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Sarajevo 1997.

Umstrittener Nobelpreisträger

Peter Handke: Seine Klarstellungen machten es schlimmer, nicht besser

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Peter Handkes bis heute provozierende Parteinahme im Jugoslawien-Krieg erklärt sich nicht nur durch seine politische, sondern seine poetische Weltsicht.

In der Erzählung „Die Wiederholung“ fährt ein junger Mann, der vieles mit Peter Handke gemein hat, von Kärnten aus mit dem Zug über die Grenze, steigt am ersten Bahnhof aus und streift offenen Auges durch die Straßen des reizlosen Industriestädtchens am Rande der Alpen. Zu schüchtern, jemanden anzusprechen, verlässt er sich ganz auf seinen Blick. Einer imaginären Freundin schildert er später von seinem Ausflug kein Geschehnis, nur „einen Anblick, ein Geräusch, einen Geruch“. Ihm fällt auf, dass die Leute ihn, „ganz anders als in den Kleinstädten meiner Heimat, zwar hin und wieder wahrnahmen, aber keinmal anstarrten“.

Spätherbst 1995: Peter Handke reiste nach Serbien

„Die Wiederholung“ erscheint 1986. Nach dem Zerfall Jugoslawiens und nach drei Kriegen reist Peter Handke im Spätherbst 1995 mit dem gleichen feinen Sensorium nach Serbien. Die Menschen in Belgrad wirken auf ihn, ähnlich wie damals im slowenischen Grenzstädtchen, „nicht bloß schweigsamer als, sagen wir, in Neapel oder Athen, sondern auch bewußter, ihrer selbst wie auch der anderen Passanten, auch aufmerksamer, im Sinn einer sehr besonderen Höflichkeit“.

Keine zehn Jahre nach der „Wiederholung“ ist aus Kärnten der Westen, aus Slowenien Serbien geworden. Der Schriftsteller ist noch immer derselbe. Wie kann einer, der so empathisch hinschaut und der sich dabei so sehr preisgibt, zu einer solchen Hassfigur werden, zu einem, der den Nobelpreis – so wird es seit Wochen diskutiert – nicht verdient hat? Hat Peter Handke viele Missverständnisse nicht längst klargestellt?

„Handkes ästhetische Pose verweist die Erfahrungen und Erzählungen von Verwundeten, Vertriebenen, Entkommenen, die Berichte der Journalisten, die „Aussagensammler“, wie Handke sie nennt, die Untersuchungen zahlloser Kommissionen auf niedere Ränge.“

Es ist die Kunst der genauen Sinneswahrnehmung, die Handke auszeichnet, auch Mitte der Neunzigerjahre. Das Schauen, Lauschen, Spüren ist sein Verfahren. Parolen, selbst Begriffe und Analysen und erst recht fremde Bilder, Kamerabilder, stören und störten dabei. Jetzt, wo Jugoslawien und der Jugoslawienkrieg im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit steht, müssen sie erst einmal verscheucht werden. Still!, so rief der Dichter. Er höre nichts! Weg, so war er zu vernehmen, mit den schreienden Bildern! Schon in der „Winterlichen Reise“ waren der Gegner die Medien mit ihrer Tendenz, ihren vorgefassten Meinungen, ihrer groben Sprache, mit der sie die Wirklichkeit „begrapschen“, statt sie verstehen zu wollen. In der Stille nur nehme der Dichter wahr, was uns, den Lesern, den gewöhnlich Sterblichen verborgen bleibe.

Weltbild von Peter Handke - wenig originell

Das politische Weltbild, das hinter Handkes Haltung steht, ist wenig originell und leicht auch anderswo zu finden. Serbien steht in den Texten für den Dichter gegen einen geschwätzigen, heuchlerischen Westen, gegen die Welt von „McDonald’s und Coca-Cola“. In Handkes grotesken Drama von der „Fahrt im Einbaum“, 1999 am Wiener Burgtheater uraufgeführt, prallen die Gegensätze hart auf einander: Zwei westliche Journalisten, ein Amerikaner, ein Spanier, drehen einen platten, moralisierenden Kriegsfilm. Historiker treten als Experten, ahnungslose „Internationale“ als Friedensprediger auf und breiten ihre Klischees aus. Authentisch im Stück ist nur der schlichte „Waldläufer“. Gerade in der Rückständigkeit des „Serbenvolks“ erblickt der Autor dessen Würde.

