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Fatma Aydemir „Dschinns“: Ein Teil von gar nichts sein

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Von: Susanne Lenz

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Fatma Aydemir.
Fatma Aydemir. © Sibylle Fendt/Ostkreuz

Die „Kanakenseite“ und die andere: Fatma Aydemirs Roman „Dschinns“ findet einen neuen, eigenen Ton, um von Migration zu erzählen.

Fatma Aydemirs zweiter Roman „Dschinns“ ist ein Familienroman, er ist ein Gesellschaftsroman. Er erscheint in dem Jahr, in dem das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei 51 Jahre alt wird. Dieses Abkommen hat die deutsche Gesellschaft verändert und das Leben derjenigen, die gekommen sind, bis in die zweite und dritte Generation. Das ist der Hintergrund dieses Romans.

„Dschinns“ spielt nicht in Berlin wie Aydemirs Debüt „Ellbogen“. Er spielt in Istanbul und in Rheinstadt, wohin Hüseyin Yilmaz zusammen mit seiner Frau Emine als Gastarbeiter aus der Türkei kommt, um hier in einer Metallfabrik zu arbeiten. Wer herausfinden will, wo Rheinstadt liegt, stellt schnell fest: Rheinstadt gibt es nicht. Aber es hätte diese Stadt fast gegeben. Rheinstadt sollte der Name einer Trabantenstadt von Karlsruhe sein, in der rund 30 000 Menschen in bis zu 20-stöckigen Hochhäusern leben sollten. Man kann sich vorstellen, was für eine Art von Nachbarschaft das geworden wäre. Doch dann nahm die Bevölkerung doch nicht so stark zu wie erwartet, das Projekt wurde eingestellt. All das kann man in der Karlsruher Stadtchronik nachlesen. Karlsruhe ist die Stadt, aus der die 36 Jahre alte Fatma Aydemir stammt, die das Enkelkind türkischer Gastarbeiter ist.

Man hat kaum ein paar Seiten umgeblättert, da stirbt Hüseyin. Mit 59. Die Todesursache lautet Überarbeitung, und es ist tragisch, dass der Tod ihn in dem Moment ereilt, in dem er sich zur Ruhe gesetzt hat und die Früchte seiner Arbeit genießen wollte: eine eigene Wohnung in Istanbul. Vier Zimmer, die jetzt nur noch an Erschöpfung und Tod erinnern. „Du hast deine Tage in drei Schichten gelebt, Hüseyin, hast Sonntagsdienste, Feiertagsdienste, Überstunden übernommen.“ Hüseyin steht für ein Schicksal, das auch Deutsche ereilt, das in der ersten Gastarbeiter-Generation aber sicher verbreiteter gewesen ist, auch wenn bei manchen am Ende des Arbeitslebens nicht der Tod stand, sondern ein kaputter Rücken, eine geschädigte Lunge.

„Ich arbeite hier/Ich weiß, wie ich arbeite/Die Deutschen wissen es auch/Meine Arbeit ist schwer/Meine Arbeit ist schmutzig“, schreibt die Dichterin und Gastarbeitertochter Semra Ertan in ihrem Gedicht „Mein Name ist Ausländer“. Fatma Aydemir hat es in einem Text über die Arbeitsethik ihrer Eltern und Großeltern zitiert, den sie für den von ihr mitherausgegebenen Band „Eure Heimat ist unser Albtraum“ geschrieben hat.

Hüseyin steht für diese erste Gastarbeiter-Generation. Und im Kaputtgeschuftetsein liegt eine doppelte Bitterkeit. Denn die Kluft zwischen dem geführten und dem ersehnten Leben war für die „Gäste“ tief. „Deutschland war nicht das, was du dir erhofft hattest, Hüseyin. Was du bekamst, war Einsamkeit.“

Hüseyin ist tot, und seine Familie reist aus Deutschland zur Beerdigung an. Der Roman spielt in Istanbul, doch durch die Erinnerungen seiner Frau und seiner Kinder an das gemeinsame Leben spielt er doch vor allem in Deutschland. Das ist eine geschickte Konstruktion, die den Migrations-Spagat zwischen zwei Orten, zwei Ländern, zwei Kulturen nachvollzieht. Jedem der Familienmitglieder hat Fatma Aydemir ein Kapitel gewidmet.

Das Buch:

Fatma Aydemir: Dschinns. Roman. Hanser, München 2022. 368 Seiten, 24 Euro.

Da ist Ümit, der Jüngste, der sich im Fußballverein in Jonas verliebt hat, und nun durch Vermittlung seines Trainers bei Dr. Schumann in Behandlung ist, der ihm sagt, er bilde sich sein Verliebtsein ein und der Grund dafür könne womöglich eine durch sein Elternhaus bedingte Identitätsstörung sein. Man fragt sich, ob es Ende der 1990er Jahre wirklich noch homophobe Therapeuten in Deutschland gegeben hat. Aber wer weiß.

