Planet Eisenbahn

Fern von der Realität

Der idyllische „Planet Eisenbahn“ braucht keine Beziehung zu Vergangenheit und Gegenwart. Das Buch, herausgegeben von der Deutschen Bahn, ist so dürftig und schönfärberisch, dass man peinlich berührt ist.

Der Planet Eisenbahn ist eine in sich geschlossene Welt. Darin kreist alles um die Freude an der dampfenden, zischenden Technik, um die allgemeine Zufriedenheit mit dem Fortschritt und um die modelleisenbahnhafte Liebhaberbegeisterung. Es ist ein Planet, der mit anderen Welten wie dem Pendlerwesen, dem Fahren auf Verschleiß, dem Börsengang, den realen Desastern, dem Verfall der Bahnhöfe, den planerischen Ärgernissen, der irrwitzigen Investitionspolitik der Bahn und dem daraus erwachsenden Stress der Kundschaft nichts zu tun haben will. Ziegelrot leuchten die Räder des rekonstruierten „Adler“ von 1835, kühn wölben sich die Glas-Stahl-Gewölbe der Gründerzeit-Bahnhöfe, weiträumig und steril sieht es im simulierten Stuttgart-21-Railport aus, groß sind die technischen Fortschritte und stolz darauf die korrekt gekleideten Männer der letzten eindreiviertel Jahrhunderte.

Das Buch, das niemand anderes als nur die Bahn AG selbst herausgeben konnte und das eine Ausstellung begleitet, die bis zum 11. Februar im Nürnberger DB-Museum zu sehen ist, ist so dürftig und schönfärberisch, dass man peinlich berührt ist; die Texte sind banal, die wenigen interessanten Bilder schnell weggeblättert. So feiert sich eine Firma von Weltgeltung? Eine Mobilitätstechnik, die aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts einen kontinuierlichen, insgesamt erfolgreichen Weg genommen habe? Dieses Buch ist blamables Symptom eines an Vergangenheit und Gegenwart desinteressierten, dabei intellektuell zwischen Null und Hilflos pendelnden Zugangs zur Materie. ( H.L. )

Deutsche Bahn AG (Hrsg.): Planet Eisenbahn. Bilder und Geschichten aus 175 Jahren. Böhlau Verlag 2010, 175 Seiten, 17,50 Euro.

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