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„Das ist der rausch der aus dem rauschen kommt“, heißt es in einem Gedicht von Albigs windiger Romanfigur Storm Linné.

Roman

Ein Feuilletonist vor Ort

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Jörg-Uwe Albigs Roman ungemein raffinierter „Zornfried“ nimmt die Neue Rechte satirisch in der Blick.

Dass es auch noch der Spessart sein muss, „dort wo der fuchs in scharfer waid den hasen schlägt / Wo raupen-schmaus erstirbt durch schnabels wucht“. Schwulst, rechtsextreme Gesinnung und gesund klingendes Essen aus heimischem Anbau erwarten den Gast auf Burg Zornfried, 97710 Wuthen, wo dieser, ein freier Feuilletonmitarbeiter der „Frankfurter Nachrichten“, sich einen Coup erhofft und auch, letztlich vergeblich, plant.

Der 1960 in Bremen geborene Schriftsteller Jörg-Uwe Albig hingegen scheint nichts zu planen, ein immenser Vorzug seiner Romane. Sie können auf diese Weise hochpolitische Szenarien entspannt – aber ohne läppisch zu werden – und illusionslos, aber ohne Bitterkeit, durchspielen, wie 2010 „Berlin Palace“: Deutschland als Schwellenland, China als Hauptgewinner einer neuen Weltordnung. Läppisch mögen die Protagonisten sein, das ist dann Teil der Szenarios, dessen brillante Darstellung keiner zusätzlichen Signale bedarf. Nichts ist besser für eine Geschichte, als dass sich alles aus ihr selbst ergibt, die Sorge und der Graus, außerdem und vor allem die Warnung, die völlig unausgesprochen und riesig auch diesmal im Buche steht.

Jörg-Uwe Albig: Zornfried. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 159 Seiten, 20 Euro.

Dabei ist der Satire-Gehalt in „Zornfried“ sehr hoch, einem schmalen, munteren Band, bei dessen Lektüre es viel zu lachen gibt. Beim Abendessen mit dem Freiherrn von Schierling, der in einem letztlich etwas unklaren Verhältnis zu seiner Burg steht, servieren ein halbes Dutzend gleich aussehender Töchter mit germanischen Namen, am Tisch sitzt ferner die spröde Freifrau, die wenig sagt, aber sie sagt es verständlich. „Mir war, als hätte ich noch nie zuvor einen so hochdeutschen Satz gehört.“ Wenige Seiten später haut der Erzähler diesen sagenhaften Satz raus: „Jetzt trat der Burgherr selbst ein, legte einen Stapel Einladungen oder Erschießungsbefehle auf die Arbeitsplatte und würdigte mich keines Blickes.“

Jan Brock, der Feuilletonmitarbeiter, erzählt die Geschichte also selbst, Albig, seinerseits ausgebildeter Journalist, kennt und beherrscht den Ton des Feuilletons, und so kommt es zu solchen Personenbeschreibungen: „... der Kopf spitzte sich alpin zu, auf dem Gipfel ein Schneefeld aus weißen Haaren. Etwas Flaues umgab seine Erscheinung, eine Blässe mit Rotstich, ein Schatten in den Augenhöhlen, in denen gelbblaue Kreise standen.“ Man spürt den Stolz des Feuilletonmitarbeiters. Das ist penetrant und unwiderstehlich. Albig stuft gekonnt ab. Brock schreibt lässig und zeitgemäß, seine Sehnsucht, eine Edelfeder zu sein, wird nicht behauptet, sondern dokumentiert, wie auch die schon zitierten Verse des Dichters Storm Linné die hohe Kunst der Aneignung vorführen. Man ahnt, was für eine Freude es gewesen sein muss, diesen Unfug zu verzapfen, den man ohne die Zeile „wo raupen-schmaus erstirbt durch schnabels wucht“ vielleicht gar nicht so rasch durchschauen würde. Die Stefan-Georgesche Kleinschreibung trägt zum Wichtigmachen bei, ein fettes, prätentiöses Geschwafel breitet sich aus, vor dem es auch Jan Brock graust, das aber existiert auf dieser Welt und in deutscher Sprache.

