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Exilautor Hermann Borchardt – „Dass alle Deutschen immer behaupten, nichts gesehen zu haben“

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Von: Martin Oehlen

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Porträt von Hermann Borchardt aus seinem Reisepass, mit dem er 1933 flüchtete. Foto: Nachlass Hermann Borchardt, Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt am Main
Porträt von Hermann Borchardt aus seinem Reisepass, mit dem er 1933 flüchtete. Foto: Nachlass Hermann Borchardt, Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt am Main © Nachlass Hermann Borchardt, Deutsches Exilarchiv 1933-1945, Frankfurt am Main

Keines seiner Stücke wurde je aufgeführt, aber „Glückstreffer“ förderten jetzt einige zutage – nachzulesen in Band 2 der Werkausgabe von Hermann Borchardt, Jude, Kommunist, Exilant und schließlich Reaktionär.

Es ist eine spektakuläre Fundsache, die auf Seite 555 offengelegt wird. Im kleingedruckten Kommentarteil zum zweiten Band der Werkausgabe von Hermann Borchardt (1888-1951). Dort findet sich gleichsam beiläufig der Hinweis: „Erst während der Arbeit an der vorliegenden Edition konnten die Herausgeber je ein Exemplar der verschollen geglaubten Stücke ausfindig machen.“ Gemeint sind damit Borchardts drei frühe Dramen aus den späten 1920er Jahren, die noch vor der Emigration in Berlin entstanden sind.

Lukas Laier betreut die Werkausgabe gemeinsam mit Hermann Haarmann und Christoph Hesse am Institut für Kommunikationsgeschichte und angewandte Kulturwissenschaften der FU Berlin. Er erklärt auf Nachfrage, „dass wir zum Beginn der Arbeit an der Edition im Frühling 2019 davon ausgehen mussten, dass wir einige Stücke nicht bekommen würden“. Drei „Glückstreffer“ sorgten für die Wende. „Die Bluttat in Germersheim“ (mit dem Stempel der Berliner „Volksbühne“) fand sich im Nachlass von Regisseur Egon Monk.

Eine Fußnote in der Werkausgabe Ödon von Horváths führte zur „Musik der nahen Zukunft“ in der University of Illinois in Urbana-Champaign (USA).

Schließlich wurde das „Rote Dokument“ in der Library of Congress in Washington aufgespürt – dort hatte man auf gut Glück nachgefragt, „weil uns schlicht kein anderer Ort einfiel, der das Stück zufällig archiviert haben könnte.“

Die Editionsgeschichte passt nur zu gut zu einem Autor, der einst in Kontakt stand zu den literarischen Größen seiner Zeit, und der doch in tiefe Vergessenheit geraten ist. Wer den Namen Borchardt heute höre, so war schon im ersten Band der kommentierten Werkausgabe zu lesen, der verwechsele ihn womöglich mit Rudolf Borchardt (1877-1945) oder Wolfgang Borchert (1921-1947).

Immerhin – es tut sich etwas. So ist im Jahre 2005 der Roman „Die Verschwörung der Zimmerleute“ im Weidle Verlag erschienen. Das Monumentalwerk hatte 1943 in den USA wenig Zuspruch erfahren. Was Bertolt Brecht empörte, den Borchardt bei dessen Theaterstück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ (1931) unterstützt hatte. Er schrieb, dass Borchardts Werke „turmhoch über denen der Werfels und Konsorten stehen, da sie mit Schärfe und Leidenschaft die sozialen Kämpfe unserer Zeit behandeln.“ Und 2019 ist Borchardts Briefwechsel mit seinem Freund George Grosz veröffentlicht worden.

Nun allerdings gewinnt die Wahrnehmung des Autors eine neue Dimension durch die auf fünf Bände angelegte Werkausgabe im Wallstein Verlag. Sie ist umso wertvoller, da sie eben nicht nur Bekanntes darreicht, sondern auch Verschollenes wieder zugänglich macht.

Hermann Borchardt steht für ein deutsches Schriftstellerschicksal in der schwärzesten Phase des 20. Jahrhunderts. Er war Jude und Kommunist, Schriftsteller und Gymnasiallehrer. Geboren wurde er in Berlin als Hermann Joelsohn und nahm 1925 den Nachnamen seiner Mutter an, um sich vor antisemitischen „Anzapfungen“ zu schützen.

1933 floh er nach einer Denunziation wegen einer angeblich antideutschen Abituraufgabe nach Paris und wurde Deutschlehrer in Minsk. Weil er nach zwei Jahren frustrierender Lehrertätigkeit immer noch nicht bereit war, die deutsche Staatsbürgerschaft gegen die sowjetische einzutauschen, wurde er 1936 des Landes verwiesen.

Er kehrte zurück nach Hitler-Deutschland, wurde verhaftet und in die Konzentrationslager Esterwegen, Sachsenhausen und Dachau eingesperrt. In der Terrorhaft verlor er das Gehör auf einem Ohr, zudem sechs Zähne und einen Mittelfinger. Die Emigration in die USA gelang im Jahre 1937 mit Unterstützung von George Grosz. Im Exil wandelte sich Borchardt dann, wie die Herausgeber feststellen, vom „Revolutionär“ zum „Reaktionär“.

Das Buch

Hermann Borchardt: Werke, Band 2: Stücke. Wallstein Verlag, Göttingen 2022. 688 Seiten, 49 Euro.

