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Dass die Katastrophe abgewendet werden konnte, war ein Wunder, eines von Menschenhand. Man darf an deren Präzision glauben.
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Dass die Katastrophe abgewendet werden konnte, war ein Wunder, eines von Menschenhand. Man darf an deren Präzision glauben.

Notre Dame

Ewige Baustelle

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Mehr als nur ein Kirchenbau: Agnès Poirier und Thomas W. Gaehtgens beschreiben das gotische, das sakrale und soziale Wunder Notre-Dame.

Eine Kerze, meint Agnès Poirier, „sollten wir entzünden“, eine Kerze für Notre-Dame, und mit ihrem Appell an ein Wir wendet sich die Autorin an eine größere Gemeinde. Denn Poirier glaubt fest, sie ist folglich parteiisch – entschieden gegen moderne Allüren beim Wiederaufbau der Kathedrale. Gerne, man muss allerdings nicht fromm sein, wenn man sich dem Glauben Poiriers an das Charisma von Notre-Dame anschließt.

Es brauche demzufolge keine „zeitgenössische Attitüde“, wie der von Poirier für ihr Buch befragte Rem Koolhaas empfiehlt – kaum zu glauben, wenn man bedenkt, wie rabiat Koolhaas in seinem Architekturleben gegen die Architekturtradition vorgegangen ist, im Namen einer Moderne, die bei jeder Gelegenheit den Konflikt mit der Tradition gesucht hat, die Allüre, die Attitüde.

Moderne gegen Mittelalter: Die Auseinandersetzung über die wahre Gestalt von Notre-Dame war wahrhaftig nie friedfertig gestimmt. Ist sie auch nicht seit den Tagen nach dem Brand, im April 2019. Die Steine glühten noch, als sich Architekten anmaßten, das Monument modernisieren zu wollen. Parteigänger der Art haben sich jedoch über die Behandlung des Baukörpers nicht erst in den vergangenen anderthalb Jahren geäußert. Streit um Notre-Dame gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts.

Buchinfo

Thomas W. Gaehtgens: Notre-Dame. Geschichte einer Kathedrale. C.H. Beck. 128 S., 9,95 Euro. Agnès Poirier: Notre-Dame. Die Seele Frankreichs. A. d. Engl. v. Monika Köpfer. Insel. 240 S., 24 Euro.

Zwist um ein Bauwerk, das auch auf Fernsicht hin gebaut war. So zeigte es, da war die Kathedrale 200 Jahre alt, ein Blatt im Stundenbuch des Jean Fouquet, schön zu sehen nicht nur durch eine Abbildung in dem gebundenen Buch Poiriers, sondern auch in dem schmalen Taschenbuch Thomas W. Gaehtgens: Notre-Dame, weit hinausragend über die Dächer des mittelalterlichen Paris, der größten Stadt der westlichen Welt, die Handelszentrum war, geistliches Zentrum, seit den Tagen der Grundsteinlegung, 1163, zu der Zeit bereits Hauptstadt, war sie Stadt des Adels, eines bereits äußerst selbstbewussten Bürgertums, nicht zuletzt Universitätsstadt. Ein „Kraftzentrum“, wie Poirier schreibt, in dem eine Riesenbaustelle entstand, um eine neue Kathedrale zu errichten, wofür nicht nur der Vorgängerbau abgerissen wurde, sondern zahlreiche Wohnhäuser.

Wie in aller Regel sind die Namen der ersten Baumeister nicht überliefert, aber das ungewöhnliche „Tempo der Bauarbeiten“ ist ein Beleg dafür, dass die Handwerker nach „klaren, detaillierten Plänen“ vorgegangen sein müssen – verschollen auch die. Ein Neubau nach den Prinzipien der Gotik, wie schon einige Jahre zuvor in Chartres, in Amiens, in Reims, vor den Stadtmauern von Paris, in St. Denis, wo der Abt Sugar eine architektonische Revolution mit seiner Kirche eingeläutet hatte. Das Echo darauf in Paris.

So sehr Notre-Dame auf die Fernsicht hin konzipiert war (wie alle Kirchenbauten des Mittelalters), so wurde (auch) „dieses Gotteshaus von innen her gedacht“, die Auflösung der Wände, das Stützensystem, die Gewölbe, der Chor, die Bildwerke – das mag verwundern, wenn man davor steht, etwa unter der Westfassade, den Türmen, der Königsgalerie, dem Portal, dem Tympanon. Die monumentale Kraft auch dieser Kathedrale sollte auf den Außenstehenden wirken, in guten wie in schlechten Zeiten. Während der Zeit der Bourbonen, der Verfolgung der Hugenotten oder der Französischen Revolution. Während der Zeit des Frevels und des organisierten Vandalismus, im Namen der Vernunft.

