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„Das Festhalten an Qualität funktioniert"

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Mitten im Getümmel der Bücher: Klaus Schöffling.
Mitten im Getümmel der Bücher: Klaus Schöffling. © Rolf Oeser

Der Verleger Klaus Schöffling ist ein glücklicher Mensch. Der Verleger, dessen Autoren zuletzt vielfach geehrt wurden, hat nie daran gedacht, nach Berlin umzuziehen.

Banker in grauen Anzügen, das Tablet unter dem Arm, hasten an ausgemergelten Drogenkranken vorbei, die ihre Habe in Plastiktüten bei sich tragen. Vor dem Frankfurter Hauptbahnhof, im sogenannten Kaisersack, könnten die Gegensätze kaum größer sein. Genau hier, in den ehemaligen Räumen einer Kurzwarenhandlung, sitzt einer der derzeit erfolgreichsten Verlag Deutschlands.

Soeben erst ist Schöffling & Co gelungen, was vorher noch keiner erreicht hat: Bei der Leipziger Buchmesse gewann das Verlagshaus sowohl den Preis für Belletristik mit Guntram Vespers 1008 Seiten-Roman „Frohburg“ als auch den für Übersetzungen – Brigitte Döbert hatte das als nicht bewältigbar geltende Textgebirge „Die Tutoren“ von Bora Cosic ins Deutsche übertragen.

Wenige Tage später hockt Verleger Klaus Schöffling am langgestreckten Tisch seines mit Bücherstapeln gefüllten Büros, blickt aus dem ersten Stock auf das Getümmel im Kaisersack herab und sagt gelassen: „Das ist nicht zu toppen.“

Ein typischer Satz für den hageren 61-jährigen mit dem charakteristischen eisgrauen Rauschebart. Er ist kein Mann für die Show, für überbordendes Gerede. Stattdessen reiht er kurze, manchmal hingeknurrte, pointierte Bemerkungen aneinander.

Der Erfolg ist nicht aus dem Nichts gekommen, sondern kontinuierlich gewachsen. Vor 22 Jahren hatte der Frankfurter den Verlag gegründet und ihn nach und nach in die erste Reihe in Deutschland geführt. Kurz vor der Leipziger Buchmesse hatte das Unternehmen den mit 50 000 Euro dotierten Binding-Kulturpreis erhalten. Die Autorinnen und Autoren des Hauses gewinnen seit Jahren Auszeichnungen – so etwa Silke Scheuermann vor nicht allzu langer Zeit den Hölty-Preis, einen der wichtigsten in Deutschland für Lyrik.

„Das Festhalten an Qualität funktioniert – man muss nicht dem Massengeschmack hinterherlaufen“, urteilt Schöffling bündig und zwirbelt die Bartmähne. Bei dem 74-jährigen Guntram Vesper zum Beispiel verstand er rasch, dass sich da ein seit Jahrzehnten schreibender Autor in acht Jahren das Opus Magnum seines Lebens abgerungen hatte. Der Verleger las es und verteidigte auch den sperrigen Umfang des Werks, im Bewusstsein: „Da hast Du Weltliteratur in der Hand.“

Das Verblüffende am außerordentlichen Erfolg von Schöffling ist, das er mit einem sehr kleinen Team errungen wird. Nicht mehr als zehn Enthusiasten zählt der Verlag, nicht mehr als 30 Titel erscheinen im Jahr. „Diese Größe ist uns sehr gemäß, die wird sich auch nicht ändern.“ Dabei wird der Schwerpunkt deutsche und internationale Gegenwartsliteratur auch finanziert durch das sehr profitable Kalenderprogramm, das zum Beispiel Abbildungen von Katzen und literarische Texte kombiniert. „Wir müssen weniger Kompromisse machen als die Großen“, sagt der Verleger. Bei den großen Verlags-Tankern wie etwa dem S. Fischer Verlag gebe es eben auch „Fantasy und Krempel und Krimis – das müssen wir zum Glück nicht machen.“

Das multikulturelle Frankfurt sei für diese Arbeit das ideale Umfeld. Berlin, das so viele Verlagsschaffende anzog, „hat mich nie gereizt – zu groß.“ Ein literarischer Verlag habe in Frankfurt alles, was er brauche: Die größte Buchmesse der Welt, den Börsenverein des Deutschen Buchhandels, aber auch „eine überaus engagierte Kulturbehörde.“

Keine Träne für den Suhrkamp-Verlag

Dem Suhrkamp-Verlag, der 2010 nach Berlin wechselte, weint Schöffling keine Träne nach: „Den haben wir hier auch nicht gebraucht!“ Das sagt der Verleger, obwohl er selbst einst bei Suhrkamp gelernt hatte, vom beherrschenden Siegfried Unseld persönlich eingestellt worden war, der ihm nach eigenen Worten alles beibrachte: Wie man mit Autoren umgeht, wie man ein Programm entwickelt, wie man mit der Backlist arbeitet.

Die Autoren, mit denen der eigene Verlag arbeitete, denen er zum Teil einen Namen verschaffte, pflegt er ebenfalls: vom schräg-versponnenen Burkhard Spinnen über Juli Zeh und Klaus Modick bis hin zur US-Amerikanerin Jennifer Egan und vielen Autoren aus Serbien und Kroatien. Dass Juli Zeh zu einem Verlagsunternehmen mit viel Geld wechselte, musste er hinnehmen.

Schöffling lässt sich dadurch nicht beirren. Seiner Stadt hat er das Festival „Frankfurt liest ein Buch“ geschenkt, mit dem an vergessene große literarische Werke erinnert wird, etwa „Kaiserhofstraße 12“ von Valentin Senger oder „Ginster“ von Siegfried Kracauer. „Es ist ein großer Spaß, diese Bücher wieder zu entdecken.“ Man darf sich den Verleger Klaus Schöffling als einen glücklichen Menschen vorstellen.

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