1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Fernab von Kaurismäki

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sylvia Staude

Kommentare

Nicht alle Finnen benehmen sich wie in einem Film von Aki Kaurismäki. Sie trinken auch Kaffee, sind gesellig und sitzen auch in Helsinki unter Palmen.
Nicht alle Finnen benehmen sich wie in einem Film von Aki Kaurismäki. Sie trinken auch Kaffee, sind gesellig und sitzen auch in Helsinki unter Palmen. © imago stock&people

Der Schriftsteller Juha Itkonen spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über den Literaturgeschmack seiner Landsleute, ihre Neigung zu Pessimismus und die beliebten Finnland-Klischees.

Herr Itkonen, vor zwei Jahren, als Neuseeland Gastland der Frankfurter Buchmesse war, haben die neuseeländischen Autoren gesagt: Wir schreiben zwar in Englisch, aber wir schwimmen in einem riesigen Pool englischsprachiger Autoren, die Konkurrenz ist immens. Die Finnen wiederum schwimmen in einem winzigen Sprach-Pool und müssen da erst mal rauskommen, das heißt, übersetzt werden. Wie schwierig ist es, außerhalb Finnlands Gehör zu finden?
Es ist leichter geworden, heutzutage werden mehr finnische Autoren übersetzt. Aber natürlich sind wir ein kleiner Markt. Und es gibt kein so großes Interesse wie für englische oder amerikanische Schriftsteller.

Wie lief es bei Ihnen? Sie haben bereits mehrere Romane geschrieben, aber übersetzt wurde aus Anlass des diesjährigen Buchmesse-Schwerpunkts Finnland erst der jüngste, „Ein flüchtiges Leuchten“.
Ich habe auf dem Markt nicht so ein Glück gehabt. Eines meiner Bücher wurde in Schwedisch übersetzt, 2010, das war mein zweites Buch. Das dritte kam in Norwegen heraus. Mein jüngstes erscheint in Dänemark, Deutschland, Norwegen. Und hoffentlich Island. Es geht ein bisschen langsam. Ich habe das Gefühl, für den Übersetzungsmarkt braucht man eine einfache Idee für ein Buch, man muss sagen können: Dieses Buch ist über dieses oder jenes Thema. Und meine Bücher sind über Leben und Zeit, über normale Menschen, Familien – nichts, was sexy ist.

Sie haben diesen Roman über eine finnische Familie zum Teil in München geschrieben?
Ja, es war vielleicht sogar mehr als die Hälfte des Buches. Die Zeit in München war wichtig für mich persönlich und gerade auch für dieses Buch. Ich hatte so eine Ruhe hier. Ich konnte mich konzentrieren, machte wenige andere Dinge.

Vielleicht, weil man heraus ist aus seinen üblichen Lebensbezügen?
Ja, ich bin jetzt schon zum vierten Mal hier. Nach München zu gehen, hilft mir bei meiner Arbeit.

Der Übersetzer Stefan Moster hat gesagt: Dem finnischen Literaturgeschmack entspreche es, nicht extravagant zu sein. Finden Sie sich in dieser Charakterisierung wieder?
Ja (lacht). Ich glaube, die Finnen mögen typischerweise keine langen Bücher. Irgendwie mögen es die Finnen kurz. Und von den männlichen Schriftstellern wollen sie Humor. Oder etwas ganz, ganz Dunkles, etwas Schwarzes. Ich weiß nicht, ob mein Stil extravagant ist, aber ich wollte alle Farben benutzen. In diesem Buch gibt es viele Erinnerungen, ich wollte diese Erinnerungen ausführlich beschreiben.

Spielen Finnland-Klischees, denen Sie sicher ja etwa in München begegnen, für Sie eine Rolle?
Die Deutschen haben ein bestimmtes Bild von Finnland, auch von finnischer Kunst und finnischen Schriftstellern, dieses Bild hat vor allem mit Kaurismäki-Filmen zu tun. Ich bin nicht diese Art Schriftsteller, aber vielleicht können die Deutschen auch ein normales, globales Buch aus Finnland akzeptieren und lesen.

Der Elektrogerätehändler, von dem Sie erzählen, könnte ganz ähnlich auch auf dem bayerischen Land gelebt haben.
Ja, und alle großen, wichtigen Dinge, die in der Geschichte passiert sind, sind für Deutschland wie auch Finnland passiert. Natürlich nicht die spezifische finnische Politik, aber die Mondlandung, von der ich erzähle, die deutsche Wiedervereinigung, der Kollaps der Sowjetunion.

Ich war beeindruckt, wie genau Sie recherchiert haben müssen, wann es welches Elektrogerät zu kaufen gab.
Ja, das hat mir Spaß gemacht. Es ist komisch, weil ich gar kein Elektronik-Typ, kein Ingenieur bin, ich habe keine Ahnung, wie dieser Geräte funktionieren. Aber es interessiert mich, es hat mit dem Zeitgeist zu tun. Irgendwie steckt die Zeit in diesen Geräten. Und Träume stecken darin. Ich erinnere mich an die 80er Jahre in Finnland, es war eine große Sache für mich, wenn wir in der Familie ein neues Videogerät bekamen. Und nach fünf bis zehn Jahren funktionierten sie nicht mehr, waren kaputt; so gab es immer neue, immer schönere Träume.

