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Teilnehmer an einem Gedenkmarsch zum Jahrestag des Todes von Rudolf Hess.

Ex-Neonazi Christian E. Weißgerber

50 Shades of Braun - Warum und wie man Nazi wird

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Der Neonazi-Aussteiger Christian E. Weißgerber stellt sich selbstkritisch der Frage und der Verantwortung, warum er ein Nazi war.

Christian E. Weißgerber war überzeugter Neonazi, bis er 2010 seinen Ausstieg aus der rechten Szene begann. In einem Interview mit der FR hat er den Rückzug als einen „langanhaltenden Prozess“ bezeichnet, der zwingend verlangte, die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Was bedeute, über die vorhandenen Strukturen „auszupacken“. Genau das hat er in seinem autobiografisch angelegten Buch „Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war“ nun getan.

Nur als Autobiografie kann das Werk jedoch nicht gelesen werden, dazu ist es zu detailliert mit Hintergrundwissen und Strukturdeutungen angereichert. Weißgerber stellt sich vielmehr als ein exemplarisches Beispiel einer Nazi-Biografie in den Fokus, um sich anhand seiner eigenen Geschichte an den deutschen Zuständen abzuarbeiten.

Ein Erzählstrang handelt von seiner Kindheit in ärmlichen Verhältnissen im Osten und dem alleine erziehenden Vater, der die eigene Unfähigkeit zur Gefühlsregung mit Gewalterziehung kompensiert. Weißgerber führt das lediglich als eine Erklärung für eine Entwicklung an, an deren vorläufigem Ende eine Radikalisierung steht, die zuvorderst die Familie als gesellschaftliche Keimzelle und die Besserstellung des deutschen Proletariats zu politischen Zielen erklärt. Das dient Weißgerber nicht als Entschuldigung, der Autor betont bereits im Vorwort, auch „andere Möglichkeiten“ gehabt zu haben, er aber habe „Nazi werden“ wollen: „Ich habe aktiv entschieden.“ Es geht ihm also nicht darum, um Verständnis oder sogar Mitleid zu werben, im Gegenteil besticht das Buch durch seine Ausführlichkeit, die kulturwissenschaftlichen Einschübe und die angebotenen Schlussfolgerungen.

Weißgerber will über die rechte Szene und ihre Verknüpfungen aufklären

Es wird glaubhaft, dass Weißgerber aufklären will: Über die rechte Szene und ihre Verknüpfungen von den „Autonomen Nationalisten“ bis hin zu den „Identitären“, dem NSU und der AfD. Wo sind die inhaltlichen oder auch personellen Überschneidungen, welche Rolle spielt das Männlichkeitsbild, wie versuchen sich Jungnazis von den Alten abzugrenzen, was sind ihre Strategien zur Rekrutierung neonazistischen Nachwuchses?

Christian E. Weißgerber: Mein Vaterland! Warum ich ein Neonazi war. Orell Füssli, Zürich 2019. 256 S., 18 Euro.

Dabei finden sich Parallelen wie etwa in dem Kampfbegriff von der „Umvolkung“, der eine Gefahr für das deutsche („reinrassigen“) Volk behauptet und von den „Identitären“ ebenso gebraucht wird wie von der AfD. Ein Verschwörungsgedanke, der sich bereits 2010 in der „Volkstod-Kampagne“ wiederfindet und „deutlich an die klassische Nazipropaganda“ anknüpft. Das Muster, ein Opfer zu konstruieren, dessen Taten als Widerstand ausgedeutet werden können, ist ein gemeinsamer Nenner: „Gerade noch Export- und Fußballweltmeister stehen die Deutschen jetzt auf der Liste der aussterbenden Arten... Die Zukunft wird aus dem Reich des Unbekannten ins Reich des Altbekannten transferiert.“ Richtig, denn über die apokalyptische Behauptung wird der althergebrachte völkische Kerngedanke zur Zukunftsvision.

