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Experten

Über meine Zeit in der DDR wissen die Westdeutschen am besten Bescheid

Von Roswitha Haring

Meine Eltern bekamen in den 70er Jahren Besuch von entfernten Verwandten aus Lübeck. Meine Mutter schob den Esstisch in die Mitte des Wohnzimmers, legte eine weiße Tischdecke auf und ermahnte mich, Hochdeutsch zu sprechen. Mitten in der Woche zum Abendbrot. Die Erwachsenen sprachen sehr höflich und sehr laut miteinander. Mein Vater erzählte erfreut, dass es in der DDR auch Bols Likör zu kaufen gibt. Meine Mutter beschrieb den Garten und die schöne Obsternte. Das Ehepaar erzählte von seinen Reisen an die Nordsee und fragte mich unvermittelt, ob ich auch Russisch in der Schule hätte? Ja, sagte ich und verstand nicht, weshalb das ein Frage wert war. Russisch lernte jeder, wie Mathematik und Musik.

Die Frage nach dem Russischunterricht ist geblieben. Auch der Ton ist unverändert, Bedauern, Schmunzeln, Kopfschütteln, Lachen. Wer Russisch lernte, hat etwas versäumt. Wer Russisch spricht, kann kein Englisch. Wer Russisch kann, ist aus einer anderen Zeit. Genau wie dieses meist hellblaue Auto, das der Bruder eines Bekannten von mir einmal lautstark bewunderte, als er, aus Münster kommend, in den 80er Jahren Verwandte im Eichsfeld besuchte. Mein Bekannter sagte zu seinem Bruder, hör auf, du übertreibst, das ist Hohn. Der Bruder hatte es gut gemeint.

Broiler, FDJ und Warteschlangen

Die Trennung hatte die Deutschen unsicher im Umgang miteinander gemacht. Demut und Überheblichkeit, fahler Mut und laute Kritik, erprobte Selbstironie und bierernste Anspannung - zwischen diesen Polen bewegt sich nach wie vor die Kommunikation und sucht nach einer Mitte.

Im Jahr 2001, elf Jahre nach der Vereinigung, hatte ich ein längeres dienstliches Telefonat mit einer mir nicht bekannten Kollegin. Plötzlich sagte die Dame, ich höre, Sie kommen nicht von hier, wie gefällt es Ihnen denn bei uns? Gut, sagte ich, und wie gefällt es Ihnen in der Bundesrepublik? Die Kollegin antwortete mir brav, woher sie vor wie vielen Jahren gekommen war. Sie stamme aus Chemnitz und lebe seit dem Kriegsende in Köln. Sie war "wir", ich war "ihr".

Ihr - das ist der Plural von Du, und mit diesem Pronomen spricht mich an, wer mir etwas über die DDR erzählen will. Wer etwas gehört, gelesen, im Fernsehen gesehen hat und mir somit sagen kann, wie es wirklich war. Dieses Ansinnen ist keine Seltenheit. Lehrerinnen, Tankwarte, Vorgesetzte, Pförtner, Frauen, Männer, Ausländer und Deutsche - egal ob sie nie, einmal über Pfingsten in Berlin oder jedes Jahr bei Verwandten in Parchim, Potsdam oder Plauen weilten.

Viele wissen, wie es sich in der DDR tatsächlich lebte. Oder gelebt haben muss, schließlich gibt es Indizien wie Broiler, Warteschlangen, die Puhdys, Reiseverbot, FDJ und Stasi. Sie alle reden, reden, reden und reden. Ich höre zu und lerne etwas über meine Vorurteile, meinen Umgang mit dem Fremden, mit mir Unbekanntem.

Anfang der 90er Jahre zog mein Mitbewohner aus unserer gemeinsamen Wohnung aus. Die Vermieterin sagte sich mehrfach wiederholend, dass ich doch nun mehr Platz hätte. Ja, bestätigte ich, was meinen Sie damit? Unsere Sätze pendelten gleichlautend eine Weile hin und her. Kommen die jetzt alle von dort hier her?, fragte sie schließlich.

Was stellte sie sich vor? Eine sizilianisch-anatolisch-kroatische Familie mit vierzehn Kindern und drei Großmüttern. Sie kochen, hören Musik und empfangen Besuch. Das wäre mein Alptraum einer Nachbarschaft. Meine Vermieterin hat mir nicht einmal erzählt, wie es im Osten gewesen ist, sie hat mir nur eine Frage gestellt.

Jetzt können Sie endlich reisen, sagte einmal eine Frau während eines Urlaubs zu mir. Ich sagte, dass ich außer in Bulgarien, mehrfach in jedem sozialistischen Land gewesen sei. Sie sagte, naja, und schwieg leicht beleidigt.

Die meisten Fragen bitten nicht um Antwort. Sie sind Feststellungen, die nach Bestätigung rufen und nicht nach Korrektur.

Gab es Kneipen, Discotheken? Ihr habt immer zusammen getanzt, ist auch ein Satz, der keine Antwort will. Ihm folgt Gelächter und die Erklärung, dass in der DDR vieles erst einige Jahre später angekommen ist. Da bin ich aber froh, dass ich das Zusammentanzen kennenlernte. Ich kann einiges erzählen über das Erotische beim Tanzen, über das Gemeinsame, das Berühren, das Tasten. Doch scheinbar wird alles, was man auch allein erledigen kann, favorisiert. Das zählt. Die Urteile stehen fest, es war ulkig, verstaubt und auf jeden Fall ideologisch.

