+
Vor einer Buchhandlung an der Universität Leipzig.

"Verwirrnis"

Fast ein Glückskind

  • schließen

Christoph Hein erzählt in seinem neuen Roman "Verwirrnis" von Homosexualität in der DDR.

Christoph Heins mit rasanter Geschwindigkeit und großer Sicherheit anwachsendes Romanwerk, zuletzt mit „Trutz“ (2017) und „Glückskind mit Vater“ (2016), wird in diesen späteren Jahren immer mehr zu einer funktionstüchtigen Schleuse zurück ins 20. Jahrhundert. Auch zu einem Kompendium, um nicht alles zu vergessen und nicht zu dumm, leichtfertig und urteilsfreudig zurückzufallen hinter das, was war und was man darüber wissen kann. Eine funktionstüchtige Schleuse, indem der Weg zurück ins 20. Jahrhundert so zügig vonstattengeht, obwohl er inzwischen frappierend weit erscheint. Ein Kompendium, indem ganz unterschiedliche Biografien das Leben in der DDR ausleuchten, nicht als Chronik, sondern als fernes Universum, nicht schematisch, sondern facettenreich. 

„Verwirrnis“ ist lebensvoll bis ins Beschwingte

Auch das neue, vergleichsweise kompakte Buch „Verwirrnis“ ist erzählerisch und lebensvoll bis ins Beschwingte. Der Eindruck entsteht (erneut), dass der 74-jährige Hein ausführlich recherchiert hat, um sich selbst zu orientieren, und dass seine Leser jetzt etwas davon haben, ohne belehrt zu werden (was uns auch guttäte, aber Hein übernimmt das jedenfalls nicht). Das einzelne Leben, in schicksalshafte und menschgemachte Ereignisse verwickelt und von ihnen unter Umständen regelrecht zermahlen – etliche zermahlene Menschen in Heins Werk, die es einer eigenen Noblesse tragen –, kann immer nur für sich selbst stehen. Trotzdem ist es interessant zu erfahren, dass an ostdeutschen Schulen direkt nach dem Krieg körperliche Strafen verboten wurden. Oder daran erinnert zu werden, dass seit 1957 homosexuelle Beziehungen unter Erwachsenen in der DDR nicht mehr strafbar waren. Beides nutzt dem Helden in „Verwirrnis“ nur bedingt. 

Am 1. September 1933 wird er im thüringischen Heiligenstadt in einen alptraumhaften Haushalt hineingeboren. Friedeward Ringeling ist sein heiter stimmender Name, aber für den streng katholischen Vater und ewigen Monarchisten Pius Ringeling ist das regelmäßige Durchprügeln, das Auspeitschen seiner Kinder die vorrangige erzieherische Maßnahme. Hein findet fein ironische Details, um seiner Verachtung in der Sache Ausdruck zu geben: Pius hat im Ersten Weltkrieg nicht nur versehentlich ein zu hohes Verwundetenabzeichen erhalten, er trägt es auch tagtäglich, aber unter den Staatsordnungen seit 1918 – die er gleichermaßen ablehnt – unter dem Revers. Die Tochter heiratete früh, der ältere Sohn verschwindet 16-jährig für immer. Sein im Halbdunkel bleibendes tragisches Schicksal lässt sich später rekonstruieren. Offenbar war alles besser, als bei Pius Ringeling zu bleiben. 

Die „Verwirrnis“ hält sich in Grenzen

Friedeward sieht erst im Studium die Möglichkeit wegzukommen. Da weiß er längst, dass er homosexuell ist und der intelligente Mitschüler Wolfgang die Liebe seines Lebens. „Sind wir schwul?“, fragt Wolfgang ihn, als beide noch ganz überrascht von sich sind. „Sag doch nicht so etwas, Wolfgang“, sagt Friedeward. Ob das denn so schlimm wäre? „Für mich nicht. Aber vermutlich für meine Eltern.“ 

Denn die „Verwirrnis“, das ist wesentlich, hält sich in Grenzen. Friedeward zweifelt nicht, leidet nicht, will mit Wolfgang zusammensein. Es ist die Außenwelt, die es ihm schwer macht. Dass sie als Schüler beim wunderbar anarchistischen Urlaub an der Ostsee „erwischt“ werden, lässt sich mit Mühe vertuschen. Als dann Pius Ringeling die Wahrheit erfährt, bricht seine Welt zusammen, aber Friedewards nicht – obwohl Hein ihm an dieser Stelle doch einen Komplex mitgibt, an den man nicht recht glauben kann. „,Ich bin schuldig geworden, Vater‘, sprach er mehrmals am Tag laut vor sich hin und wusste dabei selbst nicht recht, ob er seinen Vater Pius Ringeling oder den himmlischen Vater ansprach.“ „Verwirrnis“, auch das charakteristisch für Hein, interessiert sich viel weniger für die Verästelungen der Psychologie als für die des Handelns. Wie lebt man damit? Wie macht man weiter? 

Als der in die Enge getriebene Wolfgang sich auf Thomas Manns „Tonio Kröger“ beruft, liest Pius das Buch voller Entsetzen (ein „hochgerühmter Schriftsteller“, ein Nobelpreisträger!), stiehlt es aus der Bibliothek und verbrennt es. Bei der Beichte erlegt ihm der Pfarrer keine Buße dafür auf. Lakonisch erzählt Hein diese böse Posse, die wahrlich geeignet ist, für sich selbst zu sprechen und nicht zuletzt vorzuführen, dass Pius ein gewalttätiger Simpel ist. Dass Wolfgang aus Sicherheitsgründen gerne heiraten würde – er wüsste auch schon, wen –, erscheint Friedeward abwegig. Aber selbst hierfür findet sich eine sympathische Lösung. 

Leidet der begabte Geisteswissenschaftler Friedeward in Jena noch unter der „Rotlichtbestrahlung“, fühlt er sich später im liberaleren Leipzig wohler. Auch hier lassen die Studenten das alles über sich ergehen, aber wichtiger sind nun die Seminare bei „Goethe-höchstselbst“, hinter dem sich kaum verborgen Hans Mayer in seiner Brillanz, Arroganz und Eigenständigkeit zeigt. Während Friedeward sich guter Dinge einrichtet, bietet Hein ein lebhaftes Sittenbild des Leipziger Universitätslebens. Als Goethe-höchstselbst 1963 im Westen bleibt, macht sich seine engere Leipziger Umgebung Sorgen. Ökonomisch und sehr, sehr nüchtern schildert Hein Druck, Schikane, eilige Anpassung, aber auch die im Rückblick oft weggeleugnete Möglichkeit, integer zu bleiben. 

Hein mag Friedeward Ringeling mit einem sanften Pomp, der ihm sonst fremd ist. „Er war ein edler Mensch“, heißt es eingangs, „diese aus der Mode gekommene Zuschreibung entsprach ihm vollkommen.“ Man würde ihn gerne als weiteres Hein’sches Glückskind bezeichnen – wie Konstantin Boggosch in „Glückskind mit Vater“ gegen alle Wahrscheinlichkeiten –, wenn ihn nicht viel später eine Einzelheit einholen würde. Ausgeprägt ist Heins Sinn für die gut versteckten Fallen der Zeitläufte. Hart geht er am Ende von „Verwirrnis“ mit den westdeutschen Rechthabern ins Gericht. Das ist keine Einseitigkeit, das ist lediglich weiterhin die Weigerung, über Unrecht hinwegzusehen. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion