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Die fehlenden Zähne der Helden

Und nun schauen wir uns einmal die Kunst des Romans an: Milan Kunderas Essayband "Der Vorhang" ist eine Liebeserklärung

Von MARTIN KRUMBHOLZ

Eine Geschichte der Literatur im Schnelldurchgang? Bitte sehr. Wer den Romancier Milan Kundera und seine Weltläufigkeit, seine Intelligenz und Eleganz schätzt, wird sich auch dem Leser und Kenner gleichen Namens gern anvertrauen und sein prononciert geschriebenes Buch unter dem etwas kryptischen Titel Der Vorhang zu schätzen wissen. In sieben Abschnitten handelt der seit langem in Paris lebende Tscheche von Humor und Tragik, vom Provinzialismus der Kleinen und der Großen, von Moral und Erkenntnis und vom Roman als "Utopie einer Welt, die kein Vergessen kennt". Mit Rabelais und Cervantes lässt Kundera die Geschichte des Romans beginnen, was nicht überrascht; der Spanier lässt sich ausgezeichnet gebrauchen zur Definition dessen, was Prosa eigentlich meine: einerseits das "Konkrete, Alltägliche, Körperhafte des Lebens", etwa die fehlenden Zähne der Helden; andererseits aber auch die "bis dahin vernachlässigte Schönheit: die Schönheit der vernachlässigten Gefühle..."

Dann geht es flugs weiter zu Fielding und Sterne, dem Meister der auflockernden Abschweifung und dem virtuosen Absolutisten der Abschweifung und dem Triumph der "Bedeutungslosigkeit" - zwischen beiden Meisterwerken, dem Tom Jones und Tristram Shandy, liegen nur ein paar Jährchen und eine kleine ästhetische Revolution.

Verbeugung vor Don Quichote

Mit einem Wort: Kundera hält sich an seine Lieblinge, und das ist gut so. Dass der Roman wesentlich eine komische, dem Kult des Tragischen widersprechende Kunstform ist - siehe die parodistischen Aspekte in Don Quichote oder Tristram Shandy - , kristallisiert sich als eine der zentralen Thesen des Essays heraus. Der Romanleser möchte unterhalten sein, er möchte lachen. Als Kafka seinen Freunden das erste Kapitel des Prozeß vorlas, erntete er einen Lacherfolg. Wahrscheinlich - aber das sagt Kundera nicht - sind es erst die traumatisierenden Erfahrungen des Faschismus und des Stalinismus, die die Kafka-Rezeption in einem weniger heiteren Licht erscheinen lassen. Der Landjunker Alonso Quijano, der sich Don Quijote nennt, benutzt ein Bartbecken als Helm und ist damit ein für allemal als tragischer Komiker gezeichnet. So setzt sich die Prosa des Lebens in Szene.

Auf Don Quijote kommt Kundera immer wieder zurück: Denn Cervantes zerreißt exemplarisch den Vorhang der Konvention - das meint der Titel des Buchs -, den Vorhang der vorgefassten Meinungen, der Stereotype, der den Blick auf die Realität verschleiert. Das leisten alle erstklassigen Romane: die Form, die Komposition diene allein diesem Zweck. Und auch die Erneuerung der Form. Als Romancier ist Kundera ja eher Traditionalist, kein Bilderstürmer, aber als Theoretiker hat er für Innovationen ein gutes Gespür. So lautet eine weitere markante These: Die Realität wiederholt sich ständig, die Kunst nicht. Sie definiert sich unaufhörlich neu, entwickelt veränderte Perspektiven. "Es wäre lächerlich, noch eine ?Menschliche Komödie' zu schreiben", erklärt Kundera, obwohl natürlich auch die aktuelle Geschichte dramatische Verwerfungen kennt und nach einem neuen Balzac zu verlangen scheint, der das alles in einen lebensprallen Bilderbogen verwandeln könnte. (Siehe die hartnäckige Forderung nach dem sogenannten großen "Wenderoman" hierzulande: Es ist die Sehnsucht nach einem neuen Balzac, eine zweifellos schöne Rolle, die mit Günter Grass leider eine Fehlbesetzung hervorbrachte.) "Die Kunst ist nicht dazu da, wie ein großer Spiegel alle Peripetien, Variationen, endlosen Wiederholungen der Geschichte zu verzeichnen. Die Kunst ist keine Blaskapelle, die der Geschichte auf ihrem Vormarsch auf den Fersen ist", schreibt Kundera bissig.

Marcel Proust hat den Roman "eine Art optisches Instrument" genannt, mit dessen Hilfe der Leser besser erkennt, was er ohne den Roman vielleicht nicht in sich selbst gesehen hätte. So eine Art "Lesebrille" ist auch Kunderas Essay: Wir lesen mit ihr manches anders und besser. Manchmal tendiert dieses Instrument zur Überpointierung, etwa wenn der Autor behauptet, die "nutzlose" Information, Prousts Albertine habe ein männliches Vorbild, sei dazu geeignet, die Weiblichkeit der Figur zu sabotieren, habe sie ihm, dem Leser, gar "getötet". Aber es stimmt ja, dass man das nicht wissen müsste, um ein glücklicher Proust-Leser zu sein.

Ihm ist nichts ganz ernst

Dem Roman ist nichts ganz ernst und schon gar nicht heilig. "Für wen das Leben ganz und gar, ohne Einschränkung, heilig ist", schreibt Kundera, "der reagiert mit offener oder heimlicher Verärgerung auf jeden beliebigen Witz, da sich in jedem beliebigen Witz das Komische offenbart, das als solches eine Schmähung der Heiligkeit des Lebens darstellt." Damit wären wir zum Beispiel bei Flaubert und seinem grausig-kalten Witz oder wieder bei Kafka, dessen "Überschreitung der Grenze des Unwahrscheinlichen" für Kundera einen großen Moment in der Geschichte des Romans darstellt. Aber nicht etwa die deutschen Romantiker, nicht Tieck, Arnim, E.T.A. Hoffmann seien Kafkas Vorbilder gewesen, sondern, so Kunderas Pointe: Flaubert. Denn wie dieser richte auch Kafka den Blick "gierig" auf die reale Welt, bevor er sie überschreite. So schließen sich die Kreise. Der Vorhang ist eine Liebeserklärung an die Kunst des Romans, jene "privilegierte Sphäre der Analyse, Luzidität und Ironie". Noch einmal zu Don Quijote, dem Buch, das gewissermaßen den Masterplan zur Idee des Romans darstellt: "Don Quijote wird besiegt... Denn alles ist von vornherein klar: das menschliche Leben als solches ist eine Niederlage. Das einzige, was uns angesichts dieser unausweichlichen Niederlage, die man Leben nennt, bleibt, ist der Versuch, es zu verstehen. Das ist die Raison d'être der Kunst des Romans."

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