Der Kulturpessimismus und der Kult des reinen Ursprungs, wie in dem Drama von der „Fahrt im Einbaum“, kleideten sich in Handkes Jahrgang, in der 68er Generation, nicht selten in ein linkes Gewand, in Kritik am Neoimperialismus der Amerikaner und der westlichen „Gaunerstaaten“. Die Kroaten seien „alle Faschisten“, während „die Serben“ immerhin gegen die Nazis gekämpft hätten: So etwas wird bis heute in traditionslinken Kreisen gern geglaubt. Mit Argwohn registrierten sie die Verbrüderung von FAZ und taz, wenn es um Jugoslawien ging.

Peter Handke: Die Fragen sind alle nur rhetorisch

Manches in der veröffentlichten Meinung in Deutschland und Frankreich war tatsächlich problematisch bis dumm. Zu Recht geißelte Handke die in den Neunzigerjahren beliebte These, „die Serben“ hätten die Aufklärung verpasst und seien deshalb so böse – ein Anwurf, der die Seiten gewechselt hat und heute von rechts erhoben wird, gegen die Muslime. Manche der vielen Fragen, die Handke gestellt hat, sind auch noch immer nicht schlüssig beantwortet: warum zum Beispiel von den 76 Toten des Zehntagekrieges in Slowenien 45 – bei Handke: „beinahe alle“ – Soldaten der Jugoslawischen Volksarmee waren. Berechtigt ist auch Handkes Frage, warum das schlimmste Massaker, das von Srebrenica, begangen wurde, als die serbische Seite den Krieg schon verloren hatte.

Aber Handkes Fragen sind alle nur rhetorisch. Wer sollte einem Dichter antworten, wenn nicht er selbst? Nicht die politischen Ansichten Handkes, seine mal offene, mal verhaltene „proserbische“ Position sind es, die die Aufregung um seine Schriften so wachhalten. Einem Harold Pinter, Nobelpreisträger des Jahres 2005 und Mitglied des „Internationalen Komitees zur Verteidigung von Slobodan Milosevic“ wurde – gnädig – politische Idiotie zugebilligt. Was bei Handke so empört, ist die Pose des reinen, vorurteilsfreien, ungestörten Betrachters, der die Wahrheit, was immer das ist, aus den unscheinbaren Details herausliest. Andere Beobachter und Zeugen mögen Schlimmes erfahren, Opfer gezählt, Tatsachen zusammengetragen haben. Authentisches Wissen aber hat nur der Dichter, suggerieren Handkes Fragen.

Peter Handke und die ästhetische Pose

Die neoromantische „Ästhetik des reinen, unmittelbaren Blicks“, wie der Marburger Germanist Heinrich Kaulen Handkes Poetik genannt hat, vermag zwar manches zutage zu fördern, was man im Fernsehen oder in der Zeitung nicht findet – die Höflichkeit der Menge auf dem Belgrader Kalemegdan zum Beispiel. Wer mit diesem Verfahren die Wahrheit über einen Krieg ergründen will, muss diejenigen vor den Kopf stoßen, die zu Opfern dieses Krieges wurden oder sich nur damit befasst haben.

Handkes ästhetische Pose verweist die Erfahrungen und Erzählungen von Verwundeten, Vertriebenen, Entkommenen, die Berichte der Journalisten, die „Aussagensammler“, wie Handke sie nennt, die Untersuchungen zahlloser Kommissionen auf niedere Ränge. Gegen den Blick des Dichters erscheinen sie bestenfalls als zweite Wahl, wenn nicht, da medial vermittelt, ganz unerheblich.

