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Unter Faschismus-Verdacht: Georges Simenon.
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Unter Faschismus-Verdacht: Georges Simenon.

Georges Simenon

Der Fall Georges Simenon

  • Axel Veiel
    VonAxel Veiel
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Der Maigret-Autor Georges Simenon steht unter Faschismus-Verdacht. Aber auch seine Verteidiger formieren sich.

Was Kommissar Maigret in seinem 75 Romane füllenden Berufsleben zu schätzen wusste, scheint hier nun im Übermaß vorhanden: Lügen, Intrigen, Verrat, Ehrgeiz, Eifersucht, Hass. Man muss die Vorstellungskraft nicht sehr strapazieren, um sich auszumalen, wie der Mann mit der Pfeife im Mundwinkel mit Ruhe und Einfühlsamkeit der Wahrheit auf die Spur kommt. Die Ermittlungen richten sich in dem Sendeplätze, Blogs und Zeitungsspalten füllenden Fall jedoch gegen Georges Simenon selbst, den geistigen Vater des Romanhelden. Der 1989 mit 86 Jahren gestorbene belgische Schriftsteller ist in den Ruch des Faschismus geraten. Er soll während der Besatzungszeit in bestem Einvernehmen mit deutschen Nazis seine Karriere vorangetrieben haben.

Der Romancier Patrick Roegiers behauptet das, wie Simenon Belgier und nach Frankreich übergesiedelt. In Roegiers’ Ende August bei Grasset erschienenem und für den Prix Renaudot nominierten Buch „Der andere Simenon“ („L’Autre Simenon“) geht es vordergründig um dessen drei Jahre jüngeren Bruder Christian. Er war zweifellos Faschist. Zur von Léon Degrelle in Belgien gegründeten Nazi-Bewegung Rex hatte er gehört und war als Mitglied der Miliz „Force B“ an der Ermordung von 19 Zivilisten beteiligt. Um nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden, schloss er sich nach Kriegsende der Fremdenlegion an, kämpfte in Indochina, wo er 1947 ums Leben kam.

Aber Roegiers belässt es nicht dabei. Er schlägt die Brücke zum älteren Bruder. Christians Niedergang und Georges’ Aufstieg seien „zwei Seiten derselben Medaille“. Jeder habe sich auf seine Art mit dem Teufel eingelassen. Christian habe den Schergen gegeben. Georges habe Deutsch gelernt, Nazi-Offiziere empfangen, mit der von Joseph Goebbels gegründeten Produktionsfirma Continental-Films zusammengearbeitet, die Maigrets Abenteuer in die Kinos brachte.

Die Anklage gipfelt im Vorwurf, Georges habe den Bruder gedrängt, zur Fremdenlegion zu gehen, und ihn damit de facto in den Tod geschickt, um sich eines potenziell rufschädigenden Familienmitglieds zu entledigen. Wobei Roegiers mit der Freiheit des Romanciers Christian in „Der andere Simenon“ als Mitglied der sich später der Waffen-SS anschließenden Wallonien-Legion in Russland sterben lässt.

Die Ehre des Georges Simenon ist freilich noch nicht verloren. Verteidiger sind aufmarschiert. Auch sie fahren schweres Geschütz auf. An vorderster Stelle schießt der Franzose Pierre Assouline zurück, Biograf des ins Zwielicht Geratenen und Mitglied der Jury des Prix Goncourt. Unterstützt von Georges Simenons Sohn John, dem Inhaber der Rechte am Werk des Vaters, sowie dem Zeichner Jacques de Loustal wird Assouline am heutigen Samstag in Lausannes Cercle Littéraire auf Freispruch plädiert.

Vor der Veranstaltung hatte der Verfasser der 1992 erschienenen Simenon-Biografie bereits deutlich gemacht, was er von Roegiers’ Recherche hält: nichts. Voreingenommenheit und Verleumdung wirft Assouline dem Kollegen vor. Voreingenommenheit insofern, als Roegiers ausschließlich Belastendes zusammentrage und „bis zur Lächerlichkeit“ übertreibe. Verleumdung insofern, als Georges den Bruder ermutigt habe, sich unter einem Decknamen der Fremdenlegion anzuschließen, um ihn zu retten. Georges selbst sei kein Kollaborateur gewesen, habe seinen Namen unter kein Werk der Nazis gesetzt, so Assouline. Der Erfolgsautor habe den Deutschen die Rechte an seinen Werken verkauft, mehr nicht.

Er steht mit seinen Einwänden nicht allein. John Simenon nennt Roegiers’ Buch im „Figaro“ eine „Serie von Hirngespinsten“. Der Schriftsteller Jean-Baptiste Baronian, Vorsitzender des Vereins „Les Amis de Simenon“ (Die Freunde von Simenon), bezichtigt Roegiers, im Ton eines Staatsanwalts historische Unwahrheiten zu verbreiten. Woraufhin Roegiers in der belgischen Tageszeitung „Le Soir“ zum Gegenschlag ausgeholt hat. Als „schwachsinnig und bösartig“ weist er die Kritik zurück.

Aussage steht gegen Aussage. Ein Briefwechsel der Brüder Georges und Christian, der Aufklärung bringen könnte, ist spurlos verschwunden. Was bleibt, ist Polemik und der Wunsch, ein Mann vom Schlage Maigrets möge den Fall übernehmen.

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