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Neun Stunden an der Berliner Straße und 24 Stunden im Internet geöffnet: Der Buchhandel ist Vorreiter für "Cross-Channeling".

Strategien

Die Findigkeit der Buchhändler

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Mit neuen Konzepten wird gegen Lesemüdigkeit und Internet angekämpft. Erwartungen an die Buchmesse

Die Buchhandlung Carolus in Frankfurt sucht nach Tauchern. Zumindest legt das ein Plakat im Schaufenster in der Vilbeler Straße nahe. „Tieftaucher aufgepasst“, heißt es in der Ankündigung für einen Literaturkreis, den die Buchhandlung nun erstmals etabliert. Gemeinsam mit Kunden will das Carolus-Team zur Premierenveranstaltung am 26. Oktober in das Buch „Die Kieferninseln“ von Marion Poschmann eintauchen. Begleitet werden soll der Literaturabend „genussvoll mit regionalen Bio-Produkten ... und ausgewählten Weinen“, heißt es in der Ankündigung weiter.

Die Idee zu dem Literaturkreis hat Carolus-Mitarbeiterin Viviane Korn von ihrem vorherigen Arbeitgeber, einer Buchhandlung in Aachen, mitgebracht. „Ich hatte das Gefühl, dass auch bei unseren Kunden eine Nachfrage existiert“, sagt Korn. Zudem sollen mit der nun monatlich geplanten Veranstaltung neue Kunden angesprochen werden.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hält die Strategie von Carolus für zielführend. „Besonders erfolgreich sind Buchhandlungen, die sich als kultureller und gesellschaftlicher Treffpunkt im Viertel positionieren“, heißt es in einem aktuellen Dossier des Dachverbands zu Erfolgsrezepten. Allerdings braucht es dafür auch entsprechende Räumlichkeiten. Viele Buchhandlungen sind schlicht zu klein, um einen Literaturkreis in ansprechender Atmosphäre anbieten zu können. Kleine Buchhandlungen können dann auf ein weiteres probates Mittel zurückgreifen: das sogenannte Cross-Channeling. Damit ist die Verbindung des stationären Ladens mit dem Vorteil eines Onlineservices gemeint. Die „Buchhandlung an der Paulskirche“ am Kornmarkt etwa wirbt im Schaufenster damit, 24 Stunden täglich geöffnet zu sein. Der Buchhandel sei bei solchen Kombinationen Vorreiter gegenüber anderen Einzelhandelsbranchen, sagt der Börsenverein. Not macht erfinderisch.

Andere Buchläden gehen mit ihrem Service noch weiter. Die Handelskette Osiander etwa, in Frankfurt im Einkaufszentrum Skyline Plaza zu Hause, bietet an, online bestellte Bücher anderntags kostenlos per Fahrradkurier auszuliefern.

„Green Books“, heißt das Angebot, das laut Filialleiterin Julia Kresal gut angenommen wird. Etwa 130 bis 150 Bücher monatlich liefert Osiander in Frankfurt mit dem Fahrrad aus. Die Buchhandlung im Center profitiert auch mehr als andere von der nun anstehenden Buchmesse. „Gerade am Samstag kommen viele Menschen zum Essen hierher und kaufen dann Bücher, die sie auf der Messe gesehen haben“, sagt Kresal. Auch bei Carolus ist die Kundenfrequenz während der Buchmesse deutlich höher, und bei Hugendubel im Steinweg gilt der Oktober nach dem Dezember mit dem Weihnachtsgeschäft gar als bester Monat.

In der Karl-Marx-Buchhandlung in Bockenheim wird von der nahen Buchmesse ökonomisch nicht profitiert. Micha Hintz stöhnt eher über die „Post- 68-Touristen“, die dann in den Laden kämen. Doch auch die Buchhandlung der früheren Spontiszene hat einen Internetauftritt mit anderen Buchhandlungen. Genutzt werde das Angebot von den Kunden aber sehr selten, heißt es. Die Buchhandlung hat in Bockenheim, wo die Mieten nicht so horrend sind wie in der Innenstadt, trotzdem ihr Plätzchen gefunden und feiert in vier Jahren ihr 50-jähriges Bestehen in der Jordanstraße.

Manch große Kette wählt als Strategie auch einfach die Expansion. So hat Hugendubel seit Anfang Juni eine weitere Filiale, auf der Zeil, nur 300 Meter vom großen Flaggschiff im Steinweg entfernt. „Sie glauben gar nicht, wie vielen Kunden der Weg in den Steinweg zu weit ist, wenn wir ein Buch hier nicht haben“, sagt Verkäuferin Silke Hoffmann zur vermeintlich kurzen Entfernung zwischen den beiden Läden. In dem kleinen Laden auf der Zeil wird offensichtlich auf Gelegenheitskäufer gewartet. Die Bücher werden dort alle frontal präsentiert, ein Einrichtungskonzept, das schick ist, aber nicht sehr viel Platz für Bücher lässt.

Apropos, was ist eigentlich aus der Überlebensstrategie Non-Book geworden? In einigen Buchhandlungen ist sie rückläufig. Julia Kresal von Osiander räumt ein, dass sie sich vor zwei Jahren schon gefragt habe: „Wo sind denn nun eigentlich unsere Bücher?“ Mittlerweile gebe es wieder mehr.

Laut Börsenverein lag der Non-Book-Anteil in den Buchhandlungen in den vergangenen fünf Jahren konstant bei 15 Prozent. Auch von einem Sterben der Buchhandlungen kann keine Rede sein, da es immer wieder Neueröffnungen gibt. 2013 gab es 76 Buchhandlungen in Frankfurt, im vergangenen Jahr waren es 80. Und eine davon bietet ihren Kunden nun sogar jeden Monat einen Tauchkurs an.

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