1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Die Federn des Wiedehopfs

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Olaf Velte

Kommentare

Von den verschiedenen Ausdrucksarten der Specht-Sippschaft ist kundig die Rede.
Von den verschiedenen Ausdrucksarten der Specht-Sippschaft ist kundig die Rede. © afp

Michal Ksiazek folgt der „Straße 816“ und entdeckt Schönheit und Schrecken einer Grenzregion.

Der Bug ist ein Fluss, der Polen, Weißrussland und die Ukraine trennt. Hier endet die Zugehörigkeit der Europäischen Union. Die Straße 816 folgt dem „flüssigen Limes“ eine Weile, nimmt Häuser, Dörfer, kleine Städte zur Seite. Groß ist die Natur. Verschwunden aber ein kultureller Reichtum, der auf dem gemeinsamen Dasein von Juden, Ukrainern und Polen gründete. Überlebt hat in der einst florierenden „Mitte Europas“ nur das Polentum. Und jene Gesellschaft, die dem Außermenschlichen angehört und deren Sprache uns fremd ist.

„Fremdsprachen“ nennt sich der mit neun Seiten längste Abschnitt in „Straße 816“. Von den verschiedenen Ausdrucksarten der Specht-Sippschaft ist kundig die Rede, aber auch davon, wie man sich in jedem Frühjahr „die Kunst der Gleichgültigkeit“ anzueignen habe. Gegenüber dem Tod und dem Leben.

Gleichgültig kann der Schriftsteller und Ornithologe Michal Ksiazek trotz dieser Bekundung nicht genannt werden – sein von Renate Schmidgall übersetztes Wander- und Grenzbuch zeugt bis in den abschließenden Satz von sensibler Durchdringung. Während mehrfacher Touren – sich aussetzend dem Schotter und Bitumen der Straße, den zur Nacht aufgesuchten Holzpritschen, den Jahreszeiten – erkundet er einen Landstrich, der vormals geschäftiger Lebensraum von Menschen jüdischen, orthodoxen und katholischen Glaubens war.

Auf einer Wegstrecke von zweihundert Kilometern wird ihm nur einmal der „gute Tag“ geboten – von einem Kind. Singulär bleibt auch jenes orthodoxe Kreuz, das in gepflegtem Zustand die Zeiten überdauert hat. Stattdessen Fragmente en masse: überbaute Friedhöfe, zerschlagene Symbole, Behausungen anderer Bauart, verfallend. Ksiazeks Beobachtungsgabe ist verblüffend. In einem hundertjährigen Gutshof zerfressen Käfer die uralten Gebetbücher: „Und der Kräuterdieb, ein Insekt aus der Apokalypse, säte Leere in den Text der heiligen Schrift.“ Wenige Striche nur genügen, um das Panorama bitterer Abseitigkeit in Szene zu setzen.

In sechs Kapiteln sind diese Miniaturen angeordnet. Meditationen, Beschreibungen, Gedankensprünge – wie während des Marsches ins Notizheft geschrieben, unmittelbar, und stets die Gesänge von Vogel und Wasser im Ohr.

In der Landschaft am Westlichen Bug – nahe der historischen Areale Wolhynien und Polesien, nahe von Vernichtungslagern und Schlachtfeldern – verweben sich Gestern und Heute, trägt der Naturraum die Erinnerung.

In Sobibór haben Kiefern die Kohle verbrannter Leichen aufgenommen – „dadurch blühten und wuchsen sie“. Oder: „Huflattich kann von einem Feuer zeugen, er liebt Brandstätten.“ Wie nebenbei sickert ein Wissen ein, das nicht im Kolleg verbleiben will, sich das offene Gelände sucht.

In den allermeisten Stücken dieser versammelten Dichterprosa ist die Berufung des polnischen Wanderers unüberhörbar. Sein lyrisches, das Begrenzende überwindende Sprechen nimmt zuweilen Anleihe bei den Gewohnheiten der verehrten Flügelwesen, „resistent gegen all die Kosaken, UPA-Kämpfer und verschiedenen Übermenschen“. Dass der S. Fischer Verlag eine Handvoll der famosen Michal-Ksiazek-Poeme unlängst in seiner „Neuen Rundschau“ auf Deutsch zugänglich gemacht hat, darf an dieser Stelle vermerkt werden. Auch dort: Wespenbussard und Zaungrasmücke, Rohrweihe und Grauammer, der herrliche Buchfink. Das Wesentliche.

Mit der „Straße 816“ liegt eine Literatur der Gegenwart vor, die sich im Stillen, Vergessenen, am Rande des Abendlandes bewegt. Wo es verdächtig ruhig ist, nur scheue Zigarettenschmuggler den nächtlichen Bug queren. Europa könnte nicht ferner sein, nicht fremder.

Vögel aber – die am Himmel Heimat haben – sind Trost genug. Wie jene mutige Singdrossel, die während den in Altslawisch und Altkirchenpolnisch abgehaltenen Liturgien „auf ihre Art betet“. Die Frage nach dem, was schließlich aus uns wird, beantwortet sich dergestalt: „Spitzahorn, Traubeneiche und Linde. Schlehdorn, Weißdorn und Erbsenstrauch. Und eine Weidenart, sehr schwer zu bestimmen, wie die Zukunft.“ In den Kreislauf zurückkommen, Humus werden.

Einmal – und es gibt kein schöneres Bild für das dichterische Tun – sammelt Michal Ksiazek auf der Straße nach Witowo die verstreuten Federn eines getöteten Wiedehopfs auf. Die Vogelgestalt ist trotz aller Sorgfalt nicht vollständig zusammenzusetzen: „Die wertvollsten Federn konnte ich nicht finden – die von der Haube auf dem Kopf.“

Auch interessant

Kommentare