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Hat bessere Bücher geschrieben: Autorin Ingrid Noll.
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Hat bessere Bücher geschrieben: Autorin Ingrid Noll.

Buchkritik

Familie ist anstrengend

Der neue Roman von Ingrid Noll überrascht mit nie gekannter Öde. Mit ihm verhält es sich wie so oft mit der Familie: Ist anstrengend - und gehört über Bord.

Von Abini Zöllner

Immer weiß der Leser, worauf er sich gefasst machen muss: Mord und Totschlag; ein bisschen Mitgefühl für das Opfer und heimliche Sympathie für die Täterin. Ingrid Noll schreibt erwartbare Krimis – immer mit unerwarteten Wendungen.

In ihrem neuen Buch „Über Bord“ überrascht die Autorin jedoch mit nie gekannter Öde. Nichts, wirklich nichts treibt die Handlung voran. Schlimmer noch: Es gibt kaum eine Handlung. Dafür gibt es eine enorm lange Einführung und extrem viele Figuren. Das ist alles irritierend.

„Familie ist immer anstrengend“, sagt anfangs die Enkelin. Es klingt wie eine Warnung. Denn die Familienvorstellung hört nicht auf: Hiltrud ist die Familienälteste, Ellen ist ihre Tochter – beide haben eine innige, aber komplizierte Beziehung zueinander. Komplizierter ist nur noch ihre Beziehung zu Männern.

Amalia und Clärchen, die Enkelinnen, lassen sich davon nicht anstecken. Adam Szczepaniak ist als treuloser Vater/Ehemann/Schwiegersohn zum Glück nur eine Randnotiz. Dafür kommen Ellens Geschwister nicht zu kurz: Matthias, Holger, Christa und Lydia. Oder die Lebensgefährten Uwe, Brigitte, Arno und Maureen. Ja auch die Schulfreundin Katja, die Haushälterin Käthe und ein befreundeter Arzt haben ihren Auftritt. Erst ab Seite 146 wird langsam klar: Hier geht es eigentlich um Gerd Dornfeld!

Zu viele Figuren verhindern jede Spannung

Dass zuvor fast 20 Figuren aufgeführt werden, verhindert jegliche Spannung und schmälert jede Vorfreude. Tatsächlich aber passiert dann doch noch etwas Unvorhergesehenes: So wie sich Hiltrud und Ellen von den Männern abwenden, wendet sich der Leser von diesem Buch ab. Es bleibt liegen, das Weiterlesen wird aufgeschoben. Das ist diesmal die einzige Überraschung bei Ingrid Noll.

Irgendwann quält man sich weiter. Unerwarteter Familienzuwachs, Biografienfälschung, Seitensprünge – das sind doch Themen! Doch Romantikerin Noll strengt lieber unzählige Beschreibungen der entschlossen Seligkeit und altbackenen Gepflegtheit an: Da ist der Pflaumenkuchen und der Strohhut, dort sind die frisch gewaschenen Tischtücher und die zerzupften Wattebällchen. Noch ein duftiger Strauß hier und rosa Cosmeen dort, und irgendwo zwischen den bestäubten Blüten flattert der Nachtfalter. Eine Unmenge an Bildern wird bemüht, um Atmosphäre zu schaffen. Aber, was sagt schon ein spontaner Griff nach einer roten Rose über Gefühle?

Es geht darum, wie Menschen Abenteuer suchen – und Enttäuschungen finden. Wie aus einem Verärgertsein über sich selbst Hass auf andere entsteht. Wie Lebensentwürfe krachen. Und wozu Versuchungen führen: zu Wellengang im Kopf. Eine Kreuzfahrt wird also unternommen. Auf der MS Rena logieren Ellen, Amalia, Gerd Dornfeld und seine Frau Ortrud. Zu allem Überfluss taucht auch noch ein geschwätziges Tierpsychologen-Paar auf.

Zwischen Mistral und Migräne, Mode und Mord geht es von Lissabon über Málaga, Cartagena, Valencia, Palma de Mallorca, Barcelona, Marseille nach Ligurien. Das ist gewiss eine herrliche Strecke. Aber statt davon zu erzählen, lamentiert Noll. Oder sie schreibt ihren Figuren Fachkommentare zu, die gegoogelt sein könnten: Egal ob Antoni Gaudí oder Musophobie – half hier Wikipedia? Und die Wortwiederholungen in einigen Sätzen lassen auf ein legeres Lektorat schließen. Um es mit Ortruds Worten zu sagen: Wie tief sind wir gesunken?

Am Ende verhält es sich mit dem Buch wie so oft mit der Familie: ist anstrengend – und gehört über Bord.

Ingrid Noll: Über Bord. Diogenes, Zürich 2012. 332 Seiten, 21,90 Euro.

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