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Kanadische Gefangene 1942 in Dieppe.

Léon Werth "33 Tage"

Der Exodus, der im Stau steht

Der französische Schriftsteller Léon Werth über 33 Tage Flucht und einen chaotischen Alltag im Zeichen des Krieges.

Von Martin Oehlen

Lange verschollen war Léon Werths Bericht „33 Tage“. Erst mit einer mehr als 50-jährigen Verspätung erschien der Text 1992 in Frankreich. Wenig später legte der Kunstmann Verlag eine deutsche Fassung vor. Nun gibt es bei S. Fischer eine Neuausgabe, die erweitert ist um ein Vorwort von Werths Freund und Kollegen Antoine de Saint-Exupéry und um ein Nachwort von Peter Stamm.

Es ist auch dies – wie in Françoise Frenkels „Nichts, um sein Haupt zu betten“ (FR v. 30. Juli) – die Schilderung eines chaotisierten Alltags im Zeichen des Krieges. Und auch Werth betont, dass die Grande Nation die Gefahr unterschätzt hatte und kaum jemand ernsthaft in Erwägung zog, die französische Hauptstadt könne jemals eingenommen werden.

Hautnah, möchte man sagen, berichtet der Autor Léon Werth (1878–1955), der aus einer jüdischen Familie im lothringischen Remiremont stammte. Als sich der Schriftsteller 1940 mit seiner Frau aufmacht, Paris zu verlassen und sich vor den heranrückenden deutschen Truppen in Sicherheit zu bringen, rechnet er mit einer achtstündigen Autofahrt bis nach Saint-Amour in Burgund. Tatsächlich werden es am Ende 33 Tage sein. In einer zähen, „endlosen Karawane“ geht es schrittweise voran.

Dieser Exodus, der im Stau steht, ist beklemmend in seinem Irrsinn. Ein steter Kampf um Nahrung, Benzin, Sicherheit, Landgewinn – und Würde. Das alles inmitten von Freunden, Feinden, Flüchtlingen. Werth liefert eine kompakte, differenzierte Schilderung seiner Gefühlslage. Es ist kein historischer Abriss, sondern das lebendige Zeugnis „eines unglaublichen Durcheinanders, dessen Auswirkungen wir nicht erfassten“.

Die Tragödie muss durchaus nicht immer als solche benannt werden, sondern erschließt sich meistens aus den Fakten. Ein Dorf wird aufgegeben – und lapidar endet das Kapitel mit dem Hinweis, dass der Bauer, bevor er seinen Hof zurücklässt, in den Stall geht und das Vieh losbindet.

Dass Léon Werth auch Hilfe von deutschen Soldaten erfährt, sei es in Form von Büchsenfleisch oder Benzin, verschweigt er nicht. Und er räumt ein, sich dadurch als Besiegter erniedrigt gefühlt zu haben. Frankreich ist traumatisiert: „Wir haben Muskelkater von den Deutschen.“

Wie es nach der Flucht weiterging, von 1940 bis ins Jahr 1944, hat der Autor Werth im Übrigen auch notiert. Doch dieses Tagebuch, das unter dem Titel „Déposition“ erschienen ist, liegt noch nicht auf Deutsch vor. Die Lektüre der „33 Tage“ befeuert die Neugier auf eine Übersetzung.

Léon Werth: 33 Tage – Ein Bericht. A. d. Franz. v. Tobias Scheffel, S. Fischer, Frankfurt a. M. 2016. 208 Seiten, 19,99 Euro.

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