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Lob des Exzellenzgefühls

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Von: Michael Braun

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Was an Steffen Popps Gedichtband "Kolonie Zur Sonne" bezaubert, ist die kunstvolle Komposition ästhetischer Dissonanzen, der spannungsreiche Zusammenklang von Pathos und Profanem.

Beim Wettlesen um den Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt, der immer noch wirkmächtigsten Literaturbörse für aufstrebende Junglyriker, kam es im März 2007 zu einer grotesken Szene. Als Favorit war Steffen Popp angetreten, der ästhetisch wagemutigste Protagonist der jungen Berliner Dichter-Szene. Was er dort vorlegte, eine kühne Synthetisierung poetischer Erhabenheitsgesten, funkelnder Ironie und lässig eingestreutem Alltagsstoff, stieß bei der Jury auf Befremden.

So endete der Auftritt des mit Abstand sprachschöpferischsten Autors der jungen Gegenwartslyrik in einem Debakel. Die Jury sah in seinen Gedichten nur eine ausgeklügelte Strategie der vorsätzlichen Irreführung und attestierte dem Autor eine unfreiwillige Selbstparodie.

Offenbar empfinden es die Matadoren des literaturkritischen Diskurses immer noch als Peinlichkeit, wenn ein Lyriker des 21. Jahrhunderts den alten Ausdrucksglanz des emphatisch-romantischen Sprechens reaktiviert. Tatsächlich geht es Steffen Popp, diesem Tonsetzer ästhetischer Widersprüche und Paradoxa, nicht um Entmythologisierung der alten lyrischen Bildstrategien, sondern um poetische Wiederverzauberung unter modernen Ernüchterungsbedingungen, um die Rettung, wie er in einem Interview bekannte, eines "Exzellenz-Gefühls".

Und studiert man nun Popps neuen Gedichtband "Kolonie Zur Sonne", stößt man rasch auf Bildfindungen, in denen genau diese Auratisierung der Phänomene vollzogen wird und durch die Adaptierung eines hohen Tons eine Sehnsuchtsgeste zur Geltung kommt. Das Erhabene ist in seiner sinnlichen Präsenz im Gedicht zum Leuchten zu bringen - gleichzeitig soll es aber dekonstruiert werden. Wenn diese Gedichte "zu neuen Siedlungen gefügt" werden, wie es im Poem "Im Auge des Abends mit Fragen" heißt, dann siedelt das Königliche stets neben dem Banalen. Wenn in besagtem Gedicht von Ezra Pound geträumt wird, dann nur in äußerst unsinnlichen "Wollsocken". Und wenn in einem anderen Gedicht ein expressionistisch überreizter Eingangsvers gewählt wird: "O elefantischer Pan im Porzellantrakt der Musen / hinter den Schleiern suchst du Gesang" - dann folgen umgehend Verse, in denen die alten mythischen Zauberwörter schmerzhaft mit profanem Alltagsstoff kollidieren. Und tatsächlich stößt hier der mythische "Gesang" sofort auf triste Alltagsrealität: "das Lied, unter seiner Nachtmütze aus Sternen / bewegt es den einsamen Boiler, den irrenden Ventilator".

Dieser bewusst inszenierte Zusammenprall von hohem Oden-Ton und profaner Empirie hat Methode. Schon der Titel von Popps zweitem Gedichtband birgt ja in sich diese Verfugung der Gegensätze. "Kolonie Zur Sonne": Hier ist die paradoxe Verbindung des "Exzellenz-Gefühls" in Gestalt der Sonne mit der schlichten Gartenlaube markant ins Bild gesetzt. Was an den Gedichten Steffen Popps bezaubert, ist diese kunstvolle Komposition ästhetischer Dissonanzen, dieser spannungsreiche Zusammenklang der alten Pathos-Herrlichkeit mit profanen technischen Vokabularien.

In der letzten Abteilung des Bandes, die etwas leichtsinnig programmatisch "Magische Jagdpost aus Rehheim" überschrieben ist, hat Popp zahlreiche Exempel naturmagischer Redeweisen zusammengetragen, in denen das erhaben Romantische auf ernüchternde Zeichen des Unheils trifft. Was die Darmstädter Jury vor zwei Jahren so dauerhaft befremdete, erweist sich als eins der faszinierendsten Sprachereignisse in der Lyrik der letzten Jahre.

Popp setzt in seinen bildalchemistischen Operationen immer wieder intensive Traumbilder neben grelle Visionen und triviale Dinge aus der Lebenswelt. Dieser Autor spielt wirklich alle Möglichkeiten der poetischen Phantasmagorie durch, so dass in diesen Gedichten wie aus der legendären Büchse der Pandora alle Wirkungsmöglichkeiten der Sprache auffliegen.

Die "Auratische Flurkunde" wird von Steffen Popp mit einer ästhetischen Risikobereitschaft ins Bild gesetzt, wie wir sie in den vielen Verzagtheiten der Jungen Lyrik sonst nirgendwo finden: "Das Sprechen zermürbt die Gemeinde der Schmerzen / Zukunft besiedelt das Denken wie ein Pilz, wie Feuer / ein rotes Pferd steht in der Rotunde, aus Kupfer / das Blut in deinen Fingern, die Festbeleuchtung / hängt in den Kronen wie ein verwelktes Klavier." In einem Statement hat Popp von der "Umsetzung" der Poesie "in eine Lebensform" gesprochen. Die Überführung der Kunst in Lebenspraxis war zuletzt der Traum der Avantgardebewegungen, vor allem der Surrealisten. In Steffen Popp hat der legitime Nachfahre der Surrealisten die Bühne betreten.

Steffen Popp:

Kolonie Zur Sonne. Gedichte.

Kookbooks Verlag, Idstein 2008,

64 Seiten,

19,90 Euro.

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