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Der „Große Markt“ in Christiania, heute Oslo, circa 1905.

Gastland

Ein fernes Land, arm und kaum erschlossen, aber dann ...

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Norwegen und sein weiter Weg zu den ersten Büchern, Druckereien und Verlagen.

Der Direktflug von Frankfurt nach Oslo dauert rund zwei Stunden. Die Luftlinie beträgt – sofern es stimmt, was www.luftlinie.org dazu sagt – 1098 Kilometer. Von Mainz aus ist es mit 1114 Kilometern ein wenig weiter. Eine Riesenentfernung ist das gleichwohl nicht. Doch als in Mainz jemand etwas sehr Nützliches, sehr Wichtiges erfand, dauerte es etwa 200 Jahre, bis es dies auch in Oslo gab.

Das ist eine Zeitlang her, und Oslo hieß damals Christiania. Erst 1643 erreichte das so Nützliche Norwegens Hauptstadt. Um 1450 hatte Gutenberg es in Mainz auf die Welt gebracht: den Buchdruck mit beweglichen Lettern, eine friedliche Revolution der Mediengeschichte.

Doch wie war das damals in diesem Land ganz ohne Druckerpresse, Verlage und Buchhandel? Immerhin hatte Norwegen „innerhalb Europa eine starke politische Stellung“, schreibt der Historiker Harald L. Tveterås 1992 in seiner Geschichte des norwegischen Buchhandels. „Ein tatkräftiges Königshaus und eifrige Erzbischöfe in Trondheim hatten Gebiete wie Island, Grönland, die Orkney-, Shetland- und Färöer-Inseln zur norwegischen Interessenssphäre gemacht“, heißt es da. „Auf allen Gebieten ging es aufwärts, Sagas wurden niedergeschrieben und europäische Literatur übersetzt.“

Zur ganzen Geschichte gehört indessen, dass Norwegen, als in Mitteleuropa das Druckgewerbe erwachte, weit entfernt war von der dortigen kulturellen, literarischen und auch technischen Ausstattung. Das Land kannte keine einheitliche Sprache, war arm, dünn besiedelt, kaum erschlossen – und so langgestreckt. Eine Zahl macht das klar: Die Distanz von Kristiansand im Süden bis Kirkenes an Russlands Grenze im Norden ist doppelt so groß wie die von Frankfurt nach Oslo.

Norwegens Bauern, Fischer und Handwerker dachten seinerzeit gewiss kaum an das Lesen von Büchern. Geistige Nahrung galt wenig. Güter anderer Art waren gefragter und wurden importiert. Dafür sah sich die Hanse zuständig, die viele norddeutsche Städte mit Norwegen verband, vor allem Bergen an der Westküste. Nur selten war Gedrucktes aus Dänemark und Deutschland an Bord.

Trotz der fehlenden Druckereien gab es im Land etwas, was mit Büchern zu tun hatte: Bibliotheken. Die älteste um 1300 in Bergen, ein Besitz des Bischofs. Freilich ging es da um nur 33 Handschriften, meist theologische und altnordische Folianten. Die Kirche war nun mal eine starke Trägerin von Bildung, Wissen und Macht.

Später kam das Metier der bokfører (Buchführer) auf. Sie zogen von Markt zu Markt, von Kirche zu Kirche; feste Läden hatten sie nicht. Manche waren zugleich Buchbinder. Gegen 1550 sind Namen aus Trondheim, Christiania und Bergen überliefert. Leicht hatten es diese Händler – auch wegen der hohen Frachtkosten – nicht mit ihrem Nischengeschäft.

Überdies mussten sie ein königliches Privileg erwerben und belegen, dass sie bestimmte kirchliche Schriften führten und nichts, was Anstoß erregen konnte. Falls jemand die abwegige Idee haben sollte, Schriftsteller zu werden und etwas drucken lassen wollte, so ging das zunächst nur in Lübeck, Rostock und Kopenhagen.

Doch anno 1643 geschah dies: Da segelte von Kopenhagen aus ein Boot nach Norden. An Bord „eine Kiste, nicht groß, aber schwer wie Blei, dazu einige schwarze Holzteile mit einer Schraubenspindel“, wie überliefert ist. Das alles gehörte Tyge Nielssøn, einem Buchhändler, und der machte daraus Norwegens früheste Druckerei. „Spät kam Gutenbergs Kunst zu uns, und dies nur allmählich“, befand der Historiker B. A. Wium.

Aus Nielssøns Betrieb sind nur sieben Werke bekannt. Bald macht er Verluste. Kein Wunder – es gibt ja kaum einen Markt, kaum Leser, keine Hochschulen. In Städten wie Mainz, Leipzig und Frankfurt ging es lebhafter zu. Man denke nur an die Messen, aus denen auch Buchmessen wurden: für Frankfurt findet sich 1240 die erste Erwähnung, während der älteste Leipziger Messekatalog für Bücher von 1595 stammt.