Warst Du auch in der FDJ, werde ich mit Anteilnahme gefragt und antwortete in den ersten Jahren freimütig und ohne schlechtes Gewissen, ja, alle waren in der FDJ. Darauf folgte die ausführliche Erklärung des Fragestellers, dass ich keine Wahl gehabt habe, totalitäre Systeme lassen das gar nicht zu, da müsse jeder mitmachen, klar, und dann wurde ich mit großen Augen, fest geschlossenem Mund und langsamem verständigen Nicken bedauert.

Wieso waren wir in der FDJ? Hatten wir keine Wahl? Was haben wir gemacht? Wir hatten Versammlungen und besprachen schulische Belange. Wir fuhren gemeinsam nach Buchenwald und Berlin. Zum Appell trugen wir das FDJ-Hemd und stopften es danach in die Tasche. Hatte man eine Ausbildung abgeschlossen, verschwand die FDJ aus dem Leben wie die Jugend selbst. Ich kenne nur eine Person, die nicht Mitglied war. Sie hatte die Unterstützung ihres Vaters, der Pfarrer in einer exponierten Position der Kirche war. Sie hatte massive Schwierigkeiten, das Abitur machen zu dürfen. Ihren Studienplatz bekam sie nur durch ungewöhnliche Unterstützung eines Kollegen. Lehnte man eine Mitgliedschaft in der FDJ ab, brauchte man Eltern mit ungeheurer Charakterstärke. Das kommt selten vor. Eltern auf der ganzen Welt räumen ihren Kindern eher soviel Stolpersteine wie möglich aus dem Weg.

Niemand nahm die FDJ ernst, aber mit unserer Mitgliedschaft, mit unserer Teilname stützen wir die Organisation einige Jahre. Das habe ich bei diesem Frage-Antwort-Spiel gelernt, und ich begann, Bekannte in der Bundesrepublik zu fragen, ob sie in ihrer Kindheit Messdiener gewesen waren. Ja, sagten sie ebenfalls freimütig, das war bei uns im Dorf so, oder, mein Bruder war das auch schon, oder, meine Eltern kannten den Pfarrer und so weiter. Ich habe mir nicht erlaubt, sie deswegen zu bedauern, mit ihnen die Rolle der Kirche im Weltgefüge zu diskutieren, Ihnen zu erklären, warum sie so handelten.

Abgehauen - na und?

Vielleicht liegt alles an meiner kollektiven Erziehung. Sie konnten keine Individualität entwickeln, hörte ich einmal, jedes Kind musste doch in den Kindergarten, nicht wahr. Das ist kein Familienleben, wenn die Frau nicht zu Hause ist. Nein, hätte ich der Frau bestätigen können, ich war nicht gern im Kindergarten. Ich konnte die Kindergärtnerin nicht leiden, das Essen schmeckte mir nicht, und das Geschrei der Kinder war mir zu laut. Aber dass Frauen hier kaum die Möglichkeit haben, ihre Kinder unterzubringen, um arbeiten zu können, ist ein anderes Problem, keine Lösung. Sie wollte nichts mehr hören, schloss die Augen, während sie das mit der Familie und der Frau sagte und legte ihre Hand ganz sanft auf meinen Arm.

Das System DDR fiel auf Wunsch seiner Bürger. Ich habe die DDR vor ihrem Zusammenbruch verlassen, weil ich mich nicht mehr sicher fühlte, weil die meisten Möglichkeiten ausgeschöpft waren und die Welt größer als Osteuropa war. Bis heute kann ich nicht beteuern, dass das Leben in der DDR ein urkomischer naiver Versuch war, ein langes faules Gähnen, ein Hausen in Gestank und Beton, ein von Offiziellem, Befohlenem ununterscheidbares Dasein. Ich hole Luft und will sprechen. Die feinen Unterschiede erläutern, die Nischen, Freiräume, aber da sagt schon jemand, es musste alles durch die Zensur, die Wirtschaft lag am Boden, Leipzig war ein dreckiges Nest, das sind Stasimethoden, die Universitäten waren verschult, wir sind hier nicht in der DDR, Sie kennen keine Freiheit, Sie haben eine Menge nachzuholen, und erklären mir genau, was am 9. November 1989 passiert ist. Sie sagen es kalt und laut und lange. Ich höre ein bisschen zu und schalte dann ab.

Es gibt Leute, die mich nie fragen, wie etwas in der DDR war oder mir erzählen wollen, was sie über dieses Land wissen. Verstehen wir uns gut, verständigen wir uns über unsere Erinnerungen und Erlebnisse, und von unserem Leben bleibt das Übliche übrig, Freude und Angst. Das ist auf der ganzen Welt gleich. Der Alltag schlängelt sich an Gegenständen vorbei, und man meint, ein Auto machte das Leben froher und Pfeffer die Speisen heißer. Für einen kurzen Moment stimmt das auch, aber nur ganz kurz und über den Menschen erfahre ich damit nichts.

Roswitha Haring, 1960 geboren in Leipzig, lebt in Köln. Ihr erzählerisches Debüt "Ein Bett aus Schnee" erschien in diesem Frühjahr im Zürcher Ammann Verlag.

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