Poirier und Gaehtgens führen durch die Kathedrale des Bischofs von Paris und die Krönungsstätte französischer Könige, durch ein grandioses Vorzeigeobjekt der Gotik und ein Hassobjekt der Bilderstürmer, an einen Gedächtnisort der Nation und einen Gral des Chauvinismus. An den Ort der Kaiserkrönung Napoleons I., an einen Tummelplatz hunderttausender Touristen, jährlich, gleichzeitig an einen Rückzugsraum der Gläubigen, für ein paar Minuten. An eine Schädelstätte des weltlichen und kirchlichen Adels, an einen Reliquienschrein der Christenheit – was nicht, an ein Monument der Architektur, strahlend, ungemein heruntergekommen im 19. Jahrhundert, ungemein sanierungsbedürftig.

Rettung nahte durch einen jungen Autor und seinen Roman „Der Glöckner von Notre-Dame“, 1831. Poirier veranschaulicht Victor Hugos Roman plastisch – plastischer als den Umbau der Kathedrale, seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Den dazu berufenen Restaurator Eugène Viollet-le-Duc, bei all „seiner Liebe zu mittelalterlichem Gemäuer auch ein ambitionierter moderner Architekt“, nennt Poirier ein „Genie“ – daran lässt die Autorin erkennen, dass sie parteiischer urteilt als Gaehtgens, der klar macht, Viollet-le-Duc habe nicht allein aus dem Geist des Mittelalters gehandelt, vielmehr „seine persönliche Interpretation der Gotik durchgesetzt.“

Poiriers Elan in allen Ehren, doch ihre Einschätzung, Viollet-le-Duc habe eine durchgehend originalgetreue Vorstellung ins Werk gesetzt, geht an der Sache vorbei. Vielmehr gibt Gaehtgens den - nicht selten erhobenen - Einwand wieder, der Restaurator „habe die Kathedrale zu einem Bauwerk des 19. Jahrhunderts umgestaltet“. Die Ambitionen, die Viollet-le-Duc entwickelte, betrafen die Umgestaltung der Fensterrosette, die Erfindung des Dachreiters, nicht zuletzt die Phantasie, mit der er die Wasserspeier gestaltete, ohne Rückgriff auf ein mittelalterliches Vorbild - die Fratzen sind „reine Erfindung“ (Gaehtgens).

Übereifer im Stil der Zeit, der Wiederentdeckung der Gotik, die zugleich eine Wiedererfindung war, bei aller historischen Gewissenhaftigkeit. Poirier ist es, die schließlich durch das von der Katastrophe betroffene Bauwerk führt, um anhand der Brandschäden eine Liste der bereits Jahre zuvor aufgestellten Mängel wiederzugeben: brüchige Strebebögen, erodiertes Mauerwerk, gelockerte Buntglasscheiben, rissige Skulpturen, zerbröckelnde Balustraden, zerstörte Wasserspeier, angegriffener Kalkstein. Notre-Dame befand sich vor dem Brand in einem erbärmlichen Zustand. Im Anschluss an ihre Darstellung der „brodelnden Kontroverse um die Spenden“ inspiziert sie die Baustelle, um auf ihre vehemente Absage an „fantastische“ und „absurde“ Vorschläge zurückzukommen, in der Tat fahrlässige Vorschläge, zum Teil vollkommen „abstrus“.

Die Gläubigen des Mittelalters sahen zu Notre-Dame auf als einer Verkörperung des „Himmlischen Jerusalem“. Durch den Brand im April 2019 war nicht nur eine Kirche unter vielen gefährdet, vielmehr drohte ein Weltgebäude einzustürzen, das der Harmonie einen Halt gibt. Dass die Katastrophe abgewendet werden konnte, war ein Wunder, eines von Menschenhand. Man darf an deren Präzision glauben.

Ihre Bücher nebeneinandergelegt, sind sich Poirier und Gaehtgens einig, dass sich in Notre-Dame das Säkulare und Spirituelle verschränkt haben. Auch im streng laizistischen Frankreich wurde Notre-Dame nicht etwa zur Liegenschaft eines profanen Laissez-faire. Notre-Dame ist monumentales Vermächtnis geblieben. Wohlweislich Sinnbild für eine der ewigen Baustellen der Menschheit: die Toleranz.

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