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Rückkehr zum literarischen Schreiben: Ines Geipel.
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Rückkehr zum literarischen Schreiben: Ines Geipel.

DDR

Die falsche Liebe

  • VonCornelia Geißler
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In ihrem Roman "Tochter des Diktators" schaut Ines Geipel von Italien aus auf das Adoptivkind von Walter Ulbricht.

Das Licht ist besonders in Cigoli zwischen Pisa und Florenz. Der Kontakt zwischen den Menschen wird vom Pfarrer gelenkt und von Gerüchten befeuert. Ines Geipel beginnt ihren Roman zwar mit der atmosphärischen Beschreibung eines Städtchens in der Toskana. Doch der Titel „Tochter des Diktators“ weist den Weg in die Politik. Eine Frau namens Anni Paoli kündigt an, ihr Leben zu erzählen, danach würde „die Welt eine andere sein“.

Die Erzählerin vermischt verbürgte und vermutete Handlung, zitierte und erfundene Aussagen. Ihre Hauptpersonen Bea und Ivano Matteoli haben historische Vorbilder. Denn der Roman spielt vor dem Hintergrund tatsächlicher Geschehnisse des 20. Jahrhunderts. Der aufklärerische Anspruch der Ich-Erzählerin Anni leitet sich daraus ab, dass über jene Ereignisse und vor allem über die titelgebende Figur schon viel gemutmaßt, vertuscht und aufgebauscht wurde.

Der aufklärerische Anspruch der Ich-Erzählerin

Bei Beate Matteoli handelt es sich um „die Tochter des Berliner Mauerbauers Walter Ulbricht, das erste ostdeutsche Staatskind also“. Ines Geipel kehrt mit diesem Buch zu einem Thema zurück, das sie vor einigen Jahren in einem biografischen Essay behandelt hatte: Damals legte sie die Fakten über Maria Pestunowa dar, 1944 als Tochter einer ukrainischen Zwangsarbeiterin geboren, im Januar 1946 von Walter Ulbricht, dem aus Moskauer Exil zurückgekehrten KPD-Funktionär, und seiner späteren Frau Lotte Kühn adoptiert und mit neuem Namen versehen.

Beate wurde in der Schule gemobbt und deshalb zum Abitur nach Leningrad geschickt, sollte dann auch in der Sowjetunion studieren. 1962 verliebte sie sich in den italienischen Kommilitonen Ivano Matteoli. Die DDR-Regierung verhinderte, dass es eine glückliche Beziehung wurde. Sie verhinderte auch noch nach dem Tod Walter Ulbrichts, dass Beate Matteoli ein normales Leben führen konnte. 1991 starb sie 47-jährig in Berlin. Nun geht Geipels Erzählerin bis in die unmittelbare Nachkriegszeit zurück. Sie nähert sich der verbürgten und skandalisierten Geschichte vom sozialen Abstieg des ersten Staatskindes von Italien aus.

Anni und Ivano, beide Jahrgang 1942, die Tochter des Apothekers und der Sohn des Schusters, wuchsen gemeinsam auf. Als in Cigoli im Juli 1946 eine Bombe auf dem Kirchplatz hochgeht, entsteht die Frage, ob deren Opfer „die letzte Tote des alten Krieges oder die erste des neuen geworden ist“.

Was das mit Ulbrichts Tochter zu tun hat? Für Anni sehr viel. Denn der Vater ihres besten Freundes Ivano gehört als Kommunist zu den Verdächtigen, die nach dem Anschlag gesucht werden. Und Ivano selbst folgt den Idealen seines Vaters; er geht nach Leningrad zum Studium. „Wir sind eine große Bewegung“, tönt er, spricht von Arbeit, Brot, Bildung, Frieden. Wie Ines Geipel hier die Vergangenheit wiederbelebt, das erinnert an Nora Bossongs funkelnden Roman „36,9 Grad“ über den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci: Die Geschichte der Ideen zur Veränderung der Gesellschaft hat ihre Bedeutung für heute. Auch ihr Scheitern.

Anni wünscht sich die Innigkeit der Kinderzeit zurück, doch als Ivano ihr gesteht, sich in Leningrad verliebt zu haben, liegt ihre „Zukunft in den Stürzen, nimmt jemand die Hände vom Seil, liegt man im Dreck.“ Anni fügt ihre eigene Verunsicherung in die Bruchstücke, die Ivano ihr von seiner großen Liebe und von den noch größeren Schwierigkeiten mit deren Eltern hinwirft.

So zieht die Autorin ein wenig von dem politischen Gewicht aus der Erzählung – sie schreibt hier auf einer ganz anderen Ebene als in ihrem ersten Text über die Ulbricht-Tochter. Beate, die Ivano Matteoli nur heiraten darf, als er mit ihr in die DDR zieht, ist hier die Konkurrentin, die wunde Stelle im Leben Annis.

Doch die Zeit dreht sich weiter. Bald ist Anni in einer anderen Stadt mit einer anderen Version von Revolution beschäftigt, im 1968er Paris. Bald radikalisieren sich die linken Ideen in Italien, führen in fürchterlichen Terror. Während Ivano um seinen Traum vom Kommunismus ringt, muss die Erzählerin wieder nach Cigoli zurück, zu ihrem Vater, dem Diktator ihrer Kindheit. Anni wird viel später ihre Nähe zu Beate erkennen und nach deren Spuren suchen. Ines Geipel fühlt sich dabei italienisch ins winterliche Berlin ein: „In der Kälte schien alles zu zerbröckeln.“

Ihre Figur ist Malerin geworden, dieser Blick gibt dem Roman einen besonderen Ton. Manchmal übertreibt die Autorin, etwa, wenn sich Anni erinnert „dass ich Ivano mal nach Beas erstem inneren Bild gefragt hatte“ – wer stellt so eine Frage? Doch im Ganzen trägt diese auf das Sehen und Fühlen zielende Sprache von der Kindheitsbank neben der Kirche bis zu dem traurig-schönen Satz: „Als würde sie am Meer leben, es aber nie bis zum Strand schaffen.“

Anni behauptet eingangs, was sie mit ihrer Geschichte erreichen würde. Die Welt mit Worten zu verändern, ist ein großer Anspruch. Tatsächlich schafft Ines Geipel etwas Besonderes mit diesem Buch: Sie entwirft ein Zeitbild als einen Lebensraum für ihre Figuren und lässt ihnen ihre eigene Würde. Mit „Tochter des Diktators“ ist sie nicht nur zu einem Thema zurückgekehrt, das sie schon einmal beschäftigt hatte. Sie ist zum literarischen Schreiben zurückgekehrt. 1999 veröffentlichte sie den Roman „Das Heft“, bevor sie bekannt wurde für ihre engagierten Sachbücher über in der DDR unterdrückte Autoren und ihre Aufklärungsarbeit in Sachen Staatsdoping. Sie wieder als Erzählerin zu entdecken, ist ein Gewinn.

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