Hermann Borchardts Lebensweg wird in seinen jetzt vorgelegten Dramen vielfach gespiegelt. Dazu gehören die Auseinandersetzung und allmähliche Distanzierung vom Kommunismus, Ehe-Erfahrungen und Zwistigkeiten im Schulalltag, das Leiden im KZ, die Hinwendung zum Christentum und die neue Welt in den USA. Aus der Lager-Zeit finden sich Szenen, die wie Dokumente herausragen, heißt es im Kommentar. Den Zeugen Jehovas beispielsweise, deren Glaubensfestigkeit er im KZ kennengelernt hatte, setzte er in „Die Brüder von Halberstadt“ ein „literarisches Denkmal“.

Die Werkausgabe führt insgesamt sechs Theaterstücke auf, drei aus der Berliner und drei aus der New Yorker Zeit. Zudem dramatische Fragmente sowie frühe Skizzen für das KPD-Satiremagazin „Der Knüppel“. Hier einmal die Dramen im Schnelldurchlauf. „Die Bluttat in Germersheim vor dem ewigen Richter“ (1928) behandelt einen damals nur zwei Jahre zurückliegenden Konflikt zwischen Deutschen und Franzosen in der Pfalz. Eine Groteske mit einem bizarren Personaltableau von der Heiligen Elisabeth von Thüringen bis zu Jonathan Swift. Der irische Satiriker sagt an einer Stelle: „So is it.“ Ein Stück gegen rechte Kräfte, in dem noch vor Machtergreifung und Holocaust der Satz fällt, „dass alle Deutschen ... immer behaupten, nichts gesehen zu haben.“

„Musik der nahen Zukunft“ (1928) schildert den Kampf des aufrecht-aufgeklärten Studienrats Bernhard gegen die allseits grassierende Tumbheit unter Kollegen und Genossen. In einem Brief an seinen Agenten bekennt Borchardt: die Hauptfigur „bin ich natürlich selbst“. Noch heute kann man sich über diese „Schulkomödie“ amüsieren, wenn etwa die Genossen in einem Versammlungssaal tricksen, um als Delegierte zum Kulturkongress nach Wien geschickt zu werden. Wäre auch zu dumm, wenn die Wahl schiefliefe, da man schon längst die Fahrkarten (Schlafwagen dritter Klasse) in der Tasche hat.

„Das rote Dokument“ (1929) ist ein „Antiparteistück“, das ideologische Heuchelei anprangert. Weil schon der Figurenreichtum auf manche Bühne abschreckend wirken könnte, fügte Borchardt den Hinweis an, dass bei Doppelbesetzungen „etwa zwölf Darsteller“ erforderlich seien.

„Die Brüder von Halberstadt“ (1938/1941), das erste im amerikanischen Exil entstandene Stück, schildert den christlichen Widerstand im NS-Staat . Es wurde von Borchardt selbst als „first Antinazi play“ bezeichnet.

„Der verlorene Haufe“ (1939/1941) handelt abermals vom Widerstand, diesmal allerdings auf bürgerlich-militärischer Basis.

„Die Frau des Polizeikommissars“ (1946) ist ein Psycho-, Moral- und Justizstück um eine Frau, die mit zwei Männern zugleich verheiratet ist. Das gab es auch noch in einer englischsprachigen Fassung unter dem Titel „The Police Commissioner’s Wife“. Der Gutachter John Byram urteilte sarkastisch, entweder sei der Autor ein schlechter Psychiater oder benötige einen guten.

Das wahre Drama ist allerdings das des Dramatikers selbst. Denn keines seiner Stücke wurde zu seinen Lebzeiten aufgeführt. Dabei gab es konkretes Interesse von prominenten Bühnen in Berlin. Brecht soll eine Inszenierung in Leipzig geplant haben. Auch hatte Borchardt namhafte Fürsprecher in den Kunstkreisen von Berlin und New York. Theaterkritiker Alfred Kerr empfahl ihn für die „Piscator-Bühne“ und nannte ihn schon früh einen „jungen Komödienkönner“.

Später war Borchardt sogar zu Konzessionen an den vermuteten amerikanischen Publikumsgeschmack bereit. Dies auch auf Anregung von Thomas Mann. Doch vergebens. Er sollte als Dramatiker kein Bühnen-Glück erleben – weder diesseits noch jenseits des Atlantiks. Seine Werke waren in der Theaterszene anerkannt oder zumindest im Gespräch, aber wurden nicht aufgeführt.

Selbst das Drama „Pastor Hall“, das er für Ernst Toller (1893-1939) als Ghostwriter geschrieben hat, brachte ihm nicht die erhoffte Genugtuung. Denn Toller wagte eine Überarbeitung des Textes, der den Widerstand eines Pfarrers gegen die Nazis schildert (vielfach wird darin das Schicksal von Martin Niemöller erkannt, doch tatsächlich, so steht es im Kommentar, war ein Pfarrer Müller aus Ahlbeck das Vorbild). Tollers Veränderungen gingen Borchardt gegen den Strich und gegen die Ehre. Doch die Versuche, dem Kollegen das Stück zu entreißen, fruchteten nichts. Anschließend scheiterte auch die Bemühung, zumindest an den Tantiemen beteiligt zu werden.

„Pastor Hall“, in Ernst Tollers Todesjahr 1939 veröffentlicht, hatte einigen Erfolg. Es wurde an mehreren Bühnen aufgeführt und auch verfilmt. Davon konnte Hermann Borchardt nur träumen. Ja, es ist eine bewegende Literaturgeschichte, die mit und in dieser Werkausgabe erzählt wird.

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