die Stadt war nicht das Bild des Versunkenen, sondern das eines Anderen, das es im Leben nicht gab.“ Der Dichter hat stilvoll „Abschied von Vineta“ genommen, ohne etwas „ans Anekdotische“ zu opfern.

Schon die „Lietzenlieder“ lasen sich wie befreit, mit dem Gedichtband „Gegenreden“ geht es jetzt in Stimmlage und Intonation flagrant weiter. Kolbe spricht aus einer anderen Perspektive, es zeigen sich neue Obertöne. Dichtung, die nicht stehenbleibt, hat ihren Anteil verborgener Dinge eines Vorlebens. Sie trägt die Umwege in sich, auch wenn jeder Vers aus dem augenblicklichen Eindruck wächst. Kolbe ist dabei nicht geneigt, den leichtesten Weg einzuschlagen. Er braucht nicht den „Kokon meines eigenen Sounds“.

„Das Tagwerk“ des Dichters, diese sechs Gedichte als Formenkreis eines Diariums, ist nicht länger ins eigene Leben vertieft. Im ununterbrochenen Strom von Ursache und Wirkung kommt es zum Exempel. „Die Welt war Eis, und Eis lag auf der Welt./…/… Gott wusste, / das war nicht die Schöpfung, nur kalter Widerspruch, / doch hielt er den Mund und segnete es.“ Es ist fast unmöglich, alles zusammenzuhalten. Extravagante Wege, die in einem Gedicht möglich sind. Mit ausgesuchten, mit verschollenen Mitteln.

Kolbe überwölbt das Reale und zieht es zugleich ins Mythische. Auch als poetische Rücklage von abhanden gekommenem Wissen. Ja, wer einer Utopie ins Gesicht geblickt hat, bekommt eine Sphinx auf den Hals. Und das „klärende Licht“ bleibt ein Zeichen, das sich dem Verstande nicht beugt. „Sphinx auch an manchen Tagen, die waren, Tagen / durchschlagenden, klärenden Lichts unerwartet, / wie in den Oktobern des Lebens (die Sammlung)./ Wie alt manche Formulierungen sind. Und Licht.“ Kolbe folgt weiter seinen ästhetischen Überzeugungen, bekennt sich zur allzeit gefährdeten Aufklärung, bleibt aber ein origineller Melancholiker, auch mit affektiver Färbung. Der Anblick des Mannes mit Axt im Wald: „Ich wünschte, sein Tun könnte meines segnen.“ Die direkten Dinge zeugen für eine Lebensnähe, von der aber nicht gesagt werden kann, ob sie erlöst.

Die Gegenwart genügt nie, nicht einmal in den Ausnahmefällen des Reisens, an den Orten zur Gewinnung von Zeit. Im Zyklus „Transit“ streift er „Kafka in Auckland“ am Ampel-Übergang. Sofort ist sie da, die „Sehnsucht nach dir, Mitte Europas“. Nicht zu verwechseln hier die Lebhaftigkeit der Bilder mit ihrer Vertrautheit. Auch mit Venus und Aphrodite weitere Verse, die der Abstraktion nahe bleiben, ohne sich mit ihr zu begnügen. Doch mildert ein Sternbild, eine Andromeda, die Nähe zur Hybris. „Hoch auf den Olymp steigt das Schlangenhaupt, / wir leben von Stund an als Menschen.“

Antike Projektionen mit „Berenike“, „Pandora“ oder „Hekate“ sollen sich in der Zange der Gegenwart bewähren. Effekt-Dramaturgie setzt diese Wirkung frei, selbst „Pandora“ nicht ausgenommen. „Sie strich mit dem Finger / – oh ihres so delikaten Fingers – / den Innenrand ihrer Büchse.“

Kein Gedicht ohne Einfall. Im Gedicht muss etwas stattfinden oder wenigstens eine Situation ausgelebt werden. Und sei es, „Hekate“, die Göttin der Magie, sitzt als Hund, „genährt wie das Land“, neben Christoph Meckel. Kolbe ist behutsam mit Widmungs-Referenzen für Stimmen, denen er vertraut. Die Signatur für die Vernunftgüte des Johann P. Tammen ruft aber einen ganz eigenen Kontext auf. „Du wohl verstehst doppelt und mehr die Bedeutung / des Anfangs …“

Gonghaft schallende Verse als nahes Zeitgedächtnis dann beim Wiederlesen von Victor Klemperers „L.T.I.“ „Es endlich verstanden, Nazi, / die reinste Romantik, Nazi.“ Denn: „Hagen von Tronje blickt nüchtern auf Siegfried, der seiner Gattin / das Staatsgeheimnis beichtete, der Trottel. Rauf auf die Liste./ … Nazi, die Jagd nach dem Glück.“

Vom Allgemeinbegriff zum Detail auch im formoffenen Zyklus „Handarbeit“. Die Einlassungen des Verstandes gegenüber den einfachsten Dingen laufen hier auf ein unbestimmtes Ende zu. In aller Unschuld zeigt sich weiter nur „Eden, gähnender Koloss“. Der Berliner wieder in Hamburg. „Hält jener / erneut an das Wasser sich, seine Spur, denn eins muss er bleiben, / festhaltend am größten, am Rätsel der fremdesten Nähe, Liebe.“ Namenloses Erstaunen, genuines Abschweifen. Die Liebe bleibt gegenwärtig, von da an auch Einzelheiten. Oder Dringlichkeiten. „Ich harre im Verschlungenen, / wo laut wird leise zu lesen.“

Uwe Kolbe ist sich seines Weges sicher, er macht kein Aufhebens davon. Für ihn gilt Singularität, alles ist gesetzt gegen die Zeitfalle des Modischen. Nur selten blitzt eine nervöse Überdeutlichkeit auf. Dann aber auch so, dass man sie mit dem großen Zeh in den Ostsee-Sand schreiben möchte.

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