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Debütroman

Feine Risse

Unzeitgemäß: Reinhard Kaiser-Mühleckers Debüt "Der lange Gang über die Stationen".

Von CHRISTOPH SCHRÖDER

Das Erstaunlichste zuerst: "Der lange Gang über die Stationen" ist ein Debüt, geschrieben von einem Autor, der gerade einmal 25 Jahre alt ist. Man liest den Roman und mag es kaum glauben.

Die Geschichte, die der auf einem Bauernhof in Oberösterreich aufgewachsene Reinhard Kaiser-Mühlecker erzählt, ist tief in der literarischen Tradition seines Landes verwurzelt und schnell wiederzugeben: Ein junger Mann entschließt sich, den elterlichen Hof zu bewirtschaften; die Mutter ist alt, der Vater liegt in einem Nebenzimmer im Sterben.

Die Frau des jungen Mannes, die dieser bei einem seiner seltenen Besuche in der großen Stadt (Linz) kennen gelernt hat, folgt ihm nach. Man beginnt, sich in einem gemeinsamen Leben einzurichten; am Ende hat sich, beinahe unmerklich, abzulesen an vielen Details, ein Riss gebildet, der nicht mehr zu überbrücken ist.

Das ganz und gar Herausragende an diesem Roman, der völlig aus unserer Zeit fällt, ist seine Haltung zu den Dingen, seine Perspektive auf die Welt, seine Sprache. Der beobachtungssüchtige und detailversessene Ich-Erzähler bedient sich eines in sich geschlossenen, beinahe altmodischen Duktus, der jedoch von Beginn an weder aufgesetzt noch folkloristisch, sondern höchst authentisch wirkt.

Aus dem langsamen Erzählstrom kristallisieren sich nach und nach einige wenige Fakten heraus: Theodor heißt der junge Bauer (während die Frau ausschließlich "meine Frau" genannt wird), man schreibt das Jahr 1956, irgendwo im oberösterreichischen Seengebiet.

Nichts ist Reinhard Kaiser-Mühlecker ferner als ein Hang zur Idylle, doch befindet sich der Erzähler zu Anfang seines inneren Monologes zumindest noch in einem Zustand der Ausgeglichenheit, der sich zusehends aufzulösen droht.

Die Schieflage, in die das Soziotop des Romans gerät, ist allumfassend: Kleinbauernhöfe werden aufgekauft und zu großen Betrieben zusammen gelegt, immer häufiger hört man auch sonntags die Traktoren fahren, Dorfbewohner verzweifeln an ihren Schulden und bringen sich um, und auch Theodor gerät allmählich in finanzielle Schwierigkeiten, weil er sich mit dem Bau eines Schafstalls verkalkuliert hat.

Doch nicht nur im Großen, sondern auch in der Beziehung zwischen Theodor und seiner Frau schleichen sich atmosphärische Veränderungen ein, die Reinhard Kaiser-Mühlecker subtil und dezent zum Schwingen bringt. In wenigen Worten, in kargen Sätzen zeigt er einen Menschen, der hilflos zusehen muss, wie seine schöne, junge Frau ihm entgleitet; der eben dies bemerkt und dennoch machtlos ist dagegen, weil die Lebensform, die sie entzweit, die einzige ihm bekannte und mögliche ist.

Ob ihr morgens noch immer übel sei, fragt der unbedarfte Theodor seine Frau, kurz nachdem diese aus der Stadt zurück gekehrt ist, wo sie angeblich Verwandte hat besuchen wollen. "Es war sehr still in der Stube. Vom Ofen her das Knacksen der Glut und das heulende Fahren des Windes in den Kamin. Von unten sah sie mich fest an und ohne eine Miene zu verziehen antwortete sie: ?Ja, mir wird nicht mehr übel.'"

An derlei ambivalenten Szenen, in denen viel geschieht, ohne dass etwas ausgesprochen wird, ist "Der lange Gang über die Stationen" reich. Diesem unzeitgemäßen und zeitlosen Buch und seinem Autor einen nicht unbedeutenden Förderpreis zuzusprechen, ist eine ausgezeichnete Entscheidung.

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