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Im Ural, Oktober 2015.
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Im Ural, Oktober 2015.

Warlam Schalamow „Wischera“

Die Faustregel: Jeder jeden

In den Höllenkreisen des Stalinismus: Warlam Schalamow erzählt in „Wischera“ vom Gulag als System der Vernichtung durch Schwerstarbeit.

Von Jürgen Verdofsky

Mit teuflischen Methoden „den Fortschritt“ erzwingen: Terror – nur das war für Stalin von Marx’ Dialektik geblieben, Geschichte schreite über ihre schlechten Seiten voran. Der „Stählerne“ als Schmied des „neuen Menschen“. „Eines der wichtigsten Prinzipien der Morde der Stalinzeit war die Vernichtung der einen Reihe von Parteifunktionären durch die andere. Diese wiederum starb durch neue – durch Mörder aus der dritten Reihe“, schreibt Warlam Schalamow im vierten Band der „Erzählungen aus Kolyma“.

Aber hier fraß eine Revolution nicht nur ihre Kinder, sie verschlang auch millionenfach Unbeteiligte. Für eine neue Menschheit zählen Menschenleben nicht. Ein Verhängnis, das allen die Luft nimmt: „Die allerschwersten Repressionen waren gegen unschuldige Menschen gerichtet – und hierin lag Stalins Stärke.“

Verhaftung eines 21-Jährigen

Stalin lässt Trotzki am 11. Februar 1929 außer Landes deportieren. Acht Tage später wird der 21-jährige Student Schalamow beim Drucken von Lenins „Testament“ verhaftet. Diese Warnung vor Stalin war seit Oktober 1926 mit dem Abdruck in der „New York Times“ in aller Welt. Aber in der Sowjetunion, diesem eigenen Weltteil, unterliegt Lenins Verdikt einem strikten Tabu. Schalamow gehört zur einer Gruppe, die sich als Leninsche Opposition gegen Stalins Kurs versteht. Während die meisten dieser Fronde vorerst „nur“ Verbannung erfahren, wird er „als sozial schädliches Element“, sprich Krimineller, zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt.

In einem Protestbrief verlangt er den Status als politischer Gefangener. Damit kein Zweifel an seiner Haltung aufkommt, nennt er tollkühn die Ausweisung Trotzkis und die Versuche, einen „Führer des Oktobers in den Augen der Arbeiter zu diskreditieren“, einen Beleg „für das Zwiespältige der Politik der Parteiführung“.

Schalamow kommt nach dem Butyrka-Gefängnis in die Arbeitslager am Fluss Wischera im Nord-ural. Nach seiner Entlassung arbeitet er als Journalist in Moskau, aber in der Zeit des Großen Terrors wird er im Januar 1937, da ist er keine dreißig, erneut verhaftet. Auch ohne Anlass ist man als früherer Trotzkist jetzt Staatsverbrecher. Das Urteil: Fünf Jahre Zwangsarbeit in den Lagern der Kolyma-Region am Polarkreis.

Als er diese Haftzeit überlebt, die gewöhnliche Überlebenszeit liegt bei vier Jahren, folgt eine dritte Verurteilung zu zehn weiteren Lagerjahren mit anschließender Verbannung. „In Moskau schrieb man Artikel mit dem Titel ,Den Feind vernichten‘. Im Bergwerk an der Kolyma erhob ein Krimineller eine eiserne Brechstange über dem Kopf eines Professors.“

Den Gulag zu überleben, ist das eine, darüber zu schreiben, das andere. „An welcher Grenze kommt das Menschliche abhanden? Wie von all dem erzählen?“ In den vier Bänden „Erzählungen aus Kolyma“, entstanden zwischen 1954 und 1973, spricht Schalamow auf fast zweitausend Seiten von veruntreuter Menschlichkeit, von äußerster Gewalt, die man einem Menschen antun kann, bis er aufhört ein Mensch zu sein.

Über strengere ästhetische Mittel, als Schalamow sie für die Lagerhölle aufbietet, verfügt Literatur nicht. Und wie bei Imre Kertész oder Tadeusz Borowski ist hier nicht nur über Literatur zu reden.

