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"Die Russen haben diese Illusion, zur Weltmacht zurückzukehren", sagt Dmitry Glukhovsky.

Dmitry Glukhovsky Interview

"Facebook ist die moderne Form des Samisdat"

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Der Schriftsteller Dmitry Glukhovsky, bisher mit Science-Fiction erfolgreich, zieht von der Utopie in die Realität um und findet in Russland Machtmissbrauch und Korruption vor.

Ein Mann kommt nach Jahren der Haft zurück in seine Heimatstadt Moskau. Dort trifft er auf denjenigen, der ihn unschuldig in die Fänge der Justiz brachte: Ein korrupter Polizist der Drogenfahndung, der die Macht auf seiner Seite weiß. In Dmitry Glukhovskys Roman „Text“ wird der ehemalige Häftling bald mehr und mehr mit seinem Peiniger verschmelzen – und so in ein Netz aus Korruption und Machtanmaßung gelangen. Die Botschaften auf dessen Smartphone sind der Schlüssel dafür. So begibt sich der durch die „Metro“-Trilogie berühmt gewordene Autor mitten in die russische Gegenwart.

Herr Glukhovsky, Sie schildern die russische Gesellschaft heute als korrupt und verlogen, leben aber weiterhin als Schriftsteller in Moskau. Wie frei ist die Kunst heute in Russland?
Das ist eine große Frage gleich zu Beginn. Sie ist nicht so frei. Wir sehen, dass Regisseure wie Kirill Serebrennikow entweder verhaftet oder unter Hausarrest gehalten werden. Oder denken Sie an Pussy Riot. Aber ganz unfrei ist die Kunst auch nicht. 

Wie man an Ihnen sehen kann.
Ich greife nicht Putin direkt an, aber das korrupte System, dieses Kastenwesen, das wir jetzt haben. 

Kasten kennt man aus Indien. Was meinen Sie?
Es gibt auf der einen Seite die macht- und rechtlosen Bürger und auf der anderen die Machthaber, die ihre Willkür gegen jene richten. Davon schreibe ich, und das konnte ich ohne Zensur auf Russisch veröffentlichen. Jetzt sind die Filmrechte verkauft worden und sogar der erste Kanal des russischen Fernsehens will sich daran beteiligen. Russland ist eben ein sonderbares Land. 

Weil Verbote und Erlaubnisse so eng beieinander liegen?
Ja. Und es gibt es auch Autoren mit extremen Ansichten. Literatur ist nicht per se gut, demokratisch: Nehmen wir Sachar Prilepin, der jetzt als Guerillachef im Donbass tätig ist. 

Das ist ein Nationalist?
Ja, ein sowjetischer Nationalist. Und Leute wie er bekommen eine deutliche Unterstützung vom Staat, aus seinen Büchern wird sogar in den Nachrichten zitiert.

Übernimmt die Literatur wieder diese Rolle wie in der Sowjetunion, da die Leute in Büchern suchten, was ihnen die Presse verschwieg?
Literatur hat nur eine kleine Bedeutung für den Staat, weil heute nicht mehr viele Leute lesen. Im Vergleich zu Dutzenden Millionen Fernsehzuschauern tagtäglich wird ein Bestseller in Russland heute in rund 100.000 Exemplaren pro Jahr verkauft. Es gibt fünf oder sechs Schriftsteller, die sich offen politisch äußern und ihre Ansichten in die Bücher fließen lassen wie Boris Akunin, Ljudmilla Ulitzkaja oder Wladimir Sorokin. Im Fernsehen oder in einer Zeitung kann man kaum etwas Politisches ernsthaft besprechen. Sie sind von Kreml-Trolls dominiert, von Propagandisten. Heute, glaube ich, übernimmt Facebook die Rolle der Küchengespräche, die wir zu Sowjetzeiten hatten. Die Intelligenzler, die sich früher in den Wohnküchen trafen, die verständigen sich jetzt über Facebook. Dort werden sogar Texte öffentlich, die nicht gedruckt werden können – es ist die moderne Form des Samisdat. 

Im Buch nennen Sie das VKontakte. 
Oh nein, das darf man nicht verwechseln! VKontakte oder vk.com ist das russische Pendant zu Facebook, viel einflussreicher dort, überhaupt in Osteuropa. Die kooperieren sehr herzlich mit dem FSB, also dem Geheimdienst. Es gab schon einige Prozesse wegen oppositioneller Posts. Das passiert bei Facebook nicht. 

Ihr Roman lebt von diesen modernen Kommunikationsmitteln, sie bilden die Struktur des Romans. Wie nutzen Sie selbst das Smartphone?
Natürlich habe ich alle meine Kommunikation darin, in Whatsapp, Telegram oder einfachen SMS. Durch das Handy schaffen wir heute unsere romantischen Romane, alle Verführungen sind darin, auch Verrat. Meiner Meinung nach ist es ein Speicher für die Seele. Jedes Mal, wenn du was Schönes siehst oder Freude fühlst, musst du unbedingt ein Foto machen oder ein Video drehen. Alles, was uns wirklich interessiert, finden wir darin.

Deshalb ist es möglich, dass die beiden entgegengesetzten Personen durch das Smartphone zu einer verschmelzen – der unschuldig in Haft genommene junge Mann und derjenige, der ihn dahin gebracht hatte. 
Ja, weil der eine das Handy des anderen bekommt – und den PIN-Code. Er sieht sogar, wie sich die Beziehungen seines Widersachers zu anderen Menschen entwickelt haben und kann da eingreifen.

