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Exotisch

Shirin Kumms Tagträume

Von Lutz Hagestedt

"Alle, die mit mir zu tun haben, habe ich gewarnt, nehmt euch in Acht, haltet Abstand zu mir, ich bin eine Träumerin, eine Tagträumerin." Die seit vielen Jahren in Deutschland lebende Perserin erfindet sich für ihre unbändige Gier zu träumen das Wort Royadesara: "Roya, der schöne, unerreichbare Traum. Und desire für die Sehnsucht danach, diesen Traum zu erträumen." Es ist nur zu ahnen, welche womöglich kühnen und wilden inneren Welten hier nach Ausdruck suchen: schöpferische Projektionen des Selbst, Wunscherfüllungsfantasien, Vorstufen von Literatur. Das Sekundenglück der Royadesara verlangt nach einer eigenen Sprache, und da das Buch Literatur sein möchte, stellt sich die Frage nach dem guten oder dem exotischen Deutsch.

Shirin Kumm, geboren in Teheran, lebt seit den achtziger Jahren in der Bundesrepublik und spricht beneidenswert gut Deutsch. Ihr Buch ist überwiegend erlebte oder erinnerte Rede, Beobachtung und Selbstbeobachtung. Es ist ein Buch der Fragen. Fragen, die einer verunsicherten Ich-Erzählerin helfen sollen, das Leben besser zu bestehen, denn im Rollenkonflikt zwischen Muse, Scheherazade und Kassandra bleibt sie nach einer "schmerzhaften Trennung" auf sich gestellt: eine verletzte Seele, attraktiv, bindungsscheu.

Im Flugzeug nach Teheran sitzt sie neben Nader Dana, dem jüngeren Bruder einer Studienfreundin, aber schon nach kurzem zerstört ihr der unübersehbare Altersunterschied den Traumausflug ins Glück. Begehrt wird sie vom wesentlich älteren Edmund, einem Regisseur, doch bleibt die Beziehung platonisch: "Was für Unterhosen er trug, wusste ich noch immer nicht."Sie schreibt Theaterstücke und verehrt Beckett, und so stehen sie eines Tages vor dessen letztem Domizil in der Rue Rémy Dumoncel. "Meine Knie wurden weich", heißt es dann, weder schön noch exotisch, für "Mir wurden die Knie weich" oder "Ich bekam weiche Knie". Schließlich: "Wir verließen die Straße von Beckett."

Es sind solche Patzer, die die innere Regulierungsinstanz in ihrem Bemühen stören, zwischen dem, was gemeint war, und dem, was dasteht, stillschweigend auszugleichen. Figurenrede und Erzählerstimme sind dabei getrennt zu betrachten, selbst wenn sich die Protagonistin halb aus der Verantwortung zu stehlen sucht: "Er solle nicht jeden Satz von mir auf die Goldwaage legen." Falsch ist das nicht, doch "jeden meiner Sätze" ginge auch. "Warum fliehen die Männer vor mir? Bekommen Sie Angst vorm Ersticken?" ("Angst zu ersticken?") So manche Schieflage wäre leicht auszugleichen: "Die kühle, frische Luft, die von den Bergen kam, war voll unausgesprochener Worte" - war "voller unausgesprochener Worte" oder "voll von unausgesprochenen Worten". Andere Fälle hingegen sind hoffnungslos, da stirbt die Poesie den Wörtertod: "Einmal bin ich mit zwei Freundinnen tanzen gegangen, dahin, wo ich wusste, dass ein gewisser Junge sein würde." So gerät der Eintritt ins Wunderland zum Stolperstein: "Ein warmes silbriges Licht lud mich ein hineinzutreten."

Natürlich ist Shirin Kumm der Eintritt in unsere Kultur geglückt, und ihre Geschichte ist auf feine Weise spannend und doch wie beiläufig erzählt. Sie entfaltet einen gewissen Eros, ohne jemals vulgär oder auch nur anzüglich zu sein. Doch Literatur ist bedeutend mehr: Sie erzählt nicht nur emphatisch von Sprache, sondern auch von den sprachlichen Mitteln, die keinen Mittelweg kennen, nicht zwischen den Kulturen, nicht zwischen grammatischen und ungrammatischen Sätzen.

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