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Expeditionen ins Wesen der Sprache

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Daniel Heller-Roazens "Echolalien".

Eine in der Tat seltsame Geschichte ist die vom Turmbau zu Babel. Denn warum sollte, erstens, ein höheres Wesen die Menschen dafür strafen, dass sie in effektiver Gemeinsamkeit etwas Besonderes schaffen wollen? Und warum, zweitens, bestraft er sie, indem er das Mittel, das ihrer Verständigung dient, vervielfacht? Von Babel führt ein direkter Weg zum Pfingstwunder, einer Art Simultanübersetzung. Dolmetscher müssen sich geschmeichelt fühlen. Und es führt ein indirekter Weg zum "Endangered Languages Project" der Unesco: Geld zu investieren in die Bewahrung "gefährdeter" Sprachen setzt ja voraus, dass ihre Vielfalt nicht vor allem als Last empfunden wird.

Die biblische Parabel von der Verwirrung der Sprachen ist nur eine der Geschichten, die der in Princeton lehrende Literaturwissenschaftler Daniel Heller-Roazen ausgegraben hat und einer neuen, querdenkerischen Deutung unterzieht. 21 Essays, die vornehmlich um das Vergessen von Sprache kreisen, sind zusammengefasst in "Echolalien" - der Begriff bezeichnet das nachahmende Plappern des Kindes, Voraussetzung für den Erwerb einer "Muttersprache". Das Wort "Echo", das darin klingt, wird Heller-Roazen eingenommen haben für dieses Fachwort. Denn sein Anliegen ist nicht eine Fortschreibung der Sprachwissenschaft, eher steckt er Stöcke zwischen ihre Speichen.

Der dickste ist seine Frage nach der Berechtigung unserer Rede vom "Sprachensterben", von "toten" Sprachen: Wie kann etwas, das kein lebendiges Wesen ist, überhaupt "sterben"? Etwas, das noch dazu eigentlich weiterlebt, nur in veränderter und sich ständig weiter verändernder Form? Gern wird zum Beispiel das Lateinische als "tot" bezeichnet, aber ist es nicht eingegangen ins Italienische, Französische und andere Sprachen mehr? Und wann, im Laufe seiner proteischen Verwandlung, soll es denn genau "gestorben" sein? Kann auch nur ein Sprachwissenschaftler die Todesanzeige finden? Sogar in den Fällen, in denen der angeblich letzte Sprecher einer kleinen, abgelegenen Sprache stirbt und man meint, ein präzises Datum zu haben, wendet Heller-Roazen ein: Ist diese Sprache nicht eigentlich schon in dem Moment erloschen, als der letzte Sprecher niemanden mehr hatte, mit dem er kommunizieren konnte?

Die Heller-Roazens Expeditionen ins Wesen der Sprache überwölbende These lautet, dass alles Sprachenvergessen nur eine Erneuerung ist. Eine notwendige Erneuerung. Sein erster Beleg ist der kindliche Spracherwerb. Zunächst ist das Baby in der Lage, auch Laute auszuprobieren und zu produzieren, die in seiner Muttersprache gar nicht vorkommen. Um diese dann zu lernen, müsse das Kind die unnötigen Laute vergessen. Ein Schnitt findet statt zwischen dem Lallen und dem Formen jener Wörter, die es in seiner jeweiligen Gemeinschaft brauchen wird. Die Ungerichtetheit des Lallens muss ein Ziel finden.

Von dort aus lockt Heller-Roazen auf einen dahin und dorthin abschweifenden Lehrpfad. Führt zum Beispiel zu den außerhalb jeder Sprache stehenden Ausrufen ("Heu!") oder zum drolligen Phänomen der Sternchen, mit denen Sprachwissenschaftler Zwischenstufen bezeichnen, die sie nicht belegen können, aber für notwendig halten ("*fathar" etwa auf dem Weg zu "fadar" und "Vater"). In einem anderen Schlenker geht es um Buchstaben, die verschwinden. Heller-Roazens Beispiel ist das "h", das für ihn, nach Celan, die Spur ist, "die unser Atem in der Sprache hinterläßt" (im Deutschen wird es übrigens früher oder später das "ß" sein, das ausgedient hat, auch wenn der Suhrkamp Verlag sich daran klammert, als gelte es sein Leben. Sein Festhalten an der alten Rechtschreibung hat in diesem Buch eine besondere Ironie).

Wenn Heller-Roazen einen wichtigen Abzweig vergisst auf seiner in so viele unerwartete Ecken führenden Schlenderei, dann den zum Inhalt: Denn ist es nicht Zweck jeder Sprache, ob alt oder neu, tot oder lebendig, dass sie Bedeutung, Inhalt transportiere? Und ist dieser Inhalt nicht vielleicht sogar unabhängig vom Zustand der Trägersubstanz? Was passiert, wenn die Entzifferung einer vergessenen Sprache gelingt? Hat ihr dann jemand wieder Atem eingehaucht, ob mit, ob ohne "h"?

Heller-Roazen hält sich zwar aus jeder aktuellen sprachpolitischen Diskussion heraus, doch werden Puristen und verbissene Bewahrer in "Echolalien" kaum ein Argument für ihre Sache finden können. Eine Sprache, die keine Hautschuppen mehr abstößt und Fremdwörter absorbiert, ist eben nicht in aktivem, täglichem Gebrauch - und damit "tot" (ob man dieses Wort nun verwenden will oder nicht). Eine Sprache, die nicht zumindest in Teilen vergessen wird, kann sich nicht erneuern. Die "Verwirrung" von Babel, so Heller-Roazens kühner und kluger Schlenker zum guten Ende, meint nichts anderes als dieses Vergessen. Als Kronzeugen kann er keinen Geringeren als Dante anführen, einen der größten Sprachfinder und -erfinder.

Daniel Heller-Roazen: Echolalien. Über das Vergessen von Sprache. A. d. Engl. v. M. Bischoff. Suhrkamp 2008, 286 S., 26,80 Euro.

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