So dass wir zu dem Motiv von Schuld und Sühne kommen. Beide haben Schuld auf sich geladen, durch ihre Verschmelzung wird sie gesühnt.
In Russland ist das Buch sogar mit Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ verglichen worden, wie sein „Schuld und Sühne“ ja wörtlich übersetzt heißt. Sehr schmeichelhaft. Aber in Wahrheit geht es um Strafe und Verbrechen – in der Reihenfolge.  

Sie sprechen von der Seele, aber das Handy ist international. Gibt es die russische Seele, von der früher auch die Literatur handelte?
Natürlich, wie eine deutsche Seele auch. Aber, wenn wir ernsthaft sprechen wollen: Um die Russen heute zu verstehen, muss man ihre nostalgischen Gefühle für die Zeit sehen, da Russland eine Weltmacht war. Im 20. Jahrhundert lebten wir in der tagtäglichen Aufopferung für ein großes Zukunftsprojekt. Davon blieb das Gefühl, dass wir einem Imperium angehörten, vor dem die Welt sich fürchtete. Die Russen verwechseln manchmal Respekt mit Angst. Nach dem Zerfall des Koordinatensystems aus Mythologie, Zukunftsvision, Vergangenheitsverklärung und moralischen Werten, die in der Sowjetunion galten, hatten wir nichts mehr. Es herrschte ein wilder Kapitalismus. Da wir kein Rechtsstaat sind, werden wir niemals ein richtiges Selbstvertrauen und Selbstachtung bekommen. Dieses Vakuum muss man irgendwie füllen – und dort hinein kommt nun die Vorstellung vom Imperium. Da war die Annexion der Krim eine sehr gute Psychotherapie. 
 
Weshalb?
Um zu zeigen, dass wir auf die Weltbühne zurückkehren. Zwar ist durch die Sanktionen inzwischen der Rubel drastisch gefallen, das Lebensniveau wieder gesunken. Doch die Russen schlucken das alles, weil sie diese Illusion der Rückkehr zur Weltmacht haben. 
 
Das klingt ja wie in der Sowjetunion, als alles dem höheren Ziel des Kommunismus untergeordnet wurde.
Alle, die heute vierzig Jahre oder älter sind, haben ja auch die sowjetischen Lehren mit der Muttermilch eingesogen. Deshalb sind sie empfänglich für solche Botschaften, die nach 25 Jahren zurückkehren.
 
Dieses Kastensystem, von dem Sie sprechen, in dem diejenigen, die Macht und Geld haben, oben stehen, hat sich das in dieser Weise erst unter Wladimir Putin herausgebildet?
Das können wir nicht so genau sagen. Aber in der Sowjetunion hatte niemand Geld, auch nicht die mit der Macht, Breschnew etwa. Nicht einmal beim KGB gab es Reichtum. Aber heute eröffnet sich für alle, die nur ein bisschen Macht haben, eine unerschöpfliche Quelle von Geld und Machtmissbrauch. Geld allein aber garantiert für nichts, wie das allbekannte Beispiel von Michail Chodorkowski zeigt. Er geriet in Konflikt mit Putin, mit einem Fingerschnipsen war alles weg.

Sie haben selbst einige Jahre für das Fernsehen gearbeitet. Weshalb kritisieren Sie es jetzt so?
Für mich, einen früheren Fernsehjournalisten, ist es sehr traurig zu beobachten, wie die staatlichen Kanäle die öffentliche Meinung konstruieren können. Wirklich: Meine damaligen Freunde rechtfertigen Putins Einmarsch in der Ukraine. Ich spreche mit diesen Leuten nur noch über Familie und Kinder. Die Sender haben überhaupt kein Verhältnis zur Wahrheit. Sie lügen, sehr geschickt, sehr künstlerisch, sehr einflussreich. Der Absturz der moralischen Prinzipien vollzog sich 2014. 
 
Mit dem Ukraine-Konflikt?
Mit der Annexion der Krim. Jetzt haben wir uns schon daran gewöhnt.
 
Sie sind erfolgreich geworden durch Science-Fiction, nun haben Sie einen eher realistischen Roman geschrieben. Hat die Gegenwart Sie eingeholt?
Vielleicht sogar überholt. Die russische Gegenwart ist viel fantastischer und absurder als meine Dystopien von vor ein paar Jahren. Wir haben keine zeitgenössischen Romane, die das Klima, die Atmosphäre, die Gespräche der Jetztzeit konservieren. Die russische Literatur ist sehr mit der Vergangenheit beschäftigt und einer möglichen Zukunft. Ich interessiere mich aber für das Heute, ich wollte ein realistisches, ein ultrarealistisches Buch schreiben. 
 
Wie reagiert Ihr Publikum auf diesen Genrewechsel?
Das ist unterschiedlich. Normalerweise ist man als Schriftsteller eine Geisel seines vorigen Erfolgs. Die Leute wollen dich immer so sehen, wie sie dich kennen. Aber es ist ja auch langweilig, immer dieselben Sachen zu machen. Ich empfand es als Herausforderung. Nächstes Jahr werde ich vierzig, ich bin kein junger Autor mehr. 
 
Interview: Cornelia Geißler

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