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Auch das Romanfinale führt zu einem Volkspark-Dinosaurier.
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Auch das Romanfinale führt zu einem Volkspark-Dinosaurier.

Roman

Ferdinand Schmalz „Mein Lieblingstier heißt Winter“: Im Jahr des Eismanns

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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„Mein Lieblingstier heißt Winter“: Ferdinand Schmalz findet Worte für österreichische Verhältnisse, nur dass es bei ihm echt lustig bleibt.

Es ist wie eine österreichische Filmkomödie, aber zum Lesen. Man muss es nicht einmal laut hören, obwohl Ferdinand Schmalz sehr gut vorliest. In seinem Roman „Mein Lieblingstier heißt Winter“ gelingt es ihm aber, die sprachlichen Merkwürdigkeiten auch leise gelesen zur Wirkung zu bringen. Es sind die sprachlichen Merkwürdigkeiten eines im weitesten Sinne süddeutschen Dialektes, einer Kunstsprache, die man den Sprechenden jedoch sofort abnimmt. Nachgezogene Subjekte, vorgezogene Prädikate, dazu ein bestechendes Auf-Nummer-Sicher-Gehen grammatikalischer Natur, ein Beharren. „Und fallen, fallen härter drauf da auf den Kopf von ihm, dem Schlicht, die Sonnenstrahlen, härter drauf als sonst.“

Denn der Sommer ist sehr heiß. Seit Ulrich Seidls Film „Hundstage“ weiß jeder, dass das so sein kann in Österreich im Sommer, extrem und folgenreich heiß, und das muss nicht lustig sein. Hier ist es das aber schon. Schlicht ist der Name des Tiefkühlkostvertreters, dessen Produkte entsprechend guten Absatz finden. „Das ist das Jahr des Eismanns“, sagt er sich, der Schlicht, ein verlässlicher Arbeiter.

Daraus entwickelt sich zunächst die Szene, mit der Schmalz, 1985 in Graz geboren, 2017 in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann: Vertreter Schlicht liefert auf seinen Touren äußerst regelmäßig Rehragout an einen Doktor Schauer. Dieser weiht ihn nun in seinen Suizidplan ein, an dessen Ende Schlicht den toten Schauerischen Leib aus dessen Tiefkühltruhe nehmen und hinaus in die Natur bringen soll. Dies funktioniert zunächst einmal nicht, weil Doktor Schauer (beziehungsweise seine Leiche?) verschwindet. Eine Suchaktion, in die Schauers Tochter, die sympathische Zahntechnikerin Astrid, auch den willigen Herrn Schlicht einbezieht, führt zu weiterem Personal. Es steht in einem teils halbseidenen, teils verbrecherischen Kontakt zueinander. Die Personenzahl bleibt kompakt wie in einem Theaterstück, das ist auch das Betätigungsfeld, aus dem der Romandebütant Schmalz kommt.

Die Gemengelage ist unübersichtlich, aber nicht direkt verworren, nicht verworrener als andere Gemengelagen, die in die Vergangenheit reichen. „Und muss man jetzt mal sagen, dass so ein Blick in die Vergangenheit das weitaus Komplizierteste doch ist. Weil in so eine Zukunft schauen, das kann nun wirklich jeder.“ Irgendetwas haben sie also miteinander zu schaffen, der Ingenieur Huber, das gespenstische Ehepaar Bitter, der Ministerialrat Kerninger, die Reinigungsfirmeninhaberin Teufel („Schimmelteufel“) und ihre beiden Putzmänner auch fürs Grobere, Norbert und Harald.

Das Buch:

Ferdinand Schmalz: Mein Lieblingstier heißt Winter. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2021. 190 Seiten, 22 Euro.

Kerninger, den eine Leidenschaft für Naziweihnachtsschmuck in Unkosten und dubiose Geschäfte treibt, ist ein treffliches Beispiel dafür, dass das, was man in österreichischer Kunst und Kultur (bis hin zum „Tatort“ aus Wien) als abgründig, sardonisch und possenhaft erlebt, einfach Realismus sein könnte. Bloß, dass das gegenwärtig immer noch eine Spur zu possierlich erscheint, auch der Ministerialrat. „Reißt einen ganzen Strauß Tulpen jetzt heraus da aus der Vase und zerreißt sie in der Luft, zerfetzt, zerhackt sie regelrecht, was sonst doch wirklich nicht so seine Art. Das Aus-der-Haut-Rausfahren überlässt er für gewöhnlich anderen. Dafür hat er doch einen Stab, Beraterinnen und Berater, Handlanger seiner Macht, die sich dann für gewöhnlich die Hände schmutzig machen dürfen. Während der Kerninger die Ruhe selbst, das Auge da im Sturme seiner Macht.“

Ferner gibt es den Pathologen Tulp – aber in der Hitze des Sommers und Geschehens denkt hier keiner an Rembrandt –, der im Geheimen ebenfalls seine Sorgen hat. „Weil dass die Toten nicht mehr tot, dass sie vielleicht zurück und sich da an den Lebenden, zumal an ihrem Gerichtsmediziner, rächen, ist auch so eine Angst, die tief im Pathologen schlummert.“ Ein Ruhepol ist der Feuerwerker Fabian, ein guter Bekannter und Berater des Schlicht.

„Mein Lieblingstier heißt Winter“ hat Züge eines Krimis, eines melancholisch österreichischen Krimis. „Und dies sei nur der letzte in einer längeren Serie an ungeklärten Selbstmorden. Ja, dass ihn manchmal das Gefühl beschleiche, dass irgendwas da draußen die Leute Lemmingen gleich da in den Freitod treibe, dass etwas sie selbstmorde.“

Dass man ständig an einen Film mit dem Schauspieler Josef Hader oder überhaupt an österreichische Kultur und ihren Hang zu Wiederholung und Variation denken muss, greift Ferdinand Schmalz ganz raffiniert auf. Er stellt den „Endlosgulasch“ einer Traditionswirtschaft vor, in der seit 1809 der entsprechende Topf nicht mehr vollständig ausgewaschen worden ist. „Und trete so das alte Gulasch mit dem neuen in einen Dialog, am Ende dieser Gulaschdialektik stehe ein Synergieeffekt, der die Geschmacksknospen da auf den Zungen seiner Stammgäste dann auf das angenehmste stimuliere.“ Das geht auch im Roman sehr gut, zumal Schmalz als Bühnenprofi natürlich trotzdem rechtzeitig aufhört.

Der Autor liest im Rahmen des Buchmessen-Begleitprogramms bookfest, am 22. Oktober, 20 Uhr, in der Romanfabrik. www.romanfabrik.de

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