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Siegfried Lichtenstaedters Lichtbildausweis. Foto: Stadtarchiv München, KKD 2424

Holocaust

Den Feind lesen und verstehen

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Siegfried Lichtenstaedter begriff früh, dass die Völkischen die Juden ermorden wollten. Es half ihm nichts.

Niemand kennt Siegfried Lichtenstaedter. Am 8. Januar 1865 im fränkischen Baiersdorf auf die Welt gekommen, wurde er am 6. Dezember 1942 im Ghetto Theresienstadt ermordet. Solange der studierte Orientalist, der Jude und Homosexuelle bayerischer Oberregierungsrat war, veröffentlichte er viel unter dem Pseudonym Mehemed Emin Efendi.

Dreißig seiner Bücher sind jetzt dank der Bayerischen Staatsbibliothek München im Internet kostenlos zugänglich. Götz Aly hat mit dem hier angezeigten Buch eine Einstiegsdroge in das Werk dieses Autors, der nach der Vernichtung auch noch vergessen wurde, destilliert. Es sind Auszüge aus Büchern Lichtenstaedters, dazu kleine Kommentare und zwei längere Texte von Götz Aly, die einem helfen, zu begreifen, worum es geht.

Muss es nicht „ging“ heißen? Nein, Lichtenstaedters Texte sind von einer manchmal den Atem raubenden Aktualität. Lichtenstaedter sah die Vernichtung der Juden voraus. Er entzifferte den völkischen Wahnsinn, buchstabierte die Fantasien der Antisemiten aus. Mal analytisch, mal satirisch. Immer genau, ja penibel. Götz Aly hat das Buch so eingerichtet, dass man nicht vorne anfangen muss. Man kann sich aussuchen, was man liest, denn jedem der Lichtenstaedter’schen Texte stehen ein paar Bemerkungen des Herausgebers voran, die das Geschriebene einbetten in die Situation, aus der heraus es geschrieben wurden.

Lichtenstaedter war, so der Titel des Buches, ein „Prophet der Vernichtung“. Schon 1898 hatte er die der Armenier vorausgesagt und 1923 zitierte er einen völkischen Autor, der aus den Vernichtungsfeldzügen der sich konstituierenden Türkei gegen die Armenier den Schluss zieht: „Die Türkei hat den Beweis geliefert, dass die Reinigung eines Volkes im größten Stil von Fremdkörpern jeder Art sehr wohl möglich ist ... Einheitsfront, völkische Reinigung und eine wahre freiwillige Armee, das sind heute die Grundlagen für die nationale Wiedergeburt eines Volkes. Das ist in kurzen Worten die große Lehre, die wir aus dem türkischen Freiheitskampfe zu ziehen haben. Wann kommt der Retter unseres Landes, der diese Forderung in die Tat umsetzen wird?“ Lichtenstaedter folgert: „Die 600 000 Juden des Deutschen Reiches und die 200 000 Juden Deutsch-Österreichs sollen totgeschlagen und ihre Güter den ,Ariern‘ gegeben werden. Hierzu bedarf es aber einer neuen Ethik. Diese lehrt: Die ,Fremdstämmigen‘ (=Fremdreligiösen), die im Vaterland leben, darf und soll man totschlagen und berauben.“

Wir haben uns daran gewöhnt, die systematische Vernichtung der Juden einen „Zivilisationsbruch“ zu nennen. Man könnte versucht sein, Lichtenstaedters Rede von der „neuen Ethik“ so zu interpretieren. Aber nichts wäre falscher. Lichtenstaedter kommentiert in einer Fußnote den von ihm zitierten Text: „Diese Bemerkung ist außergewöhnlich einfältig: Dass es im Bereiche der physischen Möglichkeit liegt, Hunderttausende, ja Millionen wehrloser Menschen abzuschlachten, wüssten wir, auch wenn es keinen Pizarro, keinen Dschingis Khan und andere arische oder nichtarische Scheusale gegeben hätte.“ Der Zivilisationsbruch ist mindestens so häufig wie die Zivilisation.

Lichtenstaedter verstand es, den Feind zu lesen. Darum war ihm klar, dass die Vernichtung der Juden oder doch wenigstens der Versuch dazu, wenn nicht auf der Tagesordnung so im Wochenplan stand. Es gab zu viele, die sich sicher waren, dass ihrem eigenen Glück niemand als die „Fremdstämmigen“ im Wege standen.

Die Ermordung der Armenier ist eines der Ereignisse, die den Gang des 20. Jahrhunderts prägten. Der polnische Jude Raphael Lemkin, der unter anderem in Heidelberg studiert hatte, erforschte den Mord an den Armeniern unter dem Gesichtspunkt der Möglichkeit seiner strafrechtlichen Verfolgung. Nichts deutet daraufhin, dass er damals schon an die antisemitischen Hetzjagden dachte. Als er in den vierziger Jahren das Konzept des Genozids entwickelte, wusste er schon, dass es auch um ihn und die Seinen dabei ging. 1941 gelang ihm die Flucht in die USA. „Genozid“ wurde als Straftatbestand anerkannt und spielte in den Nürnberger Prozessen eine zentrale Rolle. 1948 kam es dank des Einsatzes von Raphael Lemkin in den UN zur Verabschiedung des Übereinkommens über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes.