Von völkischen Nazis und „Konsumnazis“

Weißgerber bietet eindrucksvoll Einblick in geheime Details. Dabei nimmt er auf seine eigene tragende Rolle in der Szene keine Rücksicht, es scheint beinahe wie eine Abrechnung mit den alten Kameraden und gleichzeitig mit sich selbst.

Die Szene ist jedoch mitnichten so homogen, wie sie es gerne wäre. Das zeigt sich beispielsweise in der herablassenden Haltung gegenüber den „stereotypen Skinheads“, also all jenen, die man bis in die 2000er Jahre hinein mit der Bezeichnung des „Neonazis“ verband. Sie seien „für völkische Nazis ... (wie mich) nichts als Konsumenten und Kanonenfutter“: „Hochgewachsene, gewaltaffine Fleischberge“, auch „Kraken“ genannt, die für den revolutionären Kampf gebraucht würden, „Konsumnazis“, deren Horizont nicht über einen „Kreuzreim mit vier Haken“ hinausreichte.

Rechtsextreme und Neonazis versuchen Gesellschaftsfähigkeit

„Kraken“ sind nicht gut fürs Image, das aber nach wie vor wichtig ist, wenn es Nachwuchsrechte im Kampf gegen das Establishment zu rekrutieren gilt. Eine Strategie, wie sie neben den „Autonomen Nationalisten“ auch die rechtsextremen Hipster der „Identitären“ pflegen, die immer brav gescheitelt und gestylt ihre völkische Botschaft mithilfe eines Modelabels aufhübschen.

Rechtsextreme und Neonazis versuchen die Gesellschaftsfähigkeit, die ihr parlamentarischer Ableger AfD längst erreicht hat. „Ich wollte meinem Vaterland als treuer Sohn dienen, mit jeder Faser meines Körpers Nazi sein“, ist die retrospektive Selbstreflektion des Autors, wobei es die AfD unter anderem mit dieser vaterlandsfixierten Blut-und-Boden-Politik ins gesellschaftliche Epizentrum geschafft hat.

Was ist reizvoll am Nationalismus

Doch was ist so reizvoll am Nationalismus, der niemandem genetisch eincodiert ist? Weißgerber, von jeher ein überzeugter Atheist, spricht vom Nationalismus als „Ewigkeitserzählung“ und einer „Instanz ursprünglicher Unschuld“. Immerhin sei er von „Natur aus“ Deutsch, ein Fakt, den ihm niemand habe nehmen können. Die natürliche Zugehörigkeit zum Deutschsein sei an Klischees gekoppelt, wie sich denn ein richtiger deutscher Mann zu verhalten habe.

Lesen Sie auch das Interview mit Christian E. Weißgerber

„Die unerträgliche Leichtigkeit, deutsch zu sein“, Nationalismus als Glaubensbekenntnis, bei dem es reiche, die deutschen „Tugenden“ auswendig zu wissen, um sich in eine Gemeinschaft zu integrieren, die den gleichen Boden anbetet, mit dem Blut der eigenen Vorfahren getränkt. Durch diesen Nazi-Kitsch muss sich lesen, wer verstehen will, welche Symbole mitsamt dem Röhrenden Hirsch solche Jungs triggern. Das Interessante an Weißgerbers Buch ist nicht nur, dass er jeden Aspekt des Nazi-Daseins ausbreitet und aufarbeitet. Es ist gleichsam hochpolitisch – „Der Versuch einer Gleichsetzung von rechts und links scheitert besonders an der Frage der Gewalt“ –, inklusive Zeigefinger des Lehrenden, der unbedingt vermeiden will, falsch verstanden zu werden.

Alles wird erklärt, in einen historischen Kontext gestellt, mit fundierter Deutung angereichert, ganz so, als richteten sich seine Texte an seine ehemaligen Kameraden, die es doch spätestens nach der Lektüre kapiert haben müssten. Weißgerber selbst schreibt, es seien vor allem „Menschen wie mein Vater“, für die er das Buch geschrieben habe.

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