Vielleicht will Fatma Aydemir die Homophobie auch nicht als ein Problem der türkischstämmigen Community darstellen. Aber dass sie es hat, thematisiert sie in „Dschinns“ gleich mehrfach. Ümit aber fällt an der Frage des Therapeuten vor allem das Wort Elternhaus auf, weil seine Eltern ja gar kein Haus haben, sondern in einer Mietwohnung leben. Als er vor der Beerdigung in Istanbul einen Adbest machen soll, eine rituelle Waschung, fragt er verzweifelt seine Schwester. „Shit, Peri. Ich hab vergessen, wie das geht.“ So beiläufig lässt Fatma Aydemir Symptome der Entfremdung einfließen.

Sevda ist das Kind, das Emine und Hüseyin im Dorf bei der Babaanne, der Großmutter zurückgelassen haben, so wie Hunderttausende Kinder von ihren türkischen Eltern zurückgelassen worden sind. Jahre später holt Hüseyin sie doch nach Deutschland, aber sie wird nicht mehr heimisch in der Familie. Als sie zum ersten Mal Fazit zieht, heißt es: „Mit zwei Kindern und ohne Schulabschluss an einem Ort, an dem jeden Tag an eine neue Wand ‚Ausländer raus!‘ geschrieben stand.“

Peri studiert in Frankfurt (wie einst Fatma Aydemir) und kann zwischen ihrer „Kanakenseite“ und der anderen Seite ganz gut unterscheiden. Sie sieht sich als Teil von gar nichts. „Die Suche nach ihrer Herkunft endete vor dem Schweigen unter dem Schnauzbart ihres Vaters und den unberechenbar tränenreichen und dann wieder wie erstarrten Phasen ihrer Mutter. Assimilation, dachte Peri, hatte eben keine Geschichte. Sie war das Gegenteil von Geschichte. Sie war ihr Ende, ihre Ausrottung. Sie war die Leere im Herzen, wann immer jemand von Heimat sprach. Sie war das ausbleibende Bedürfnis, Menschen zu korrigieren, wenn sie ihren Namen falsch aussprachen. Was, wenn es gar nicht die Aussprache war, die falsch war, sondern der Name selbst?“

Was es bedeutet, „Kanake“ in Deutschland zu sein, fragt sich auch der Älteste, Hakan. Wenn er Günther, seinem Schwiegervater in spe, von seinen Landsleuten erzählt, fällt einem auf, dass es ansonsten nicht viel zu lachen gibt in „Dschinns“, aber hier schon: „Sie klauen vom Staat, Günther. Sie sind faul, haben keinen Bock, Steuern zu bezahlen. Sie machen ein beschissenes Geschäft auf den Namen ihrer Oma, zocken die ganze Kohle vom Sozialamt ab und kaufen sich dann ihre S-Klassen.“ Aber bei Fatma Aydemir kriegen nicht nur die Deutschen ihr Fett weg. Günther mag ein Freizeit-Nazi sein, aber er lässt den Türkenfreund seiner Tochter Lena mit am Tisch sitzen. „Anders als all die Kanakenväter, für die es nichts Schlimmeres auf der ganzen Welt gibt, als dass ihre Söhne eine Deutsche anschleppen.“

Dieses Buch will viel. Fatma Aydemir spricht in ihrem Roman unterschiedliche Aspekte des Migrationsspagats an, arrangierte Ehen, das Trauma der bei den Großeltern in der Türkei zurückgelassenen Gastarbeiterkindern, die Verleugnung der kurdischen Identität, die Einsamkeit der Gastarbeiter-Hausfrauen auf hier 68 Quadratmetern Deutschland, Racial Profiling, Sexualmoral – all diese Dschinns, die Geister, die in den Leben der Familienmitglieder herumspuken. Auch Ungerechtigkeiten, von denen man als Angehöriger der Mehrheitsgesellschaft wenig Ahnung hat. Aber man hat nie das Gefühl, dass die Autorin eine Liste abarbeitet. Sie entwickelt ihre Protagonisten so, dass man ihnen gespannt folgt.

Feridun Zaimoglu hat das Wort „Kanake“ in den 90er Jahren in die deutsche Literatur eingeführt, die der Enkelgeneration zugehörige Fatma Aydemir eignet es sich selbstbewusst an. In diesem Begriff ist jetzt eine hybride Identität aufgehoben. Etwas hat sich verändert, und Fatma Aydemir trägt dem Rechnung, indem sie nicht in erster Linie den sozialen Konflikt mit der Mehrheitsgesellschaft beschreibt. Sie interessiert sich dafür, wie sich der Aushandlungsprozess im Inneren ihrer Protagonisten fortsetzt.

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