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Die Faust geballt, die Zunge spitz

Auf mehr oder minder festem philosophischen Sockel üben sich Christopher Hitchens und Marcia Pally in einer zeitgenössischen Kunst der Kritik

Von Matthias Penzel

Sir Peter Ustinov wies kurz nach Kriegsbeginn daraufhin: Bei allem Grauen, das Mitte März begann, bestehe auch Hoffnung. Protest gegen den Auswuchs einer neu formulierten Weltordnung wurde weltweit laut, er entstand aus sich heraus, kam von der Straße wie von Regierungen. Die Wende in der Weltpolitik, so der Brite, kann demnach einen ganz anderen Verlauf nehmen, als es die Familie Bush erwartet. Das Credo jedes Westerns - "Ihr seid mit uns oder gegen uns" - mag immer noch kernig klingen, doch es greift nicht mehr; falls es das je tat. Einstimmig dafür zu sein, dagegen zu sein, funktioniert nur für jene, die nach wie vor glauben, Einstellungen kämen in Paketen, vollgepackt mit Standpunkten zu Industrialisierung, Technologisierung und Gesellschafts- wie Weltordnungen.

So etwas wie einen Ratgeber zum Kritischsein liefert der in Washington DC residierende Brite Christopher Hitchens mit Widerwort. Eine Verteidigung der kritischen Vernunft. Den Umschlag ziert, was im Gestus der Sentenzen widerhallt: eine Faust, die so auf den Tisch haut, dass klare gerade Linien davon wegblitzen. Mit Glossen hat Hitchens in Vanity Fair, The Nation und The Guardian jahrelang Linksliberale und dogmatische Stammleser verschreckt, aber auch provokant und intelligent unterhalten. Er gefällt sich in der Rolle des Advocatus Diaboli. In Campus-Bars und Cafés bat man ihn nach Vorträgen vielfach, seine Standpunkte zu erörtern, und das macht er hier; im Plauderton, angelehnt an Rilkes Briefe an einen jungen Dichter. So gesehen also etwas pompös, doch der eine Kernsatz seines Selbstverständnisses rechtfertigt die Auseinandersetzung mit seinen Vorstellungen: "Was bei jedem Individuum wirklich zählt, ist nicht das, was jemand denkt, sondern wie jemand denkt."

Der große Lesehunger

Zum Rüstzeug für "Dissidenten" nach Hitchens' Geschmack gehört, dass sie den Ballast aller Vorurteile und Ideologien möglichst schnell hinter sich lassen, zudem so viel lesen wie nur irgend möglich. Zur Ermutigung für ein Leben zwischen den Stühlen wird ein Heer an Querdenkern zitiert und erwähnt - Horace, natürlich Zola, Marx, Freud, Russell, Havel, Orwell, auch befreundete Romanciers wie Heller, McEwan und Amis, seltsamerweise Karl R. Popper aber nur ein Mal. Die Feinde des "open-minded" Denkers ortet der Ex-Kommunist Hitchens unter Fürsprechern und Verkündern von Wir-Gefühlen, unter Sektierern und Weltverbesserern, vor allem aber und immer wieder in Religionen.

Dass - und wie - Hitchens unermüdlich Sand in die Hirnwindungen der Denkfaulen streut, ist nett, hübsch, immer clever eingefädelt, seine Streitlust erscheint aber auch immer wieder wie der Mann selbst auf dem Umschlag-Foto: Inszeniert, der blick stechend, der Kragen hochgeschlagen wie bei Brando, die Filterlose wie bei Sartre. Schon schön und sexy, selbstsicher und sarkastisch, auch stilistisch mit vielen Wassern gewaschen - doch für anderes bleibt da kaum mehr Platz, und das ist schade. Bei allem Wettern gegen Gott und die Welt derer, die Gott und Einklang gefunden haben wollen, kommen wenige wirklich neue Einsichten. Eine davon - die doppelte Bedeutung von "discrimination" - bleibt in der Übersetzung (von Joachim Kalka, auf gewohnt hohem Niveau) leider auf der Strecke.

Im deutschen Untertitel klingt zwar Kant mit, doch dessen Kritik der reinen Vernunft scheint dem 54-jährigen Hitchens wenig vertraut. Da gerät dann manche Pose zur Posse. Und nur widerstrebend möchte man Widerwort jungen Leuten - quasi statt Führerschein als Ticket auf den Weg ins Leben der Volljährigkeit - mitgeben: Die Katalogisierungen von Quer- und Vordenkern erschlagen und bleiben oft oberflächlich. Zudem wird, wer belesen genug ist, einige Blindgänger ausmachen. Doch wer sich in Denken, Fühlen und Handeln immer wieder zwischen den Fronten fühlt, für den ist Widerwort immer wieder eine affirmative, je nach Standpunkten auch provokante Lektüre.