Um dem Vorwurf der Einseitigkeit zu entgehen, musste Handke auch mit der anderen Seite reden. Nicht nur mit Radovan Karadžic, dem damals schon angeklagten Kriegsverbrecher, traf Handke sich, auch mit dem katholischen – also kroatischen – Bischof von Banja Luka und mit Jovan Divjak, einem ethnisch serbischen General in bosnischen Diensten. Aber die Gesprächspartner, die Handkes Sicht vehement widersprachen, waren dem gleichen poetischen Blick ausgesetzt. Nicht was sie sagen, war interessant, sondern wie der Dichter es empfand.

Der Dichter Peter Handke maßt sich das letzte Wort zu

Nachdem er so viel Empörung ausgelöst hatte, musste Handke dann auch öfter etwas „klarstellen“. Gern zitieren seine Verteidiger den Satz, Srebrenica sei „das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde“. Aber solche Klarstellungen machten es schlimmer, nicht besser. Sie unterstrichen nur, dass es der Dichter war, der sich das letzte Wort zumaß.

Zu dem Massaker im Juli 1995 waren, als Handke es schließlich verurteilte, schon Tausende Dateien Haager Gerichtsprotokolle, 1500 Protokollblatt eines Ausschusses der französischen Nationalversammlung und der 3500-Seiten-Bericht des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation publiziert. Aber den „Aussagensammlern“, den Journalisten, den Zeithistorikern mochte Handke nicht glauben. Erst sein poetischer Blick autorisierte sein Urteil, nicht die „sogenannte Welt“. Für Handke hat der Dichter seine eigene, höhere Wahrheit, für andere ist es „das Volk“. Erst die Bestätigung aus der Welt der „Alternative Facts“ machte ihm das Selbstverständliche glaubhaft. Spätestens mit seiner Klarstellung war Handke zur durch und durch politischen, Wahrheitspolitik betreibenden Figur geworden; Pegida und AfD avant la lettre.

Der poetische Blick ist nichts Verallgemeinerbares. Er ist das Privileg des Dichters; zu debattieren gibt es nichts. Was er sieht, ist wahr, auch wenn – und gerade weil – es sonst keiner sieht. Schon in der „Wiederholung“, der Erzählung aus dem Jahr 1986, schafft das Alter Ego des Autors sich sein eigenes, ganz persönliches Traumland: das Gegenbild zum spießigen, nazistischen, deutschen Kärnten der Nachkriegszeit, in dem Handke aufwuchs.

Peter Handke und seine authentische Erfahrung

Ohne dass er mit jemandem sprechen müsste, erschafft sich der junge Romanheld ein stimmiges Bild von der Welt jenseits der Grenze. Die Kellnerin in einem Gasthaus bringt ihm Milchkaffee und einen Stoß Weißbrot, den er hungrig verschlingt. „Dieses Weißbrot“, sagt er sicher und stolz, „bedeutet für mich seitdem ‚Jugoslawien‘.“

Widerspricht dem Autor jemand, weil Jugoslawien für ihn vielleicht etwas ganz anderes ist, wird Handke böse, denn er fühlt sich seiner authentischen Erfahrung beraubt und damit persönlich angegriffen. Es ist eben seine Wirklichkeit, und die – auch wenn es eine Konstruktion ist – darf ihm niemand ausreden. Wer es versucht, muss mit wütenden, oft vulgären Kontern rechnen – muss sich seine „Betroffenheit in der Arsch schieben“ oder sich als „Westhure“ beschimpfen lassen, wie die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic.

Als Handke in der „Winterlichen Reise“ der damaligen Korrespondentin von „Le Monde“ einen „unverwüstlichen Haß gegen alles Serbische“ unterstellt, verteidigt er sich gegen empörten Widerspruch mit dem Hinweis, die „Le Monde“-Korrespondentin in seinem Text sei ja nur sein, Handkes, Bild von ihr. Was ist dagegen die echte Frau? Ceci n’est pas une pipe, schrieb Magritte unter sein Bild einer Pfeife. Handke zündet das Bild an und versucht daran zu ziehen.

Von Norbert Mappes-Niediek

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