Alles sperrt sich gegen den Erzählfluss

„Wischera. Antiroman“ wird zum sechsten Band einer beispielhaften Werkausgabe bei Matthes & Seitz. Die Warnung „Antiroman“ ist programmatisch. Alles sperrt sich gegen Erzählfluss, Rahmenhandlung und Seitenlinie. Dieser Lagerwelt ist mit Romangebäuden im Stil Solschenizyns nicht beizukommen. Nach Auschwitz, Kolyma und Hiroshima führt für Schalamow der „Roman der Charaktere, der Beschreibungen“ nicht weiter.

Er arbeitet als Zeuge an einer „Prosa, die durchlitten ist wie ein Dokument“, alles formuliert bis auf den Grund. Dokumentarische Skizzen und autobiographische Erzählungen ohne Fiktionalisierung spiegeln die erste Haftzeit von 1929 bis 1931, mit erzählerischen Auslegern zur späteren Lagerzeit an der Kolyma. Häftlingsgeschichten werden aus der Namenlosigkeit gerissen. Auch die Peiniger tragen richtige Namen.

Geschrieben parallel zum Kolyma-Opus, erfolgt die Einbindung der separaten Erzählstücke um 1970 und trägt Züge des Unvollendeten. Der Textkorpus ist weniger stringent komponiert als die Kolyma-Prosa.

Für den Jura-Studenten werden Gefängnis und Lager zu den eigentlichen Lehrjahren. „Die russische Intelligenzija … ohne Gefängniserfahrung, sie wäre nicht die russische Intelligenzija.“ Die Gleichzeitigkeit von Terror und Normalität ist älter als die moderne Literatur. Schalamow erkennt schon 1929 ein wucherndes Gulag-System. Als er an der Wischera ankommt, arbeiten dort 2000 Häftlinge, neun Monate später sind es 60.000.

Noch geht es um Arbeiten nach Termitenart auf Großbaustellen, nicht um Vernichtung durch Schwerstarbeit, Hunger, Kälte. Noch ist die Häftlingsration heilig, wird nicht gefoltert und nur bei Flucht geschossen. Aber es gibt Skorbut, Kriminelle als Kapos. In der Kolonne sind außer Schalamow nur zwei weitere Häftlinge keine Spitzel.

Jeder gegen jeden – die Faustregel. Als ein Flüchtling vom Wachpersonal misshandelt wird, erinnert Schalamow an „sowjetische Werte“ und wird dafür nachts nackt in den Schnee gestellt. Unbelehrbar schreibt er einen Brief an die Regierung zur Lage der Frauen in den Lagern. Anlass ist die Vergewaltigung der Lager-Zahnärztin durch einen Offizier vor aller Augen. Aber: „Die Kolyma … stand mir noch bevor.“

Dort können die Lehrjahre der Wischera beim Überleben helfen. Zum tief Bekannten inmitten des Unbegreifbaren gehört: Als Grundprinzip des Stalinismus werden Opfer und Täter beliebig wechseln. Befehlshaber der Gulag-Welt Kolyma sind erste Opfer der Erschießungswellen von 1938, Wischera-Häftlinge wandeln sich nach ihrer Haft zu Tätern an der Kolyma. „Wischera“ birgt die Basisgeschichte zur zweiten Haftzeit am „Kältepol der Grausamkeit“.

Warlam Schalamow, der 74-jährig 1982 stirbt, hat zwanzig Jahre im Gefängnis, Gulag oder in Verbannung verbracht. Weitere 20 Jahre gibt er für sein unabschließbares Erzählen über dieses Grauen, bis Krankheit ihn verstummen lässt. „Wischera“ erreicht als unvollendetes Buch literarisch nicht die Höhe der „Erzählungen aus Kolyma“, aber als Anschlusswerk bleibt es unverzichtbar. Ohne Schalamow ist nicht zu verstehen, wie weit die Höllenkreise des Stalinismus greifen.

Warlam Schalamow: Wischera. Antiroman. Werke in Einzelbänden, Bd. 6. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Herausgegeben von Franziska Thun-Hohenstein. Matthes & Seitz 2016. 272 S., 22,90 Euro.

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