Wir begreifen die hellsichtigen Texte Siegfried Lichtenstaedters heute sofort. Wir sehen die Vernichtungslager, die Leichenberge und denken: Recht hatte er. Aber so rücken wir Lichtenstaedters Texte weg von uns. Bei uns gibt es derzeit kein Auschwitz, kein Buchenwald. Lichtenstaedter erscheint als eine Gestalt aus der Welt jenseits des Zivilisationsbruchs. Er scheint nichts als Vergangenheit. Gut ihn zu kennen, aber nicht wirklich eine Hilfe beim Versuch, die Welt, in der wir leben, zu verstehen.

Aus dieser falschen Lesart hilft uns ein kurzer Textauszug, den Götz Aly den Artikeln Lichtenstaedters hinzugefügt hat. Es sind Auszüge aus der Rede, die Ottmar Rutz (1881–1952) am 1. August 1924 im Bayerischen Landtag hielt. „Er gehörte“, so schreibt Götz Aly, „dem Völkischen Block an, der nach dem Verbot der NSDAP im Januar 1924 als Ersatzpartei gegründet worden war.“ Diese Rede führt uns in unsere Gegenwart. Die Aufgabe einer Regierung sei der Schutz des Staatsvolkes. Wo das bedroht wird, ist die Regierung verpflichtet, sich schützend vor es zu stellen. Also zum Beispiel dafür zu sorgen, dass nicht andere ihm die Arbeitsplätze wegnehmen. Ottmar Rutz stellt klar: „Wir müssen bedenken, dass jeder jüdische Professor, jeder jüdische Beamte einen Abkömmling des deutschen Volkes verdrängt. Dieser Verdrängungsgesichtspunkt ist es ja, auf den es ankommt. Es kommt nicht darauf an, dass man irgendwie Abkömmlinge des jüdischen Volkes beleidigt oder angreift: Mit all dem hat das nichts zu schaffen. Es handelt sich hier nicht darum, Juden zu verunglimpfen oder zu kränken, sondern darum, positiv die Abkömmlinge des deutschen Volkes zu fördern und sie zu schützen vor der Verdrängung ... .“

So wird auch heute geredet. Es geht um Selbstverteidigung gegen die Fremden. In ihrem Namen ist alles erlaubt. „Das oberste Gesetz“, erklärte Rutz, „des Volkes ist, sich selbst zu erhalten ... Dieses Recht steht über allen gemachten Gesetzen, es steht auch über allen Verfassungsbestimmungen.“ Als wären die nicht entwickelt worden, um gerade diesem Krieg aller gegen alle entgegenzutreten.

Aus Kreisen der Völkischen von heute ist zu hören, Angela Merkel liebe die Fremden mehr als ihr eigenes Volk. Allein schon die Vorstellung einer solchen Abwägung ist Rassismus. Solchen Leuten erklärte die deutsche Kanzlerin 2015: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“

Für diese Sätze wird sie gehasst. Dass sie nicht bereit war, jede Schandtat gutzuheißen, weil sie im Namen der Selbstverteidigung gegen die Fremden begangen wurde, wird ihr nicht verziehen. Darum rufen Gauland und seine Freunde zur Jagd auf Angela Merkel auf. Einen Augenblick lang stieg sie nicht ein in die neue Ethik, die meint: „good or bad – my country“. Das Mörderische, das in dieser Logik liegt, diagnostizierte Lichtenstaedter hellsichtig. Es macht Vergnügen, so viel so klarem Verstand bei der Arbeit zuzuschauen. Es macht aber auch tieftraurig.

Anders als Raphael Lemkin konnte Lichtenstaedter seinen Scharfblick nicht für sich nutzen. Als er 1936 seine Schwester und deren Kinder in Palästina besuchte, blieb er nicht dort, sondern kehrte nach Deutschland zurück, „weil er“, so Götz Aly, „als alter, zur harten körperlichen Pionierarbeit nicht mehr fähiger Mann seinen Verwandten nicht zur Last werden wollte“.

Wir wissen natürlich nicht, mit welchen Gefühlen er 1936 zurückreiste nach Deutschland. Man stellt sich vor, wie er mit all dem Wissen über das, was ihn erwartete, seinen Koffer für die Heimreise packte. Aber wir alle wissen natürlich auch, dass wir unserem Wissen misstrauen, dass wir denken: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Siegfried Lichtenstaedter wird auch manchmal so gedacht haben. Aber diesmal kam alles noch schlimmer, als der Prophet des Unterganges es vorausgesehen hatte. Seine Empfindlichkeit, seine Präzision, sein Verstand, seine Empathie – nichts rettete ihn vor der Vernichtung.

Siegfried Lichtenstaedter:Prophet der Vernichtung – Über Volksgeist und Judenhass. Mit begleitenden Essays von Götz Aly und schwarzweißen Abbildungen. S. Fischer. Frankfurt a. M. 2019. 283 Seiten, 22 Euro.

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