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Präziser Beobachter: Autor Schimmang.

Jochen Schimmangs "Das Beste, was wir hatten"

Sie fangen einfach noch einmal an

Jochen Schimmangs neuer Roman schildert, oberflächlich betrachtet, den Lebensweg einiger typischer Achtundsechziger. Ein vielschichtiger Roman, eine Mentalitätsgeschichte. Von Sabine Peters

Von Sabine Peters

Gregor Korff und sein Freund treffen sich als Schüler, Anfang der sechziger Jahre, häufig in einem Versteck. Dort machen sie erste Erfahrungen mit Mädchen und warten darauf, dass das Leben endlich anfängt. Am liebsten spielen sie Beckett. "Existentialist konnte jeder sein, ein paar schwarze Klamotten, eine Schachtel Gauloises und fertig... Über die Exis lächelten sie milde, wenn sie ihnen auch allemal lieber waren als die Spießer."

Gregor studiert in den siebziger Jahren in Westberlin Politische Wissenschaften und schließt sich einer der K-Gruppen an - in dieser Zeit, an diesem Ort fällt ihm das mehr oder weniger zu. Eher beiläufig findet seine Trennung vom kommunistischen Orden statt: Gregor ist kein entscheidungsfreudiger Mensch.

Warum also nicht in Speyer weitermachen, an der Hochschule für Verwaltungswissenschaft? Anfang der Achtziger wird er, auch das fast zufällig, zum Politikberater eines Ministers in Bonn. Sein Freund Leo arbeitet als Verfassungsschützer.

Jochen Schimmangs neuer Roman schildert, oberflächlich betrachtet, den Lebensweg einiger typischer Achtundsechziger. Die Generationszugehörigkeit reicht aber als Kategorie bei weitem nicht hin, um seine Figuren zu erfassen: Der 1948 geborene Autor hat sich in all seinen Büchern für das Abweichende, Überraschende interessiert. Trotzdem hat sein neuer Roman einen hohen Wiedererkennungswert für Leser, die noch in der alten Bundesrepublik Deutschland aufwuchsen.

Boris Becker schlägt sein legendäres Tennismatch, und Gregor denkt anlässlich des Spiels plötzlich das Wort "Nation". Für ihn, der immer nur vom "Staat" sprach, hat "die Nation" unmerklich einen Gefühlswert bekommen. Und so belächelt er die Bonner Republik nicht nur; er liebt sie auch auf eine wohlgefällige Weise.

Die 68er nach 1989

In atmosphärisch dichten Bildern beschreibt Schimmang, wie Gregor im verschlafenen Bonn lebt und im übrigen eine Affäre mit der Frau seines Freundes Leo genießt. Er dient Institutionen, ohne sonderlich an sie zu glauben, und scheint Mitte bis Ende der Achtziger angekommen zu sein in einem gut situierten Leben. Das Jahr 1989 aber markiert eine Wende nicht nur für die Bürger der DDR, sie verändert auch Gregors Leben. Als eine seiner früheren Geliebten als Stasispitzel enttarnt wird, verliert er seine Arbeit.

Sein Freund Carl, ein stiller Archivar, wird wegen eines geplanten Anschlags auf das Germania-Denkmal verhaftet. Die etablierten Pragmatiker in dem Kreis um Gregor schlagen eine überraschende Volte. Es ist, als würden sie mit dem schwedischen Autor Lars Gustafsson, dem Jochen Schimmang in mehreren Büchern seine Reverenz erwies, sagen: "Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf." Carl wird in einer reibungslos durchgeführten, gewaltfreien Aktion befreit, bekommt eine andere Identität und fängt im Ausland neu an.

"Das Beste, was wir hatten" ist ein vielschichtiger Roman, eine Mentalitätsgeschichte und Chronik der alten und neuen Bundesrepublik, changierend zwischen Realismus und ironisch gebrochener Utopie. Wenn aus den Beobachtern und Kommentatoren noch einmal Akteure werden, dann wissen sie: Farbeier auf die neuen Ideologen des "Wertewandels" zu werfen, wirkt wie ein Zitat. Und die Gefangenenbefreiung ist ein romantischer Akt; sie hat allenfalls private Folgen. Ihr Sinn liegt nicht darin, die Gesellschaft zu verändern oder gar den Staat anzugreifen. Trotzdem schildert Schimmang, wie melancholisch auch immer, dass das Wünschen auch mal helfen kann. Wunscherfüllung: Die Guten kommen davon, die Widerlinge kriegen auf die Nase. Das funktioniert, weil es so beiläufig geschieht, ohne Trompetentöne, ohne Pathos. Als könnten die Bürger ihre anarchistischen Anwandlungen selbst nicht allzu ernst nehmen.

Jenseits einer Abrechnung

Die Vergangenheit ist zwar kein Ort, den man aufsuchen könnte, aber sie wird auch in Schimmangs jüngstem Buch noch einmal beschworen, unaufdringlich und gelassen. Der Autor gilt längst als ein Archivar des Verschwundenen, und seine Figuren finden sich damit ab, dass sie nicht das Ziel "der" Geschichte sind. Sie erzählen sich lieber Geschichten, als in der Gegenwart ihren festen Platz zu bestimmen. Schimmang denunziert die Protagonisten in keiner Phase ihres Lebens; sein Buch hebt sich wohltuend von einer Abrechnungsliteratur ab, die immer aus der Position des Besserwissenden geschrieben wird.

Klaus Theweleit hat sich, angefangen mit seiner bahnbrechenden Untersuchung "Männerphantasien", immer wieder mit kollektiven Rhythmen und den entsprechenden Konstruktionen und Fantasmen beschäftigt. "Das Beste, was wir hatten" besteht auf den Bewegungen Einzelner, die immer wieder quer zu den großen Linien verlaufen. Das Leben von Schimmangs Helden ist in einem philosophischen Sinn immer schon verfehlt. Sie sind, wie man so sagt, nicht ganz von dieser Welt. In diesem Schweben besteht für die Leser das Glück. Für seine Helden sieht es etwas anders aus, etwas gefährlicher. Man traut es Gregor Korff zu, dass er sich schließlich ohne Weiteres verflüchtigt.

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