Sind Sie in Helsinki, also städtisch aufgewachsen?
Nein, in Hämeenlinna, das ist etwa 100 Kilometer nördlich von Helsinki. Es hat etwa 50 000 Einwohner. Es ist eine ganz schöne Stadt, fast vierhundert Jahre alt, und es gibt einen See. Aber ich wollte nach dem Gymnasium nach Helsinki umziehen. Hämeenlinna ist das Modell für meinen Roman. Und sie ist auch in fast allen meiner anderen Bücher.

Was mich gewundert hat bei der Lektüre finnischer Romane: Dass die Natur in ihnen doch eine äußerst geringe Rolle spielt. Dabei ist es ein so dünn besiedeltes und ein so naturreiches Land.
Ich glaube, unsere Verbindungen zur Landschaft und zur Natur sind eigentlich ganz eng. Wir haben alle Sommerhäuser und viele der in Helsinki lebenden Schriftsteller kommen aus kleinen Orten. Und auch in Helsinki gibt es viel Natur. Ich kann zum Beispiel von meiner Haustür aus skilanglaufen gehen, es gibt eine Loipe.

Wird man notgedrungen von dem Klima geprägt, in dem man aufwächst?
Ja, natürlich. Von der langen Dunkelheit und vom Gegenteil im Sommer. Sie machen etwas in unserem Kopf, diese Jahreszeiten, die superkurzen Sommer. Auf jeden Fall macht das etwas mit uns, auch wenn es schwer zu sagen ist, wie es sich genau auswirkt.

Haben Sie da manchmal Lust, ganz aus Finnland wegzuziehen?
Ja, aber nicht wegen des Klimas. Ich mag das Licht und diese Jahreszeiten. Außer den November, das ist der schrecklichste Monat. Als ich in München war, dachte ich schon manchmal: Vielleicht könnte ich hier, in Mitteleuropa, leben. Der Herbst war so lang und schön. Im Oktober ist es in Finnland schon kalt, hier kann es noch warm und sonnig sein. Aber gut war auch, außerhalb seines Landes zu sein und nicht alle Nachrichten verfolgen zu müssen. Ich hatte mehr Ruhe für eigene Gedanken. Doch wenn man dauernd im Ausland lebt, ist das natürlich auch anders. Und ich bin ein Teil der finnischen Gesellschaft, ich kann als Schriftsteller dort vielleicht auch meinungsbildend wirken, etwas ändern. Das Komische an meinem Beruf ist: Ich bin frei, kann überall schreiben, trotzdem bin ich mit dieser kleinen finnischen Sache total verbunden.

In Finnland sollen Autoren ein beachtliches Ansehen in der Öffentlichkeit und in den Medien haben, ihre Meinungen werden offenbar wahrgenommen.
Ja, und nicht nur die älteren, auch die jüngeren Schriftsteller werden wahrgenommen. Man wird respektiert. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie ist Literatur wichtig für die Finnen. Vielleicht, weil wir immer noch ein ganz junges Land sind. Vor 200 Jahren war fast alles noch in Schwedisch, es war die Sprache der Intellektuellen und aller wichtigen Menschen in Finnland. Das hat sich dann geändert und ist immer noch wichtig für uns. Sofi Oksanen ist die bekannteste zeitgenössische finnische Schriftstellerin, wenn sie sich über etwas äußert, hört man ihr zu.

Sehen Sie sich in einer finnischen Literaturtradition?
Ja, natürlich, ich schreibe auf Finnisch, ich habe viele finnische Schriftsteller gelesen. Aber trotzdem würde ich sagen, dass ich mich in einer globalen Literatur mehr zu Hause fühle, ich habe Autoren von überall gelesen. Früher war die finnische Tradition stärker, unter den älteren Autoren, aber für die Jüngeren ist das anders. Mein Übersetzer Stefan Moster hat gesagt, „Ein flüchtiges Leuchten“ sei fast ein amerikanischer Roman, aber ich finde, es kann höchstens eine Kombination sein, denn mein Roman spielt doch in Finnland. Wie kann es da ein amerikanischer Roman sein?

Welche Hoffnungen setzen Sie auf die Buchmesse?
Wir haben alle Hoffnungen, doch, man merkt, dass etwas passiert. Es gab schon vorher Interesse an finnischer Literatur in Deutschland, aber nach der Buchmesse können wir vielleicht auch noch andere Geschichten unterbringen. Es heißt, 50 Autoren werden in Frankfurt sein und dass wir alle im selben Hotel wohnen werden. Mal sehen (lacht). Wir haben ja eine Reputation, dass wir viel trinken ...

... was angeblich gar nicht stimmt. Aber in einem Text nennen Sie die finnische Gesellschaft „ängstlich“, dieses Wort hat mich überrascht.
Das ist in den letzten vier, fünf Jahren passiert, die Angst ist gewachsen. Man kann das in ganz Europa sehen, dass die Menschen wegen der Wirtschaftskrise ängstlicher werden. Finnland ist zwar ein liberales, ein gutes Land, aber es gibt jetzt diese Partei „Wahre Finnen“, und ich mag sie gar nicht. Es ist absurd, dass sie denken, Ausländer wären ein Problem für Finnen, denn wir haben so wenige Ausländer, dass eigentlich das das Problem ist. Die Finnen werden alt, es gibt zu wenig junge Leute, unmöglich, dass die Wirtschaft da wachsen kann. Da wäre es nur gut, mehr Ausländer zu haben. Die finnische Mentalität ist aber leider so, dass man eher die negativen Dinge sieht. Sogar, wenn es richtig gut läuft, gibt es den Gedanken im Hinterkopf: Bald geht alles schief. Das finde ich manchmal schwierig an Finnland: den finnischen Pessimismus.

Auch interessant

Kommentare