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B. Traven, ein großer Vorgaukler von Authentizität.

B. Traven

Exotisches Ambiente, proletarischer Alltag

Vor 50 Jahren, am 26. März 1969, starb der Erfolgsautor B. Traven, der eine mehr als bloß abenteuerliche Existenz führte.

Als Ret Marut sich am Maifeiertag 1919 aus München verabschiedete, sprang er aus dem Fenster. Wäre er nicht gesprungen, hätte man ihn erschossen, wegen Hochverrats, wie es später auf dem Steckbrief zur Fahndung nach Marut hieß. Das Feldgericht, vor dem er stand, kannte mit Anhängern der Räterepublik kein Pardon. Zwei Wächter schon. Sie waren „an diesem Entkommen nicht unbeteiligt“, bekannte Marut in seiner nun klandestin erscheinenden Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“: „Ihnen sei an dieser Stelle gedankt für die Erhaltung eines Menschenlebens.“

Maruts Darstellung der Ereignisse ist exklusiv. Es meldeten sich keine Zeugen, aber auch niemand, der den Ablauf bestritt. Bei der Niederschlagung der bayerischen Revolution kamen laut offizieller Statistik 557 Menschen ums Leben, die wenigsten bei Kampfhandlungen. Maruts Narrativ, nicht das 558. Opfer geworden zu sein, ist also durchaus glaubhaft.

Anschließend tauchte Marut unter (Stationen seiner Flucht waren Viechtach im bayerischen Wald, Prag, Wien, Budapest, Köln, Simonskall in der Westeifel, Antwerpen, Amsterdam, Kopenhagen) und erst fünf Jahre später im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas wieder auf. Nur nannte er sich jetzt anders. Bei den Behörden ließ er sich als Traven Torsvan registrieren, in Deutschland meldete er sich per Post mit B. Traven. Beides waren Pseudonyme, wie auch schon Ret Marut. Der wirkliche Name lautete Otto Feige, geboren am 23. Februar 1882 im westpreußischen Schwiebus, heute Swiebodzin. Zuerst fand dies der britische Journalist Will Wyatt heraus, und auch der Autor einer kürzlich erschienenen Travenbiografie, Jan-Christoph Hauschild, lieferte den Herkunftnachweis.

Empfänger eines Ende 1924 mit der Adresse „postlagernd Tampico“ aufgegebenen Briefs war John Schikowski. Darin offerierte der Unterzeichner B. Traven dem Feuilletonleiter der SPD-Zeitung „Vorwärts“ „einen Roman, der aus eigener Erfahrung das Leben der Baumwollpfluecker in den Tropen sowie das Leben der eingeborenen (indianischen) Arbeiter in verschiedenen anderen Berufszweigen schildert.“ Um Authentizität vorzugaukeln, entschuldigte sich Traven abschließend: „Muss mit Bleistift schreiben, da die naechste Gelegenheit, Tinte zu kaufen, 36 Meilen entfernt ist.“

Vermutlich war sie nur 36 Meter entfernt, bis zur Rezeption des Touristenhotels, in dem Traven logierte. Seine langjährige Erfahrung im tropischen Urwald hält einer Überprüfung ebenfalls kaum stand. Noch im Sommer 1923 hatte sich Marut, bevor er sich den Traven zulegte, in einer Londoner Haftzelle wiedergefunden, nachdem er von Dänemark aus ohne gültige Papiere nach England gereist und von der Polizei aufgegriffen worden war. Im Verhör gab er zu, in Wirklichkeit Otto Feige zu sein; wohl auch, weil eine Abschiebung – Swiebodzin gehörte mittlerweile zu Polen – unwahrscheinlich war.

Schikowski griff zu. Der „Vorwärts“ druckte „Die Baumwollpflücker“ in Fortsetzungen ab. In der Vorankündigung wurde dem „Verfasser B. Traven“ bescheinigt, er sei als „Ölmann, als Farmarbeiter, als Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und Apfelsinenpflücker, Urwaldroder, Maultiertreiber, Jäger, Handelsmann unter den wilden Indianerstämmen der Sierra Madre, wo die „Wilden“ noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen“, tätig gewesen. Auch in der Schilderung des aktuellen Lebensumfelds blieb Schikowski kaum hinter den Übertreibungen seines Autors zurück. Die Angabe, Travens „mexikanischer Wohnplatz“ sei „35 Meilen von der nächsten Stelle entfernt, wo er ,Tinte kaufen kann‘“, liegt nur wenig näher an der Wahrheit und weitab jeder Textsorgfalt.

Die Leser des „Vorwärts“, von Marut in einem Vergleich zur linkselitären „Ziegelbrenner“-Klientel einst als „konsumistisch-unkritische Masse“ bezeichnet, störte es nicht. Zu ihnen gehörte Ernst Preczang. Als Cheflektor der ein Jahr zuvor gegründeten Büchergilde war er auf der Suche nach Stoffen, die ein gewerkschaftsnahes, klassenbewusstes, bildungsbeflissenes Publikum bedienten. Hier schrieb ein Abenteurer und Außenseiter, politisch tiefrot und literarisch begabt, packende Berichte aus einem Dschungelland, dessen Lebens- und Arbeitsbedingungen sich nach näherem Hinsehen gar nicht so sehr von denen heimischer Werktätiger unterschieden. Diese Mischung aus exotischem Ambiente und proletarischem Alltag würde gewiss doch auch Leser seiner Buchgemeinschaft in den Bann ziehen. Preczang hatte nur ein Problem: die Adresse des Schriftstellers. Mit der Finte, einen Dankesbrief an den Autor der Baumwollpflücker schreiben zu wollen, luchste er sie dem „Vorwärts“ ab. Preczang schrieb Traven, er lese seinen Roman „mit großem Vergnügen“ und fragte um die Rechte an der deutschen Buchausgabe nach. Nicht nur die bekam er: Noch bevor das Jahr zu Ende ging, lieferte Traven drei weitere Bücher. Es war der Beginn einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Allein der Roman „Das Totenschiff“ verkaufte sich in den nächsten Jahren 100 000 Mal. Die Gesamtauflage aller Werke Travens, in 40 Sprachen übersetzt, erreichte 30 Millionen Exemplare.

