1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Fernando Aramburu „Die Mauersegler“: Nein, er will nicht glücklich sein

Erstellt:

Kommentare

Madrid, wie es ein Mauersegler wahrnehmen könnte.
Madrid, wie es ein Mauersegler wahrnehmen könnte. © PantherMedia / Ivan Tykhyi

„Die Mauersegler“, Fernando Aramburus Geschichte eines Lebensmüden. Von Dominik Bloedner

Ich mag das Leben nicht. Selbst wenn es so schön ist, wie Sänger und Dichter immer behaupten, ich mag es nicht. Und komme mir keiner mit seiner Begeisterung für Sonnenuntergänge, für Musik oder für die Streifen von Tigern.“ Dies sagt Toni, ein 54-jähriger geschiedener und müder Gymnasiallehrer für Philosophie in Madrid am 1. August des Jahres 2018. Sein Plan: Am 31. Juli des Folgejahres aus dem Leben zu scheiden. Der Zyniker führt Protokoll, 365 Tage, 365 Kapitel. Mehr als 800 Seiten hat demzufolge der neue Roman „Die Mauersegler“ des Spaniers Fernando Aramburu, der mit „Patria“ (in Deutschland 2018 erschienen) den Konflikt um die baskische Terrororganisation ETA anhand der Familienschicksale in einem kleinen Dorf brillant nacherzählt hat.

In seinem neuen Werk, in Spanien von der Kritik gefeiert, geht es wieder um Familien, um Brüche, um Streit, um Versöhnung, um Hoffnungslosigkeit und Hoffnung. Und auch wieder um die Politik: So spielen die katalanischen Separatisten und der Aufstieg der rechtspopulistischen Vox-Partei eine Rolle, ebenso die nicht heilen wollenden Wunden des Bürgerkriegs, die Regionalwahlen in Madrid und die Parlamentswahlen 2019, die nach einigen Anläufen den Sozialisten Pedro Sánchez an die Macht bringen sollten. Auch die Folgen der Wirtschaftskrise, die Hausbesetzungen und Zwangsräumungen überschuldeter Wohnungsbesitzer sind Thema.

En passant wird all dies mit den Schicksalen der Protagonisten verknüpft und erzählt. So auch die islamistischen Attentate vom März 2004, bei denen Tonis einziger Freund einen Fuß verlor und den Toni in seinen Aufzeichnungen deshalb nur „Humpel“ nennt.

Fernando Aramburu, der 1959 in San Sebastián geboren wurde und seit den 1980er Jahren mit seiner deutschen Frau in Hannover lebt, entwickelt eine spannende, tiefsinnige, sehr intime und ja, auch das, unterhaltsam-amüsante Chronik eines angekündigten Todes. Und er stellt erneut die wichtigen Fragen: Wann ist ein Mensch ein guter Mensch? Wann und warum ist das Leben lebenswert?

Aramburu lässt Toni erzählen von seiner Ehe mit der bildschönen Amalia, einer bigotten Radiomoderatorin, die ihm nach anfänglicher Verliebtheit das Leben zur Hölle macht und ihn schließlich für eine Frau verlässt, und von dem missratenen gemeinsamen Sohn Nikita. In Rückblenden zur Kindheit wird berichtet von Tonis Mutter, die ihrem Mann, einem chauvinistischen, gewalttätigen Kommunisten heimlich in die Suppe spuckt. Und vom kleinen Bruder Raúlito, der wiederum Tonis Gewalt ertragen muss. Die Schule ist ein Horror, die Direktorin eine Hexe, die Kollegen sind ihm egal, und seinen desinteressierten Schülerinnen und Schülern verkauft Toni den Fußballer Uwe Seeler und den Radfahrer Marco Pantani als große Philosophen.

Das Buch:

Fernando Aramburu: Die Mauersegler. Roman. A. d. Span. von Willi Zurbrüggen. Rowohlt 2022. 832 S., 28 Euro.

„Wozu habe ich so viel gelesen? Wovor haben die Bücher mich gerettet?“, fragt er resigniert. Sex hat Toni, der als junger Mann in der „movida madrileña“, in der Aufbruchstimmung nach Ende der Franco-Diktatur, unzählige Affären hatte, nur noch mit der Gummipuppe Tina. Die einzigen kleinen Freuden sind die Hündin Pepa und die gemeinsamen Biere mit „Humpel“ in Alfonsos Bar. Der Entschluss steht fest: „Niemand wird um mich weinen.“

Niemand? Da taucht auf einmal die unattraktive, aber herzensgute Águeda wieder auf, 27 Jahre nachdem Toni ihr für Amalia den Laufpass gegeben hat. Ihr Hund, ein stinkendes altes Exemplar, heißt nicht von ungefähr ebenfalls Toni. Langsam drängt sie sich in sein Leben, auch wenn Toni sich dem anfangs widersetzt.

Doch er will nicht glücklich sein, bleibt bei seinem Plan und entledigt sich peu à peu seiner Dinge. Die geliebten Bücher stopft er in fremde Briefkästen oder lässt sie im Park liegen und schaut, wer sich ihrer bemächtigt. Karl Marx, auch das ist amüsant, wird er nicht los, denn spielende Kinder tragen ihm das angeblich vergessene Buch hinterher.

„Je mehr ich von meinen Besitztümern abgebe, desto stärker wächst in mir das Gefühl von Leichtigkeit, von schwerelosem Aufstieg in die Lüfte bis hin zur ersehnten Verwandlung in einen Mauersegler“, schreibt Toni am 27. Januar 2019. Diese Vögel, die im Frühling und Sommer durch die Straßenschluchten Madrids segeln und die dem Buch von Aramburu, diesem großen humanistischen Autor der Gegenwart, den Namen gaben, sind seine Sehnsuchtsprojektion: „Nie am Boden sein, nie einen anderen berühren.“

Es naht der 31. Juli, die Wohnung ist leer und blitzblank geputzt („Keiner soll sagen: Er war eine Sau“), die Hündin Pepa bei Águeda untergebracht, alle Angelegenheiten sind geregelt. Mit der Tüte Gift tritt Toni vor die Türe. Was nun macht der des Lebens müde Misanthrop?

Auch interessant

Kommentare