Comic

Farben des Schreckens

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Huberts und Kerascoëts Comic „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ ist eine präzise Milieustudie des Paris zwischen den beiden Weltkriegen.

Paris zwischen den Kriegen, zu Beginn der 1930er Jahre. Die Hauptstadt ist voller Leben, die Menschen feiern, gehen ihrer Arbeit nach – noch kündet nichts von der großen Katastrophe. Auch in den Vororten der französischen Metropole trifft man sich zu allerlei Vergnügungen.... Bunte Lichter, Girlanden säumen die Tanzfläche. Agathe hat sich mit einer Freundin ins Nachtleben gestürzt. Ausgelassen tanzen sie, lassen sich immer wieder von jungen Herren auffordern. An diesem trubeligen Ort trifft man sich, frisch verliebte Paare und all jene, die hoffen, eine Bekanntschaft zu machen, vielleicht auch die Liebe des Lebens zu finden.

Doch irgendwann ist es spät, die Freundinnen sind müde und wollen gehen. Und so wird schnell noch ein letzter, besonders charmanter Verehrer abgewiesen, um sich zu Fuß auf den Weg zurück in die Stadt zu machen. Es geht durch den Wald, den warmen Farben des Tanzvergnügens folgt ein kaltes Blau. Es ist dunkel, nur noch Schatten sind zu sehen. Es ist unheimlich. Die beiden Frauen beginnt es zu gruseln. Sie werden ihres Leichtsinns gewahr. Plötzlich steht eine dunkle Gestalt vor ihnen. Sie ist riesig und droht mit einem Messer. Schreie. Man läuft auseinander, Agathe gelangt an ein Seeufer, findet ein Ruderboot und kann sich retten.

Auf nur zwei Seiten kippt die Stimmung ins Düstere, ins Bodenlose. Der Comic „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ beginnt mit einem jähen Sturz und stimmt seinen Leser auf eine überaus rasante Geschichte ein. Damit einher geht ein überaus dynamisches Spiel der Farben und Stimmungen. Was eben noch ausgelassener und lichter Alltag war, mit seinen warmen, Geborgenheit und Sicherheit gewährenden Tönen, wird unversehens zum bläulich-grauen Schrecken, zur Dunkelheit, in der Menschen einsam und verloren sind. Selten ist in einem Comic so bedacht und kunstvoll mit Farbtönen und Stimmungen gearbeitet worden.

Der französische Szenarist Hubert und das Zeichnerduo Kerascoët (der gemeinsame Künstlername von Marie Pommepuy und Sébastien Cosset) erzählen mit „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ die Geschichte zweier Schwestern. Die eine, Agathe, ist vergnügungslustig und leichtsinnig, die andere, Blanche, ist dagegen sittsam, schüchtern – und sehr besorgt um ihre unstete Schwester. Beide arbeiten als Zimmermädchen für eine alte, mürrische Dame. In deren prächtiger Stadtvilla wohnen sie auf dem zugig-kalten Dachboden. Eines Tages wird Agathe dort tot aufgefunden. Die Polizei geht von einem Selbstmord aus.

Tatsächlich aber ist sie erschossen worden. Blanche ist sich dessen vollkommen sicher, schließlich hat sie einen Schuss gehört. Und sie weiß auch, dass der Mord etwas mit den zwei Gestalten aus dem Nachbarhaus zu tun hat, die sie kurz zuvor durch ein Loch in der Wand beobachtete – mit einer blutüberströmten, furchtbar entstellten Frauenleiche! Blanche ist überzeugt: Das kann nur der Schlächter von Paris gewesen sein, der hier seit einiger Zeit sein grausames Unwesen treibt. Und tatsächlich, in den nächsten Tagen berichten die Zeitungen von einer verstümmelten Leiche, die am Ufer der Marne gefunden wurde....

Der Schlächter hat also wieder zugeschlagen und die Frauenleiche war, wie Blanche herausfindet, eine Prostituierte aus dem Pompadour, einem Pariser Edelbordell. Blanche beschließt, ihre Schwester zu rächen und lässt sich im Pompadour anstellen; als jungfräulich-strenge Gouvernante, als Fräulein Rühr-mich-nicht-an, peitscht sie fortan die feine Pariser Herrschaft aus und stellt nebenher ihre detektivischen Recherchen an. Das Bordell erweist sich dabei als ein merkwürdiger Ort, hier herrschen finsterer Schrecken, grelle Missgunst und helle Eifersucht, doch gibt es auch Geborgenheit und Freundschaft – ein Ort mit vielen Farben, Blanche (und der Leser) lernt allmählich, sie zu verstehen.

Hubert, von dem auch die Kolorierung ist, und Kerascoët schaffen ein so eindringliches wie anschauliches, genaues Sittengemälde der Pariser Dreißiger. Dabei gelingt es den beiden Zeichnern, wie schon in ihrem Comic „Jenseits“ (FR v. 15. Januar) mit einem scheinbar naiven, an Kinderbücher erinnernden, dann wieder drastischen Strich jene motivischen Kontraste herzustellen, von denen der Comic seine erzählerische Dynamik bezieht: „Fräulein Rühr-mich-nicht-an“ zeigt ein bigottes Milieu, in dem Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Gleichgültigkeit selbstverständlich Teil des alltäglichen Lebens geworden sind und in dem Unschuld unvermittelt in Schuld umschlagen kann, ja muss.

Verwunderlich ist deswegen keineswegs, dass uns der Werdegang Blanches, ihr Weg in die Prostitution, trotz aller Verwerfungen als Weg in die Freiheit von Bevormundung und Doppelmoral erzählt wird. Eine interessante, zumal analytisch wie historisch genaue Pointe der Geschichte, von der uns bisher zwei der im Berliner Reprodukt Verlag erschienenen Bände erzählen; ein dritter soll im Dezember erscheinen. In Frankreich ist bereits der fünfte Band in Vorbereitung – Bigotterie ist ein unerschöpfliches Thema.

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