Fäuste voll Mühe und Jagen nach Wind

Die negative Emotion als Affekt und Ansporn: Der Philosoph Friedhelm Decher zu Geschichte und Phänomenologie des Neids

Von RÜDIGER ZILL

Neid war eine der sieben Todsünden. Das hängt uns nach. Auch wenn Wollust und Völlerei heute nettere Namen erhalten haben und dann doch akzeptabel geworden sind: Neidisch ist man einfach nicht. Höchstens noch im scherzhaften Sinn: Da bin ich aber neidisch. Nein: Neidisch, das sind die anderen. Theoretisch ist der Neid so auch lange Zeit außer Kurs geraten. Nur wenige Autoren, die man als rechte Soziologen abtat, bewirtschafteten ihn noch, erhoben ihn sogar zu einer Triebkraft in der Gesellschaft. Eine Renaissance erlebte der Neid erst wieder in der politischen Debatte der letzten Jahre; kaum eine der wichtigen Kulturzeitschriften ignorierte das Thema, sogar im Philosophischen Quartett erregte es die Gemüter. Der Streit um den Neid wurde zum Kampf um die Verteilungsgerechtigkeit.

Heiliger Zorn oder bloße Missgunst?

Um so länger man die Debatte aber verfolgt, um so mehr verschwimmt der Begriff. Denn was für den einen nur der niedrige Neid unzufriedener Charaktere, ist für den anderen gerechte Empörung über soziale Missstände. Neid ist also nicht einfach ein Gefühl, etwas Substantielles in uns: Neid argumentiert. Und je nachdem, wie wir zu den Argumenten stehen, heißt das, was da in uns bohrt, anders: heiliger Zorn oder zersetzende Missgunst.

Aber schon terminologisch wird es hier schwierig. Ist Missgunst wirklich dasselbe wie Neid? Für diese Art begrifflicher Kleinarbeit lässt sich Hilfe in der philosophischen Tradition finden, die über das Phänomen nachgedacht hat, seitdem es ihr suspekt wurde, dass selbst die Götter vom Neid getrieben werden. Friedhelm Decher hat diesen philosophischen Diskurs nun in seinem neusten Buch Das gelbe Monster. Neid als philosophisches Problem aufgearbeitet.

Decher hat einige Erfahrung mit den negativen Affekten. Nach einem Buch über die Ethik des Selbstmords hat er sich zunächst der Langeweile und dann der Verzweifelung gewidmet. Er reiht sich dabei unter jene Philosophen ein, die die Bestände ihrer Disziplin aus der rein historisierenden Behandlung durch die akademischen Kollegen befreien und sie für eine Theorie und Praxis der Lebenskunst wieder nutzbar machen wollen.

Dazu durchmustert er, was die Tradition zu den einzelnen Emotionen jeweils zu sagen hat. Das prägt auch den Stil des neuen Buchs, umreißt seinen Nutzen und seine Grenzen. Wie seine Vorgänger reaktiviert es die Klassiker - von Aristoteles und Epikur über Bacon und Nietzsche bis zu Scheler und Rawls -, ohne sich dabei aber der Litanei des historischen Rosenkranzes, der zeitlichen Abfolge großer Autoren zu verpflichten. Der Autor versucht vielmehr die Fundstücke in eine systematische Ordnung zu bringen, eine Ordnung, die aber additiv bleibt und nicht über das Vorgefundene hinausgeht. So mischt sich Decher dann auch nicht in politische Debatten ein, und nur an wenigen Stellen schaut er einmal über den Gartenzaun seines Faches auf die Ergebnisse etwa der soziologischen, psychologischen oder evolutionsbiologischen Kollegen. Wo dies doch geschieht, regiert deutlich die Perspektive der Lebenskunst, die konsequent in einem langen Kapitel über Neidverhinderungsmittel gipfelt.

Zu diesem Zweck versucht Decher den Neid auch erst mal im Gefüge verwandter Affekte zu verorten, so etwa im Verhältnis zu der noch weit existenzielleren Eifersucht, die anders als der duale Neid eine Beziehung unter dreien ist. Ich bin neidisch auf etwas, das ein anderer hat, eifersüchtig aber auf einen dritten, der mir die Gunst der anderen Person streitig machen will. So auch im Verhältnis zu Ressentiment, Groll, Schadenfreude, so aber auch zur Rivalität, der einzigen seelischen Regung, in deren Gestalt der Neid positiv erscheinen kann, ohne uminterpretiert zu werden.

Seit Kain und Abel

Während der "gerechte Unwille", also eine moralisch inspirierte Empörung, den Stein des Anstoßes anders sieht und dabei offen bestreitet, Neid zu sein, ist was Decher im Anschluss an Aristoteles "Rivalität" nennt, Motor zunächst der agonalen Gesellschaft in den antiken Stadtstaaten, dann aber auch der modernen Konkurrenzgesellschaft. Wir missgönnen dem anderen nicht einfach seinen Besitz, er ist uns Ansporn, Vergleichbares zu erobern. Neid ist die Wurzel des Ehrgeizes.

Schon Mandeville ordnete den Neid mit unter die Tugend produzierenden Laster ein, schon in jungen Jahren sei er die treibende Kraft hinter dem Wetteifer. Voraussetzung des Konkurrenzkampfes, Wurzel des Neids ist immer also der (schiefe) Blick auf den Anderen. So stellt Decher dann auch das "Strukturmoment des Sich-Vergleichens" ins Zentrum seiner Analyse. Dieser Vergleich entfaltet seine Kraft allerdings immer nur bei Verwandtem. Nur dort, wo sich die Herkunft und die soziale Situation des Neiders und des Beneideten in etwa gleichen, kann sich das bohrende Gefühl optimal entfalten.

So ist dann der Neid - mehr noch als Gefühle ohnehin - eine Emotion des Nahbereichs. Am besten blüht er auf dem Dorf, dort, wo es buchstäblich "um die Wurst" geht, oder noch klarer: in der Familie. Viele der mythischen Neider waren Geschwister: Kain und Abel, Joseph und seine Brüder, Aschenputtel und ihre Schwestern.

Können dann andere Emotionen des Nahbereichs, zum Beispiel Mitleid, den Neid überwinden? Decher zitiert auch hier die zustimmenden Autoren aus der Tradition, auch jene, die Vernunft oder Erziehung, die Aufwertung der eigenen Gruppe oder enge Kooperation mit anderen als Mittel gegen den Neid empfehlen. Am klarsten favorisiert er aber die altbewährten Strategien antiker Lebenskunst: Gelassenheit und ein selbstgenügsames Leben. Oder wie heißt es schon beim Prediger Salomo: "Besser eine Handvoll Ruhe als beide Fäuste voll Mühe und Jagen nach Wind."

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