Fast das konsequente Gegenstück ist Marcia Pallys Lob der Kritik. Warum die Demokratie nicht auf ihren Kern verzichten darf. Statt der geballten Faust weist hier der erhobene Zeigefinger auf dem Umschlag die Richtung. Im einleitenden ersten Kapitel, "Die schlechteste Staatsform, wenn man von allen anderen, bisher erprobten absieht", steckt die New Yorkerin ihren, viel größeren, Bereich ab. Sie stellt hohe Ansprüche an sich und Leser, beginnt mit Hobbes und Freud, streift eins der Steckenpferde Hitchens' - dass nämlich Demokratie in einer medial stark vernetzten Welt die Gefahr in sich trägt, von Demoskopien statt Ideen getragen zu werden -, den 11. September und seine Folgen... sowie Popper, jenen "Wissenschaftsphilosophen, der an Einsteins Widerlegung der Newtonschen Physik aufgezeigt hat, dass absolute Wahrheit die menschlichen Möglichkeiten übersteigt".

Misstrauen made in New York

Wiederum wie Hitchens vertritt Pally die von "Poststrukturalisten entwickelte Auffassung, wonach die Wissenschaft jeweils innerhalb der Diskurse ihrer Zeit zu betrachten ist. So gehört es zu den üblichen Anforderungen kritischen Denkens, dass man nach den Prämissen einer Behauptung fragt." Je nach Meinungsmultiplikator fußen sie auf dessen Arbeitsbedingungen (als börsenkursabhängiger Unternehmer, wiederzuwählender Politiker, Gesetzesmacher). Sehr trocken, sehr wissenschaftlich und manchmal weise; das Diktum gar nicht so anders wie einst bei Joan Didion und Susan Sontag, Vertreterinnen von Manhattans Intelligenzija, mit denen sich Pally durchaus messen lassen kann.

In ihrer Verteidigung einer Kritik, die in der Welt wie sie heute ist, schwieriger da komplexer, besonders vonnöten ist, räumt Pally Neuen Technologien viel Raum ein. Zum Beispiel dem mechanischen Buchdruck Gutenbergs, der die Alphabetisierung des Volkes nach sich zog, die ihrerseits Wissen und Bildung, was so zur Conditio sine qua non der Moderne wurde. Die Frucht all dieser Möglichkeiten ist keine leichte Kost, wirft sie doch die alte Ordnung über den Haufen, erleichtert sie doch die Verbreitung von Schund - aber eben auch Säkularisierung, Aufklärung, die Zugänglichkeit von Informationen für größere Mengen von Menschen. Durchaus vergleichbar mit folgenden Errungenschaften, auf die sich der Argwohn älterer Generationen jedesmal erneut richtet - das war bei der Erfindung des Telegramms genauso wie bei ersten Comics, auch bei Ragtime, natürlich Internet und HipHop.

Mit der kühlen Rationalität, die Hitchens in Widerwort mehr predigt als praktiziert, seziert Pally die Argumente, laut derer "jugendgefährdende" Computerspiele oder Musik Gewalt verherrlichen, was zu deren Nachahmung animiere. Vermeintliche Kausalitäten wie diese sind, nüchtern betrachtet, nicht haltbar. Ähnlich wie mit der leicht zu äußernden Kritik an vermeintlicher Gewaltverherrlichung in Neuen Medien und Musiken, verhält es sich mit der Verteufelung der Globalisierung in toto sowie Neuen Technologien (inklusive Genforschung, die von Pally auch en detail inspiziert wird).

Was dem Ex-Marxisten Hitchens die Religion, ist der Ex-Tänzerin und Kulturkritikerin Pally die Zensur: ein simpler Weg, komplexe Zusammenhänge nicht kritisch zu überdenken, sondern formelhaft abzuhandeln. Die erklärte Gegnerin des Irak-Kriegs macht in ihrer Kritik des Fundamentalismus (in den USA wie anderswo) genau das, was Kriegs-Befürworter Hitchens verlangt: Sie untersucht weniger das, was jemand denkt, als vielmehr die Art und Weise, wie er das tut.

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