„Hauptgrund des Erfolgs“ war laut Preczang „die Verbindung von Bekanntem und Fremdem: einerseits der dem Leser aus seinem Alltag bekannte Emanzipationskampf des Proletariers, sein Trotz, seine Auflehnung und sein Ringen um Freiheit, Gerechtigkeit und kulturelle Teilhabe, andererseits der Fremdreiz des Exotischen.“ Kaum weniger zum Erfolg trug die Geheimniskrämerei des Autors bei. „Kein Bild von mir“, hatte Traven zur Bedingung gemacht. „Wenn meine Arbeiten mein Bild nicht voellig klar in den Vorstellungen der Leser hervorrufen koennen, dann tut es das Bild sicherlich nicht.“

Eine klare Vorstellung auch ohne Bild hatte der Anarchist Erich Mühsam. Er vermutete hinter den Traven-Werken als Urheber den alten Bekannten aus Räterepubliktagen: „Ret Marut, Genosse, Freund, Kampfgefährte, Mensch, melde dich“, forderte er in seiner Zeitschrift „Fanal“, nachdem er das „Totenschiff“ gelesen und merkwürdige sprachliche und stilistische Übereinstimmungen festgestellt hatte. Traven zog es vor, lieber das lukrative Inkognito zu wahren.

Das Auslandsgeschäft war mittlerweile für die Büchergilde überlebenswichtig. Einen Tag vor der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurde sie von den Nationalsozialisten in die Deutsche Arbeitsfront einverleibt, der SA-Sturmführer Otto Jamrowski ihr neuer Leiter. Die ursprüngliche Genossenschaft lebte in Wien und Prag und bald nur noch in Zürich fort.

Traven verlangte von Berlin seine Autorenrechte zurück, um sie der Schweizer Gilde zu übertragen. Blieb sein Ton auch gemäßigt, wuchs im Stillen der Ärger, denn „es wuergt mich, dass ich diesen Burschen nicht aus vollem Herzen sagen kann, was ich ueber diesen Qualm und ueber dieses hysterische Geschrei denke.“ Bald bekam er Gelegenheit dazu. Nachdem eine Reaktion ausblieb, verfasste Traven auf Wunsch des Zürcher Leiters Josef Wieder einen offenen Brief an Jamrowski, verbunden mit einem Ultimatum. Würden ihm nicht sämtliche Manuskripte ausgehändigt, drohte er, die „Verjudung“ der Büchergilde öffentlich zu machen. Eine „juedisch-national-socialistische“ Kungelei zum Schaden Travens? „Das, was Sie tun“, ließ er Jamrowski wissen, „ist so schaebig, juedisch, dass selbst ein kleiner, mickriger, juedischer Pfandleiher in Poplowitz dem gegenueber ein Mann von lauterem Charakter genannt werden muss.“

Wollte hier ein Nazigegner die Nazis mit ihren eigenen Waffen schlagen? Es war nicht der einzige antisemitische Ausfall Travens. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg äußerte er sich verächtlich über Juden – wie bereits zu Münchner Zeiten. Der Antisemitismus als Konstante: So lässt sich der Bogen von Traven zurück zu Marut spannen. Im „Ziegelbrenner“, erschienen an dem Tag, als Deutschland Republik wurde, schreibt er zwar, dass „die Menschen, die zu mir in nähere, also in freundschaftliche Beziehungen kamen, größtenteils Juden“ waren, um sofort hinterherzuschieben, er „habe keinen anständigen Menschen unter ihnen gefunden. In irgend einem Punkte, wo es darauf angekommen wäre, Herz, Takt oder Größe zu haben, versagten sie plötzlich. Immer und jeder.“

Schuld an der schwärzesten Stunde der bayerischen Revolution, den tödlichen Schüssen auf Ministerpräsident Kurt Eisner, gab Marut nicht nur dem „italienischen Juden, Graf Arco, der einen Stammesgenossen ermordete“, sondern auch einer Ehe aus Profitgier. Arcos Mutter, „die reinrassige Tochter des reinrassigen jüdischen Bankiers Oppenheimer aus Köln“, sei „nicht ihrer Schönheit oder ihrer Anmut wegen, sondern ihres schwerreichen Vaters wegen“ geheiratet worden. Täter wie Opfer lagen Marut gleich fern: „Ein Jude“, schreibt er, „erschoß den andern.“

Die Bücher

Im Diogenes Verlag werden weiterhin die sechs bekanntesten Romane B.

Travens in wohlfeilen Taschenbuchausgaben angeboten. Die Büchergilde hat lediglich eine illustrierte Vorzugsausgabe vom „Totenschiff“ im Sortiment.

Eine Biografie stammt von Jan- Christoph Hauschild: Das Phantom. Die fünf Leben des B. Traven. Edition Tiamat. 320 S., 24 Euro. In diesen Tagen erscheint zum Werk und Wirken B.

Travens der Sammelband: Der Feuerstuhl, hg. v. Simone Barrientos und Karsten Krampitz. Alibri Verlag. 239 S., 16Euro.

Ralf Höller veröffentlichte zuletzt die lesenswerte Darstellung über die Münchner Räterepublik: „Wintermärchen“. Edition Tiamat. 288 S., 20 Euro.

Autor: Ralf Höller

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