Die Farbe des Schattens des Unglücks

Vorläufiges Gelingen, aufgeschobenes Scheitern: Dea Lohers Erzählungsband "Hundskopf"

Von SIBYLLE CRAMER

Alle Geschichten der Autorin führen in zeitgenössische Gesellschaften, deren Ordnungsgefüge eben noch auf Normierung und Disziplinierung beruhte und nun bei abgebauten Grenzkontrollen und annullierter Verhaltensregulierung ein Ort globaler Zirkulation, Flexibilität, der Deterritorialisierung und freier Selbstverantwortlichkeit ist. Wo einst kanonische Wahrheiten, moralische Imperative und Wertsysteme von den staatlichen Institutionen verteidigt wurden, da tauchen nun unsichtbare, von der Erzählerin umso genauer beobachtete mythische Schwellenzonen auf, elementare Markierungen einer neuen Form des Mythos, die es gilt, auf dem Weg in die schrankenlose Freiheit des Handelns und in okkulte Bezirke der Erfahrung zu überschreiten und im Kampf mit den immer noch wirkungsmächtigen Ordnungskräften lebensstrukturierender Denktraditionen zu überwinden.

In den Geschichten Dea Lohers steht mal die Unüberschreitbarkeit der Schwelle im Vordergrund, mal das bindungs- und entscheidungslose Passieren. Es sind Geschichten in der Zugluft offen stehender Warteräume eines vorläufigen Lebens, die in aller Schärfe die Ambivalenz menschlichen Handelns in absoluter Freiheit hervortreten lassen, Geschichten latent drohender Gefahren, lauernder Gewalt, hingehaltener Entscheidungen. Ein junges Mädchen bricht mit dem Freund zu einer Geburtstagsfeier jenseits der Grenze in Slowenien auf und landet in einer wüsten Rauschgiftparty. Eine Geisteskranke, die sich ein Leben außerhalb der Anstalt ermogelt hat, sucht Hilfe fürs bevorstehende Sterben. Eine in Neapel lebende Frau besucht ihren verwitweten Vater in den Bergen, um das Schießen zu erlernen. Die Titelgeschichte handelt von einem Schlagzeuger, der sich in Hamburg kümmerlich als Kneipenwirt durchschlägt, bis ihm das Kopfgeld für einen Mord in den Schoß fällt, den er nicht ausführt, nachdem er die eheliche Idylle ausgekundschaftet hat, in der die Auftraggeberin und ihr avisiertes Opfer leben. Die männliche Titelfigur der letzten Erzählung, "Mink", kehrt nach einer Serie kläglich gescheiterter Geschäftsunternehmungen an den Ort seiner Jugend zurück, um mit Helen, der Freundin seiner Studentenzeit, ein neues Leben zu beginnen, und findet sie im Herzen der Finsternis wieder, als Table-Dancerin eines Strip-Lokals. Die Rückkehr an den lichteren Ausgangspunkt seines Lebens führt ihm Ansichten einer Reise ans Ende der Nacht vor Augen.

Technik der Entdramatisierung

Allen Geschichten Dea Lohers ist eine Technik der Entdramatisierung eigen, die Schillers Überlegungen über das Vergnügen an tragischen Gegenständen zu beherzigen scheinen. Und sie erinnern daran, dass Reduktionen des Lebens auf elementare Gewaltverhältnisse unseren Wahrnehmungsgewohnheiten nicht mehr entsprechen. In einer Reihe von Texten zeigt die Autorin mit dem engen Ausschnitt, den sie wählt, und der Indirektheit der Darstellung, wie sehr unser Leben im Zeitalter der Information nicht aus unmittelbarem Erleben hervorgeht, sondern von zweiter Hand gesteuert wird. Der an die Teichoskopie des Dramas erinnernde Kunstgriff, einen Augenzeugen einzuschalten, dient der Entemotionalisierung und Versachlichung des Erzählens. Die Gemütsbewegungen der Figuren werden in Aussagen szenischer und mimischer Elemente verlagert.

Die zweite Geschichte des Bandes, "Der Mann mit den Eisbären", erzählt von einer Studentin, die sich als Babysitter im Haushalt einer Ärztin verdingt. Die Spuren einer sich auflösenden Lebensordnung, die Zeichen einer mühsam aufrechterhaltenen Gemeinsamkeit und schwelenden ehelichen Krise hat sie längst entziffert, als die Zudringlichkeiten des Ehemanns den Abschied herbeiführen. Ein junges Paar, Anna und Johann, muss seine Hochzeitsreise durch die Wüste Arizonas unterbrechen, weil Anna plötzlich von heftigen Leibschmerzen geplagt wird. Die körperliche Krisensituation wird zum Kristallisationspunkt der Wahrheit über das Scheitern der Reise ins Glück, über getäuschtes Vertrauen, falsche Gewissheiten, ein erlogenes Glück und längst unabwendbar gewordene Entscheidungen nach der Entdeckung Annas, dass Johanns Entzug keineswegs gelungen ist, dass er seine Drogen auf die Reise mitgenommen hat. Die Autorin schneidet den Augenblick aus, in dem Anna im Krankenhaus untersucht und, ohne Hilfe zu finden, entlassen wird. Ein alter Nothelfer, das Wetter, in diesem Fall die Hitze, dient der Autorin als Metapher: des Seelenzustands ihrer Schmerzensfigur. In dem Maße wie Annas Not, Angst und Hilflosigkeit zunehmen, zieht Johann sich von ihr zurück, und verkehrt sich der erzählerische Augenschein eines jungen Paars im "Honeymoon", so der Titel, in ein Trugbild.

Die Erzählung ist ein schönes Beispiel für die sichere Hand der Theaterautorin beim Zugriff auf den signifikanten Augenblick, der den latent schwelenden Konflikt krisenhaft zuspitzt und das Scheitern und den Bruch herbeiführt. Zugleich legt der Text die Defizite eines Erzählens bloß, das die Sprache als reibungslos funktionierendes Instrument der Ereignisvermittlung, nicht aber als Gestaltungsmittel ernstnimmt. Der erzählerischen Darstellung fehlen die Farben, die Atmosphäre, die Tiefenschärfe, die Stimmungen und Charaktere. Merkwürdig, dass die Dialoge als Möglichkeit der Aufbrechung der Erzählsprache in Tonfälle, Idiome, Stimmen, kurzum als Mittel zur Konturierung der Figuren brachliegt. Möglicherweise ist die ausgewiesene Dramatikerin, die mit Hundskopf ihr Prosadebüt vorlegt, gewöhnt, sich auf die visuelle Vervollständigung des Geschriebenen durch die Regie zu verlassen.

Allerdings wiegt der Einwand leicht angesichts einer erzählerischen Schwellenkunde, die mit diagnostischer Schärfe und analytischer Kraft die Bewegungsgesetze in der Absicht rekonstruiert, die Gegenwart von der Vergangenheit abzugrenzen und zugleich Intensität und stabilisierende Funktion ihres Zusammenhangs aufzuzeigen.

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