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Der neuen Kommunikationstechnologie literarisch gerecht werden: Das ist Daniel Kehlmanns Anspruch.

Daniel Kehlmanns "Ruhm"

Falsch verbunden!

In seinem neuem Buch klingelt das Telefon nicht unbedingt beim Richtigen.

Von INA HARTWIG

Heute - unterstrichen: heute - erscheint das neue Buch von Daniel Kehlmann. Dieses Ereignis wurde behandelt wie ein Staatsgeheimnis. Druckfahnen wurden nur unter Androhung einer erheblichen Geldstrafe verschickt, die Journalisten mussten versichern, das Manuskript nicht an Dritte weiterzureichen und das Buch auf keinen Fall vor dem 16. Januar zu besprechen. Die üblichen Verdächtigen haben sich an diese Vereinbarung trotzdem nicht gehalten, es war im Grunde wieder das alte Spiel. Egal. Heute wird gefeiert, der Verleger persönlich lädt die unsicheren Kantonisten, die Herren und Damen Kritiker, zu einem Abend mit dem Wunderkind ein. Daniel Kehlmann, dem der Guardian attestierte, "einer der subtilsten und zugleich witzigsten Schriftsteller im Europa der Gegenwart zu sein", ist Gold wert.

Möglich, dass der gerade 34 Jahre junge Autor, dessen Ruhm durch den Weltbestseller "Die Vermessung der Welt" (2005) ohnehin in Marmor gehauen ist, bei der ganzen Aufregung der Coolste bleibt. Jedenfalls ist es schon ziemlich cool, nach allem, was passiert ist, ein Buch vorzulegen, das den Titel "Ruhm" trägt. Als Gattungsbezeichnung steht darunter: "Roman in neun Geschichten". Auch das ziemlich cool: Es ist nämlich gar kein Roman, und von Ruhm handelt das Buch ebensowenig. Höchstens von verfallendem Ruhm, von der Lächerlichkeit und also Komik des Ruhms, von den Selbstzweifeln, den Freiheitswünschen derer, die vom Ruhm befallen sind wie von einer Plage. Und es handelt von jenen, denen der Ruhm verwehrt ist - und die ihn deshalb für eine Verheißung halten.

"Ich" hätte das Buch nach dieser Logik auch heißen können, denn etlichen Figuren rutscht systematisch eben dieses ihr Ich weg. "Falsch verbunden" wäre ebenfalls ein möglicher Titel gewesen, Mobiltelefone spuken leitmotivisch durch alle neun Stories. Daniel Kehlmann hat bereits in einem Interview geäußert, die Auswirkungen der neuen Kommunikationstechniken auf die Menschheit könnten wir in ihrer Radikalität noch gar nicht ermessen. Ermisst "Ruhm" sie denn? "Es nimmt die Wirklichkeit aus allem", sagt programmatisch eine heftig flirtende Frau namens Luzia, und sie meint ihr kurz zuvor angeschafftes Mobiltelefon; das gebräuchliche Wort Handy (so heißt ja ein Erzählungsband von Ingo Schulze) meidet Kehlmann wie der Teufel das Weihwasser.

Die gewisse Altertümlichkeit der Wortwahl durchbricht er nur in einer Geschichte. "Beitrag zur Debatte" hat Kehlmann sie übertitelt - und lässt dort einen fresssüchtigen Nerd in einem chaotischen deutsch-englisch gemixten Abbreviations-Jargon vor sich hinbramarbasieren, über dessen - des Jargons - Authentizität andere urteilen müssen. Solche traurigen Erscheinungen sind einem jedoch im wirklichen Leben schon begegnet. Sie kleben, entkörperlicht wie sie sind (konkret: verwahrlost), ununterbrochen am Bildschirm, der sie fortsaugt in ihre eigene Welt. Mollwitz ist einer von ihnen.

Vielleicht interessiert Sie, mit wem Luzia gerade flirtet, als sie über die irrealen Potentiale des Mobilfunks philosophiert: Es ist der Chef des dicken, traurigen Computer-Nerds von eben, ein intelligenter, melancholisch resignierter Familienvater. Er wird der Dame Luzia verfallen, und zwar derart, dass er sein Leben in ein Davor und ein Danach unterteilt. Er verrät uns, "dass ich lieber sterben würde, als darauf zu verzichten, sie anzufassen, meinen Atem mit dem ihren zu mischen und aus der Nähe zu sehen, wie ihre Augen sich nach innen drehten".

Das nennt man wohl sexuelle Erweckung - okay. Aber die Erotik scheint sprachlich doch etwas altväterlich geraten für einen jungen Gentleman wie Kehlmann. Vielleicht ist die Botschaft ja die, dass die Sinnenfreuden der Mobilfunktechnik wacker trotzen. Übrigens: Der sich in seinem neuen Doppelleben schnell überfordernde Familienvater, Luzias stürmischer Liebhaber, leitet genau jene Telekommunikationsfirma, die bei der Vergabe von Telefonnummern einen so schwerwiegenden Fehler macht, dass der weltberühmte Schauspieler Ralf Tanner von einem Tag auf den anderen plötzlich keinen Anruf mehr erhält. Seine mobile Nummer ist einem anderen zugeteilt worden.