Damit beginnt die Geschichte. Der Sparta-Verlag, 59200 Brockenschwang, schickt Brock den Linné- Band „Eiserne Ernte“ zu – das klingt alles so denkbar, aber man sucht vergeblich nach diesen Namen, diesen Postleitzahlen –, und der Kritiker gefällt sich darin, einen möglichst geistreichen Verriss zu schreiben. Es ist nicht schwierig, den Text in den „Frankfurter Nachrichten“ zu platzieren: Dem Redakteur „brauchte ich nicht zu erklären, wie dringend es war, den Anfängen zu wehren, solche Umtriebe mit großer Geduld zu entlarven“, und das ist wirklich nicht die einzige Stelle, an der „Zornfried“ auch zur Mediensatire wird. Als Mediensatire ist „Zornfried“ mindestens so gut wie als Satire auf die Neue Rechte, noch etwas subtiler sogar, weil die Neue Rechte das Subtile per se erschwert.

Schierling, eine dekadente Gallionsfigur der selbsternannten Bewegung, missversteht Brocks Artikel (vielleicht mit gutem Grund, das Wesen des geistreichen Verrisses ist gar nicht immer so klar) und lädt den Autor auf sein Schloss ein. Der erwartet, hier auch den von Gerüchten umwaberten Dichter Linné zu treffen, und verabredet mit der Zeitung eine Homestory. Das funktioniert dann alles nicht so gut. Die Neuen Rechten, flankiert von minderbemittelten Schlägertrupps, entziehen sich unverbindlich und sind zugleich zu einfach zu durchschauen. Brocks Hauptproblem ist, dass sich kein Geheimnis auftut. Je weiter er ins Geschehen auf Zornfried vorzudringen versucht, umso banaler wird es.

Außerdem gibt es journalistische Konkurrenz namens Jenny Zerwien (handverlesen, Albigs Namensgebungen), die sich hier besser zurechtfindet, womöglich etwas zu gut. „Wir können diese Leute nicht mehr ungeschehen machen“, erklärt sie Brock, auch dies in boshaftem Gleichklang mit Argumenten aus dem Leben hier draußen, und sie macht eine kleine Pause, „als wollte sie mir Zeit geben, über ihr schlichtes Statement nachzudenken. Unterstellungen, sagte sie dann, treiben sie nur noch tiefer in ihre Burg. Und alle Unentschlossenen mit“.

Auch Jan Brock, ein nicht unsympathischer, bloß ein bisschen jämmerlicher Geselle, läuft Gefahr, die Übersicht zu verlieren. „Es gelang mir nicht mehr, die Gedichte komisch zu finden“, heißt es später: „Ich hörte Zeilen wie ,geweihte geißel selbst erkorner wunde‘ und ,geschoss-gestirne das verdorbne nacht erhellt‘, und ich konnte nicht einmal mehr leise kichern. Mir war, als kämen diese Verse auf einem Wehrgang hoch über dem Wald auf mich zu, unwiderlegbar, weil sie unerreichbar waren, und zwangen mich, ganz schmal zu werden, um sie vorbeizulassen.“ Clever gestaltet, wie ihm die Außenwelt in Form von Gegendemonstranten wiederbegegnet. Und die Schlusspointe sitzt.

„Zornfried“ – ein großartig blödsinniger Name – ist ein sanft daherkommendes Buch von großer Härte. Das macht die adäquate Sprache, die Albig zur Verfügung steht, und die alles erfassen kann und alles vorführt, ohne es einzuebenen oder zu bagatellisieren. Über Storm Linnés Gedichte zu lachen, heißt nicht, ihre Leser nicht zu fürchten.

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