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Die Zeiten ändern sich, aber nicht für András Szabad. Sterne-Demontage im Budapest von 1989.
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Die Zeiten ändern sich, aber nicht für András Szabad. Sterne-Demontage im Budapest von 1989.

Ungarische Literatur

Ewiger November

  • Norbert Mappes-Niediek
    VonNorbert Mappes-Niediek
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Trübes Grau und sehr leise Zärtlichkeit herrschen im großen Roman „Das Ende“ des Ungarn Attila Bartis.

Drei Jahre hat András Szabad, der Vater, im Gefängnis gesessen. Er kehrt als Schatten heim. Als er nach Hause kommt, stirbt die Frau. Jetzt lebt er, der dritte seines Namens, mit seinem 16-jährigen Sohn, dem vierten András Szabad, in einer tristen Bleibe hinter dem teerstinkenden Budapester Ostbahnhof sprach- und hoffnungslos weiter. Mittelpunkt der Wohnung ist ein tellergroßer Aschenbecher. Von der Decke beleuchten 25-Watt-Birnen die Szenerie. Ungarn, frühe sechziger Jahre: die erdabgewandte Seite des Mondes.

Im Einfangen trüber Stimmungen ist Attila Bartis ein Meister. Im Schaffen solcher Stimmungen aber gebührt die Palme János Kádár, dem Staats- und Parteichef, wenn man dem Erzähler glauben darf. Er ist dahintergekommen, „dass man die Welt nicht mit Angst durchtränken musste, sondern mit Grauheit“. In der Angst, der Unterdrückung, der Enge, der Armut kann vielleicht noch ein keckes Pflänzchen aufblühen, die Liebe, die Schönheit. Aber nicht in dieser alles umgreifenden Schäbigkeit. Dieser Roman ist kein Muntermacher. Aber wenn man sich auf die ganzjährige Novemberstimmung eingelassen hat, nimmt er einen bald gefangen.

„Bei uns ist die Seele schwer“, sagt der Vater. „Das Leben kann nicht richtig durch uns hindurchströmen.“ Dann stirbt er am Lungenkrebs und lässt seinen 18-jährigen Sohn allein zurück. Im ersten – auch so genannten – Teil des 750-Seiten-Romans führt der junge András Szabad seine trostlose Seelenausstattung in die Familien- und Zeitgeschichte zurück. András, der Ich-Erzähler, ist Jahrgang 1943 und hat klar seinen Autor, Jahrgang 1968, zum Vorbild.

Auch das Bild des Vaters im Roman dürfte eher das Produkt genauen Hinschauens als sprudelnder Fantasie sein: Bartis’ realer Vater Ferenc, Jahrgang 1936, wurde 1984, als Attila sechzehn war, nach zehn Jahren in rumänischen Gefängnissen nach Ungarn ausgebürgert. Bartis, dessen dritter großer Roman jetzt in einer sprachlich reichen und dabei ganz schnörkellosen Übersetzung der Schriftstellerin Terézia Mora erschienen ist, stammt wie sein Held aus Siebenbürgen. Die Region muss etwas wie das Herz der Finsternis gewesen sein. Die tiefe Traurigkeit, die der Roman ausstrahlt, kennt man auch von Bartis’ ungarisch-rumänischem Landsmann György Dragoman. Sie hat nichts Künstliches, nichts Zugespitztes.

Der zweite Teil gehört den Versuchen, der moralischen und ästhetischen Tristesse zu entkommen. Es misslingt, privat ebenso wie öffentlich. Auch Kádárs Tod 1989 ändert nichts. „Das, was jetzt ist, mit den Ungarn, die Juden schreien, und den Juden, die Ungarn schreien, während die zu Milliardären gewordenen ehemaligen Parteifunktionäre sich ins Fäustchen lachen“, so die bittere Bilanz des alten, jetzt ebenfalls krebskranken András, „das ist mieser als das, was mein Vater vorausgesagt hatte.“

Ins Gefängnis gekommen ist der Vater nach dem Aufstand von 1956. Sein Verbrechen war, auf einem Pressefoto zu sehen zu sein, das in England erschien. Jetzt, nach der Haft, will der Vater nicht kämpfen, nur anständig bleiben. Der Sohn beschreibt den gebrochenen Mann mit einer sehr leisen Zärtlichkeit; gerade dass er den Alten nicht beleidigt. Zu András’ Verdruss trifft der Vater sich in der Wohnung bisweilen mit einigen früheren Mitgefangenen. Aber der Sohn mag die Dissidenten nicht. Regelrechten Hass bringt er dem stumpf-radikalen Köszegi entgegen, „dem Juden“, der ernsthaft glauben machen will, es ginge anders. Hoffnung, das ist nur ein ins Positive gewendeter Zynismus.

Die Mutter hatte noch erfolgreich gegen die Bitternis gekämpft und dem Sohn befohlen, sich trotz der Haft des Vaters gefälligst mal zu freuen: „Ein verbitterter Mensch versprüht nur Gift in der Welt“, sagt sie, weil er ihr immer nur den Grund für seine Bitterkeit sehen kann. Wie später der Vater, nur noch radikaler, will der Junge dann nur sauber bleiben, sich freihalten von der Lüge. Wie man das im Leben anstellt, ist Gegenstand von moralisch präzisen Gesprächen zwischen dem jungen András und seinem Freund Kornél. Aber die beiden jungen Männer entkommen der Lüge nicht. Kornél geht einen Deal mit der Stasi ein, damit sein Roman erscheinen kann. Der junge András wiederum will auf keinen Fall zum Militär. Ein Psychiater stellt ihm für die Musterung einen „Jagdschein“ aus. Erst in den neunziger Jahren erfährt der 50-jährige András, dass der Arzt ein hoher Stasi-Offizier war. Und selbst der Vater, so stellt sich ganz zum Schluss des Romans heraus, „hat unterschrieben“, erpresst wahrscheinlich mit dem Schicksal des Sohnes.

Mit der Kamera, die ihm der Vater geschenkt hat, erarbeitet sich der 18-Jährige seinen eigenen Blick auf die Welt – auf die grauen Gardinen der Nachbarwohnung, die Teppichstange im Hinterhof. Er bricht die Schule ab, findet eine Stelle bei einem Fotografen und schießt dort Passbilder. Langsam entwickelt er, der kein „Fotokünstler“ sein will, seine Poesie und dazu eine eigene Poetik.

András schafft originelle Bilder, vor allem von seiner Freundin Éva, mit der ihn bald eine lebenslange, aber schwierige Beziehung verbinden soll. Jahre nachdem sie für immer nach Amerika verschwunden ist, in den Achtzigern, organisiert Éva in New York eine Ausstellung mit den Bildern. In Ungarn zurückgeblieben, wird András im Westen berühmt, bald auch reich. Aber zu der Welt ohne Aura, in der alles im Überfluss vorhanden ist und nach Belieben reproduziert wird, findet der Fotograf keinen Zugang. Auch zum „neuen“, bunten Ungarn wahrt András, der seine Kunst im trüben Schwarz-Weiß seiner kommunistischen Jugend entfaltet hat, spöttische Distanz. Nicht einmal die Poesie seiner Bilder führt aus der Trauer hinaus.

Attila Bartis: Das Ende. Roman. Aus dem Ungar. von Terézia Mora. Suhrkamp, Berlin 2017. 751 Seiten, 32 Euro.

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