Schon 1647 hat Nielssøn einen Nachfolger, Melchior Martzan. Auch er ein Drucker aus Dänemark, jedoch in Deutschland geboren. Bereits 1650 verkauft er seinen Betrieb an Valentin Kuhn, „einen Freund und Kollegen aus Deutschland“, wie Tveterås notiert. Auch für Kuhn gehen die Geschäfte nicht gut. Bei all diesen Versuchen war das wohl nicht bedacht worden: Ein Land wie Norwegen, gleichsam nur eine Provinz, nicht selbstständig, sondern seit Gründung der Kalmarer Union (1397) abhängig von den Regenten im fernen Kopenhagen – und das bis 1814! –, das musste von dort aus erst einmal ernstgenommen werden.

Da aber „lag die Zensur ständig auf der Lauer, und bald hatte Kuhn mit ihr Konflikte“, weiß Tveterås. Ja, die Geschichte des Verlegens und Handelns mit Büchern war stets eine Geschichte auch der Zensur, des Verbietens und Strafens. Weltliche wie kirchliche Obrigkeiten mochten keine freien Meinungen. Nach Kuhn taucht 1656 ein Däne namens Michel Thomessøn auf. Er vollendet die Herausgabe von neun Bänden mit 9 000 Seiten, das größte Kompendium, das bis ins 19. Jahrhundert in Nordeuropa erschien. Finanziell ging auch das schief. Sein Nachfolger wurde ein Hans Hoff – ein Norweger, oh Wunder!

Bald vollzieht sich Wegweisendes: Die Buchhändler, Buchbinder und Buchdrucker entwickeln sich hie und da zu Verlegern. Aus dem Handwerk wird die eigene geistige Leistung, das Suchen nach geeigneten Stoffen, nach Autoren und Märkten, alles verknüpft mit Risiken und Rückschlägen. Eine mühsame Arbeit. Doch 2019 wird Volker Weidermann im „Spiegel“ über Norwegen, seit Dienstag Gastland der Frankfurter Buchmesse, schreiben, dass das Land „eines der literarischen Kraftzentren unserer Zeit ist“.

Nun lässt sich aber mit der Druckerpresse noch dies fertigen: eben die Presse, meist als Wochen- und Tageszeitung. Für das Buchwesen sind sie unverändert wichtig, weil es oft Buch- und Presseverlage in einer Hand gibt und weil solche Blätter maßgebend sind für das Vermitteln von Literatur, etwa durch Rezensionen, Autorenporträts und Texte über Preise für Bücher, Schriftsteller, Übersetzer, Verlage, auch über Gastländer.

Wie im deutschen Sprachraum (1605 durch Johann Carolus in Straßburg) fing es bei der Presse Norwegens mit einer Wochenzeitung an. Dazu bedurfte es ebenfalls des dänischen Privilegs und eines findigen Druckers. Diesmal kam einer aus Stettin: Conrad Samuel Schwach. Er rief 1763 in Christiania mit dem Norsk Intelligenz-Seddeler das erste Wochenblatt ins Leben. Dieses Leben währte lange: Bis 1941 stand es im Untertitel der Osloer Tageszeitung „Tidens Tegn“. Dann folgte das Verbot – durch die deutschen Besatzer. Da war sie wieder, die Zensur.

Ungefähr von 1750 an rührt sich etwas in Politik, Wirtschaft und Bildung: ein gestärkter Mittelstand, neues Denken, politisches Bewusstsein, das Streben nach Unabhängigkeit, schließlich das grunnloven (Grundgesetz) von 1814. Doch „war der Buchmarkt beschränkt“, so Tveterås, „das Kapital fehlte. Aber es herrschte Begeisterung für das Grundgesetz und die innere Freiheit. Autoren wie Wergeland, Ibsen, Bjørnson und andere schöpften daraus.“ Erst danach gründeten sich auch gegenwärtig noch bekannte Verlage, etwa Aschehoug, Cappelen und Gyldendal. Andererseits gab in der Hauptstadt die bis heute bedeutendsten Bibliotheken: seit 1785 die Deichmanske Bibliotek und seit 1811 die Universitätsbibliothek.

Die politische Trennung von Dänemark 1814 hatte jedoch eine neue Abhängigkeit gebracht: die Union mit Schweden. Erst durch deren Ende (1905) ist Norwegen ein selbstständiger und durchaus selbstbewusster Staat. Wie die anderen Länder des Nordens kommt es bei der Pressefreiheit stets auf die weltweit ersten Plätze. Und die Daten zum Buchabsatz, zur Lesedauer, zur Nutzung von Büchereien, zur Zahl der Verlage – nahezu 400 – und zu Übersetzungen haben sich mustergültig entwickelt. Aber es hat lange gedauert.

Die erwähnte Geschichte des norwegischen Buchhandels hat der Autor 1992 für den Harrassowitz Verlag (Wiesbaden) ins Deutsche übersetzt.

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