Womit wir am Anfang wären: In der ersten Geschichte bekommt der Angestellte Ebling plötzlich Anrufe, die nicht ihm gelten. Die Anrufer verwechseln ihn mit jemandem, der offenbar ein aufregenderes Leben führt als er. Ebling nimmt den Rollentausch an, was seinem Durchschnittsleben den vermissten Kick verpasst: Er spricht als Ralf Tanner mit dessen Freunden, vor allem aber mit dessen Mätressen - mit aufwühlenden Folgen gleichermaßen für sein eigenes Innenleben wie für das seiner Gesprächspartner.

Das ganze Buch ist durchzogen von derlei Netzen; Fangnetzen, Figurennetzen, technischen Netzen, Motivgeflechten, Reiserouten - die sich hier und da überschneiden und das Personal in der Vorstellung des Lesers in Beziehung setzen. Es sind jedoch äußerliche Verknüpfungen, die nicht in die Tiefe des Charakters hineinragen; wie überhaupt gar kein Charakter hier "tief" ausgeleuchtet wird. Eben genau deshalb ist das Buch kein Roman im herkömmlichen Sinne. Technische Pannen zeitigen biographisch mehr oder weniger dramatische Folgen: Das ist das Plotprinzip. Als wären Nervenbahnen über die "neun Geschichten" geworfen, die das Textkorpus zusammenhalten. Die jeweiligen Verbindungen zu entschlüsseln, gehört gewiss zu den vergnüglichsten Seiten von "Ruhm". Hier zeigt der Autor sich als virtuoser, amüsierter, leichthändiger Jongleur.

Doch Kehlmann geht noch weiter. Fiktion und Nichtfiktion sollen sich verbinden, bisweilen bis zur Ununterscheidbarkeit. Das ist natürlich heikel, schon wegen der unendlich langen Vorgeschichte der Selbstreflexion in der Literatur. Gleich drei Schriftsteller schickt Kehlmann in die Arena, einer trägt Züge eines Alter ego: Leo Richter, "Autor vertrackter Kurzgeschichten voller Spiegelungen und unerwartbarer Volten von einer leicht sterilen Brillanz". Und mindestens eine der neun Geschichten, "Rosalie geht sterben", stammt aus Leos Feder. Ferner hat Leo eine toughe Geliebte, Elisabeth, die seiner Heldin Lara Gaspard verdammt ähnlich sieht.

Weiterhin treten auf: Die Krimiautorin Maria Rubinstein, die auf einer Reise im fernen, ex-sowjetischen Osten verloren geht; und schließlich der auf der halben Erdkugel bestverkaufte Brasilianer Miguel Auristos Blanco, Verfasser von kitschigen Lebenshilfebüchern, dem wir in einer Situation extremen Selbstzweifels ins Luxusappartment in Rio schauen dürfen. Man soll in diesen so unterschiedlichen Schreibern, insbesondere in der extrem einfältig dargestellten Leserschaft (v.a. im Umfeld der Goethe-Institute), bestimmt eine Satire auf den Literaturbetrieb sehen. Vor überlebten Klischees, um nur die strickjackenbewehrte Kulturinstitutsleiterin in Mittelamerika zu nennen, schreckt Kehlmann nicht zurück.

Triftiger ist da schon der opake Existentialismus, der die Subjekte verschluckt und über den Szenerien liegt wie Filmnebel, artifiziell und elegant. Das Finale wagt gewissermaßen die vollkomme Undurchsichtigkeit, wenn Lara Gaspard, die Heldin aus Leo Richters Erzählungen, und dessen Geliebte Elisabeth einander begegnen. Elisabeth ist sauer, dass sie literarisch ausgeschlachtet worden ist, und kündigt an, Leo zu verlassen. ",Aber nicht jetzt', sagte er. ,Nicht in dieser Geschichte.'"

Das alles liest sich so surreal wie grotesk, so schaurig wie lustig - Kehlmann, das spürt man, hat das Spiel mit dem Identitäts-Taumel großen Spaß gemacht. Doch ob das Mobiltelefon in Afrika klingelt oder in Hannover, ob das Akku leer ist oder eine Nummer vertauscht wurde: "Ruhm" bleibt einem altmodischen Menschenbild verhaftet. Es sind die guten, alten Wünsche und Konflikte, die hier obwalten. Das kann man beruhigend finden. Oder bieder.

Daniel Kehlmann: Ruhm.

Roman in neun

Geschichten.

Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, 205 Seiten,

18,90 Euro.

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