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Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe.
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Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe.

Kindheit

Felicitas Hoppe „Fieber 17“: Die ehrliche Erfinderin

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Schriftstellerin Felicitas Hoppe hat „Fieber 17“ und fabuliert und reflektiert zum Thema Kindheit.

Die Kindheit ist der Ausgangs- und Bezugspunkt des Wichtigsten, was der Mensch glaubt, sein eigen nennen zu können: der Erinnerung. Da hat er sich aber getäuscht, der Mensch. Ab dem Alter von zehn Jahren fangen Mädchen – Jungen vielleicht etwas später? – zwar an, melancholisch auf ihre Kindheit zurückzublicken, aber was genau sehen sie dabei?

„Die Wahrheit der meisten Kindheitsgeschichten“, schreibt Felicitas Hoppe, liege „nicht in den Fakten, sondern in dem Versuch, Erlebtes in Erzähltes zu verwandeln, mit anderen Worten darin, einer Erinnerung Form zu geben.“ Hier gilt, so Hoppe „das Prinzip ehrlicher Erfindung“, kein Garant für gute Geschichten, wie sie betont, aber für das Gefühl, dass es stimmt.

Prächtig hierzu Peter Handkes geniale (aber auch der Realität entsprechende?) „Beschwörungsformel“ (Hoppe): „Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war.“

Über die Kindheit zu schreiben, ist etwas ganz anderes, als eine Kindheit gehabt zu haben – jeder hat sie, außer überraschenderweise Peter Pan, Pinocchio und Buster Keaton –, und nur auf den ersten Blick „Erzählers leichteste Übung“. Das liegt am „Unterschied zwischen gelebtem und erzähltem Leben“, eine selten gelingende „Transformation“. Da Kinder selten über Kinder schreiben – und nicht immer überzeugender als Erwachsene –, liegt über dem meisten (Hoppe: über allem), „was über die Kindheit zu sagen ist, der Schatten des Erwachsenseins“.

Das Buch:

Felicitas Hoppe: Fieber 17. Eine Erzählung und ein Essay. Dörlemann, Zürich 2021. 96 Seiten, 15 Euro.

Peter Pan, Pinocchio und Buster Keaton hatten keine Kindheit? Das ist hier – nicht von Hoppe – etwas verkürzt dargestellt. Peter Pan, erklärt sie, ist „nichts anderes als die Angst vor dem Alter“, in „Pinocchio“ gebe „es gar keine Kindheit“, und Buster Keaton sei von den Eltern als lebende Kanonenkugel eingesetzt worden. Als dies dem Kinderschutzbund ins Auge stach, verkleideten sie den Sohn als kleinwüchsigen Artisten.

Kinder, macht Felicitas Hoppe in „Fieber 17“ klar, wollen groß werden

Überhaupt sind es ausschließlich Erwachsene (ab zehn, sozusagen), die sich Geschichten über ewige Kindheiten ausdenken (Pippi L. zum Beispiel). Kinder wollen meistens lieber rasch erwachsen werden. Von hier aus kommt Hoppe nicht nur auf die in der Tat affirmative Seite vieler Kinder-Rollenspiele (der Wunsch der Zugehörigkeit: bei Kindern zutiefst und vermutlich aus lebenserhaltenden Gründen ausgeprägt), sondern auch auf die fast tückische Frage nach der glücklichen oder unglücklichen Kindheit.

Denn wer wird es jetzt noch wagen, sich hier festzulegen? Faszinierend, wie geschwind und freundlich und keineswegs aufdringlich die Büchnerpreisträgerin Hoppe Gewissheiten aus den Angeln hebt.

Aber keine Sorge: Das renkt sich auch wieder ein. Der Band „Fieber 17“ besteht aus dem Aufsatz zur Kindheit (hervorgegangen aus einem Leipziger Vortrag 2012) und der Titelerzählung (im Sommer 2020 als Radiotext gesendet), mit der der Band beginnt. Und in der wir – als hätte Hoppe nicht schon in früheren Büchern, angefangen nicht erst bei „Hoppe“, die erzählte Biografie zum literarischen Feld erklärt – jedes Wort glauben. Fast jedes Wort.

Der Hausarzt diagnostiziert Fieber 17, eine Ruhelosigkeit, die die Erzählerin erfasst hat, obwohl sie nie reisen wollte. So kommt das Gespräch auf die berüchtigte Kinderlandverschickung an die Nordsee, wo das Kind, das die Erzählerin einst war, gepäppelt und geheilt werden sollte. Es hat Asthma, ist fünf, kann weder lesen noch schreiben noch schwimmen. Eine üble Ausgangssituation. Der Kuraufenthalt eine wahre Marter, nur dass es nicht so war.

Was aber gibt es Ergreifenderes als Geschichten über unglückliche Kinder? Und da sich alle Erwachsenen noch genau erinnern, stimmt auch jedes Wort davon.

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