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In der Falle

Der junge arabische Israeli Sayed Kashua erzählt von einer bedrückenden Anpassungsfähigkeit

Von SABINE PETERS

Sie sind nicht Fisch und nicht Fleisch. Die arabischen Israelis unterscheiden sich von den in Gaza und im Westjordanland lebenden Palästinensern, denn offiziell gelten sie als israelische Staatsbürger. Formal sind sie mit der jüdischen Bevölkerung gleichgestellt. Aber einerseits sind sie in den Augen vieler Juden so etwas wie ein Krebsgeschwür. Und andererseits halten viele Palästinenser sie für Kollaborateure.

Sayed Kashua, ein arabischer Israeli, hat jetzt seinen zweiten Roman vorgelegt, eine düstere Vision der Post-Intifada, und was an seinem Buch vor allem verstört, ist, wie realitätsgesättigt und faktenreich diese Fiktion ist. Der Ich-Erzähler, ein Journalist, der für eine jüdische Zeitung arbeitet, kehrt entmutigt aus Jerusalem in sein arabisches Heimatdorf zurück. Die feindseligen Parolen in der Stadt, die zur Vertreibung von ihm und seinesgleichen auffordern, lassen ihm sein Dorf wie einen Fluchtpunkt erscheinen. Aber auch dort findet er sich nicht mehr zurecht. Das Bandenwesen hat zugenommen, Ballereien, Schutzgelderpressungen und Kidnapping sind an der Tagesordnung. Und dann wird das Dorf von einer Nacht zur anderen hermetisch abgeriegelt von israelischem Militär. Und dann werden alle in Israel Arbeitenden von Grenzpolizisten ins Dorf zurückgebracht. Und dann wird eine Nachrichtensperre verhängt. Es gibt kein Wasser mehr, der Strom wird abgeschaltet. Im Dorf bricht ein Bürgerkrieg aller gegen alle aus.

Kashua spielt anhand der jetzt Eingeschlossenen ein gut bekanntes Szenario durch, man denke nur an Camus' Roman Die Pest oder Goldings Herr der Fliegen: Wie wirkt sich eine Katastrophe und der Zusammenbruch gewohnter Regelsysteme auf eine Gemeinschaft aus? Während innerhalb des von Kashua beschriebenen Dorfes der Bürgerkrieg tobt, einigen sich "außerhalb" Palästinenser und Israelis auf ein umfassendes Friedensabkommen. Es beinhaltet unter anderem, dass die arabischen Israelis künftig als palästinensische Bürger gelten. Der Ich-Erzähler hat das Gefühl, verkauft zu werden. Er traut den Palästinensern so wenig wie anderen arabischen Gesellschaften die Fähigkeit zur Demokratie zu. Außerdem weiß er: Arabisch zu sein ist das Schlimmste, was einem passieren kann.

Schon in seinem ersten Roman Tanzende Araber hat Sayed Kashua, Jahrgang 1975, die Zerrissenheit der arabischen Israelis thematisiert; dabei gelingt es ihm, den Einzelnen zu sehen. Auch jetzt ist Kashuas Blick tief pessimistisch. Das spricht keineswegs gegen das Buch. Es ist sehr spannend geschrieben, und doch bekommt man ein vielschichtiges Bild einer von Widersprüchen und Gewalt geprägten Gesellschaft.

Kashua hat seinen zweiten Roman wieder auf Hebräisch geschrieben; in einem Interview fragte er rhetorisch, in welchem arabischsprachigen Land er bei der herrschenden Zensur schon veröffentlichen könne. Er schreibe für Israelis. Diese eindeutige Zugehörigkeitserklärung wird in seinem Roman durch eine Vielfalt von Figuren mit unterschiedlichen Ansichten aufgelöst. Und so wird dieses Buch zu einem nachdenkenswerten, streitbaren Diskussionsangebot.

Der israelischen Seite sagt es: Hört auf, die arabischen Israelis noch mehr zu verwirren und zu spalten, als sie es ohnehin schon sind. Entgegen den goldenen Worten diverser Politiker, die "unsereinen" als Brücke zwischen Israelis und Arabern sehen, machen wir die Erfahrung, in der Falle zu sitzen. Für die eigene Seite leistet Kashuas Roman härteste Selbstkritik. Der Blick ist illusionslos, er ist gnadenlos. Die arabischen Israelis sind hier nicht nur unschuldige Opfer. Eine abstrakte Identifikation und Solidarität mit Palästinensern im Gaza-Streifen etwa geht durchaus einher mit der konkreten Ausbeutung der illegalen palästinensischen Arbeiter im Dorf selbst. Und gerade in Krisensituationen zeigt sich eben, dass auch in der Gemeinschaft der arabischen Israelis eine Mehrzahl von Leuten jedes Gefühl für so etwas wie Würde verliert. Die Dorfbewohner werden Opportunisten, Mitläufer, Mittäter, wenn sie nur selbst etwas davon haben.

Ein dichtes, beklemmendes Buch, das auch hiesige Leser mit sich zieht in ein fremdes Land. Die Frage allerdings, wie schnell man unter äußeren schwierigen Bedingungen verkommt, ist so fremd nicht; sie ist existentiell.

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