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Wilhelm Genazino

"In der Ferne sah ich meinen neuen Feind"

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"Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze": Für Wilhelm Genazinos Erzähler wird es langsam ungemütlich.

Aus Flaneuren werden Streuner, aus Streunern werden alte Männer, die auf der Straße mit sich selbst sprechen. „Ich sah, wie Leute stehenblieben und sich nach mir umdrehten. Ich hatte tatsächlich keine Erklärung dafür, dass eine Mutter ihr Kind vor mir warnte.“ Der Erzähler kann das zentrale Ansinnen eines Käfers gut nachvollziehen: „Er war ein Vorbild für meinen tiefsten Wunsch: er wollte spurlos und unentdeckt verschwinden.“

Ihm selbst fällt wieder ein, „dass ich seit meiner Kindheit fast täglich fliehen wollte: ohne Plan, ohne Geld, ohne Mut, ohne Ziel, von der Straßenecke weg von jetzt auf nachher. Nur aus Furcht, dass die Flucht nicht gelingen könnte, fand sie nicht statt“. Auch ist ihm die Problematik der Altersauffälligkeit bewusst: „In der Ferne sah ich meinen neuen Feind: die Schrulligkeit. Dieser Feind durfte mir auf keinen Fall zu nahe kommen.“

Man kann nicht behaupten, er würde besonders aktiv dagegen angehen, auch wenn er – eventuell – eine neue Arbeitsstelle hat und vielleicht kurz davor ist, sich – gegen seinen innersten Willen – doch eine neue Hose zu kaufen. Auch wenn „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ ein gewitztes Buch mit einem abgeklärten, hochreflexiven, jedenfalls permanent denkenden Erzähler ist, nimmt das eigenwillige, auf Unauffälligkeit bedachte Beobachterlebensmodell, das Wilhelm Genazino seit Jahrzehnten in seinem wachsenden Romanwerk vertritt, immer deutlicher eine Abbiegung ins Prekäre und Todtraurige. 

Der namenlose Erzähler im neuen Buch des im Januar 75 Jahre alt gewordenen Frankfurter Büchnerpreisträgers laboriert an einer von Gleichmut und Untätigkeit halbwegs verdeckten Depression. „Alles, was ich sah, wurde mir zur Klage“, selbst auf der Straße spielen „scheiternde Kinder“, und „schon seit etwa drei Jahren wollte ich mir einen Anzug oder ein Jackett kaufen, außerdem eine oder zwei Hosen, zwei Paar Schuhe, dazu Strümpfe und Unterwäsche“.

Dass das ein furchtbares Gejammer ist, entgeht ihm nicht. Damit, dass er ihn immer wissen lässt, was er tut (jammern), schützt Genazino seinen Erzähler praktisch vor der Verachtung durch das Publikum. Wie er auch dramaturgisch die Kontrolle über den alternden Jammerlappen behält. Das schmale Buch ist ein langer, merkwürdigerweise sogar eleganter Fluss von Gedanken, ein nicht verbissenes, aber ununterbrochenes Weiterdenken, auch an Stromschnellen der Widersprüche und Unlogik vorbei. Dabei passiert eine ganze Menge, ein Hinweggehen über zeitliche Festlegungen scheint das möglich zu machen. Die Gedanken des Erzählers, so verknurzelt er sich dabei fühlen mag, sind wahrhaftig frei.

Aber natürlich macht es die Lage für den Jammernden nicht besser. Es öffnet sich stattdessen der vertraute, aber immer neu variierte und sich zunehmend verdunkelnde Genazino-Roman-Horizont: Frauengeschichten, die Erinnerung an eine kümmerliche Kindheit mit schlichten Eltern, eine aus dieser Ärmlichkeit resultierende Neigung zur harmlosen Hochstapelei. „Diese Aufschneiderei war von meiner Mangel-Kindheit übriggeblieben. Ich konnte als Kind nicht fassen, dass meine Eltern arme Leute waren.“ Das Erbe der Mutter ist „das Gefühl der Unwissenheit und der Ödnis“, die „Überzeugung der ewigen Ratlosigkeit“. Zwei „im Kern lächerliche Katastrophen“ kennzeichnen so seine Existenz: „das mir unverständliche Leben meiner Mutter und das mir noch unverständlichere Leben meines Vaters.“

Der Traum, „mit einer einzigen Hose und einer einzigen Frau durchs Leben zu kommen“, erweist sich seit jeher als unrealistisch. Der Erzähler trifft sogleich seine Ex Sibylle wieder, „wobei mir zum ersten Mal auffiel, dass in dem Wort ,ehemalig‘ das Wort ,Ehe‘ aufgehoben ist ...“. Die beiden verstehen sich noch ganz gut, sofern man sich mit einer Genazino-Figur gut verstehen kann. Dasselbe gilt auch für die Freundin Christa und die lose (noch losere) Parallelbeziehung Friederike. Wie es mit Margot, Siglinde oder Waltraud war, weiß er selbst kaum mehr, in diesen Fällen aber wenigstens noch die Namen. Überall in der Stadt kann er ehemalige Freundinnen wiedertreffen. Der Erzähler scheint ein passabler Liebhaber zu sein, überhaupt passabel. Sowohl Sibylle als auch Friederike versuchen, ihm Arbeit zu beschaffen, skurrile Szenen. Halten Frauen solche Männer aus? Ja, es gibt Beispiele. 

Sibylle verunglückt, Christa bekommt Brustkrebs. Auf ersteres kann er im Grunde nicht reagieren, zweiteres beschäftigt den Erzähler vor allem, weil er um sein Liebesleben fürchtet. Genazino lässt ihn wenig irritiert aus alledem hervorgehen. Dass er eine Nebenkarriere als Hosenberater einschlägt und damit sofort recht erfolgreich ist (wenn auch eher in einem therapeutischen Sinne), ist eine etwas einsame fröhliche Reminiszenz an all die lustigen Genazino-Roman-Berufe über all die Jahre.

Übrigens kümmern sich weder der Autor noch der Erzähler um aktuelle Themen und Debatten. Gerade deshalb hat „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ weit mehr mit dem Leben zu tun, als man vielleicht wahrhaben will. Einmal die Berger Straße in Frankfurt entlanggelaufen (zum Beispiel) und die Welt erstens mit den Augen des Erzählers betrachtet und die Augen zweitens auf Leute wie den Erzähler gerichtet: Der Genazino hinterherstreunende Zeitgenosse wird fündig werden. Erschreckt stellt man sich allerdings die Frage, wie es nun weitergehen soll, wiederum literarisch gesehen.

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