Zug durch den Harz.
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Zug durch den Harz.

Isabel Fargo Cole

Und ewig lockt der Wald

  • vonChristian Eger
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Isabel Fargo Cole führt an „Die grüne Grenze“ im Jahr 1973, der Roman ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Wo findet der nächste SED-Parteitag statt? Zwischen Elend und Sorge. Ein Witz aus DDR-Zeiten. Auch vor 1989 galt: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Schaden hatten die Harz-Nester Elend und Sorge genug. An der innerdeutschen Grenze gelegen, waren die Dörfer nur mit einer Sondergenehmigung zu betreten. Sperrgebiet im äußersten Westen des Ostens. Einzelne sagen: „Am Arsch der Welt“.

Einzelne wie das Künstlerehepaar Thomas und Editha, die sich 1973 in Sorge ansiedeln – in einer leerstehenden Ausflugsgaststätte, die Edithas Mutter Margarethe zurückbekommen hatte. Thomas ist ein Ostberliner Schriftsteller, der im Wald den Frieden sucht, um einen großen historischen Roman zu schreiben. Die hochschwangere Bildhauerin Editha arbeitet an einer unheroischen Variante des Treptower Monumentes, das einen sowjetischen Soldaten zeigt, der ein deutsches Kind gerettet hat: ein Schicksal, das Thomas widerfahren war.

Das Paar ist berlinmüde. Thomas ist der Politdebatten überdrüssig, die immer auf die eine Frage hinauslaufen: Bist du Freund oder Feind? Von der öffentlich sichtbaren Berliner Mauer weg ziehen sie zur öffentlich unsichtbaren Harz-Grenze. Mit den alteingesessenen Einwohnern und den zugezogenen Hundertprozentigen leben sie in einer merkwürdig entschleunigten Umgebung, in der jeder Fremde misstrauisch betrachtet wird: „Harzer sind Gebirgsmenschen, jeder hockt für sich in seinem Tälchen“.

Editha und Thomas sitzen in ihrem Waldhaus obenauf. Von einem Hügel aus können sie auf Sorge sehen, das im Tal liegt „wie ein am Überhang stehen gebliebener Zug“. Die Grenze ist nur zu hören. Im Winter „weinen“ die Wachhunde vor Kälte. Ab und an löst sich ein Schuss. Alle Wegweiser zeigen nach Osten.

Es ist ein verführerisches Setting, das die Amerikanerin Isabel Fargo Cole für ihren Roman „Die grüne Grenze“ herstellt, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist. Obwohl bereits im Herbst vergangenen Jahres erschienen, ist das Buch jetzt noch einmal in den Blick der Öffentlichkeit gehoben worden. Sehr zu Recht. Was die seit 1995 in Berlin lebende Autorin liefert, ist ein Deutschlandroman, der zeithistorisch und poetisch mit vielen Wassern gewaschen ist.

Isabel Fargo Cole, 1973 geboren, hat Russisch und Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität studiert, sie übersetzte Werke von Wolfgang Hilbig und Franz Fühmann ins Englische. Dem Roman ist ein Auszug aus Fühmanns Fragment „Im Berg“ vorangestellt, der zeigt, dass die Gegenwart von Zeitlöchern durchsetzt ist, die sich in die Vergangenheit öffnen. Auch im Harz.

Die Ortsnamen Sorge und Elend bezeichnen ja nicht das, was jeder sofort zu verstehen meint, sondern sie bedeuten „Grenze“ und „Fremde“. Das ist die erste Harz-Lektion: Unter den sichtbaren liegen unsichtbare Grenzen, verlaufen Wege, die verborgen sind. Denen versucht Thomas mit einem Roman zu folgen, der einem mittelalterlichen Mönchsweg nachspürt, der die Klöster Ilsenburg (Ost) und Walkenried (West) verband.

Die Recherchen führen in die Gegenwart der Landschaft genauso wie in die Vergangenheit ihrer Bewohner. Das ist die zweite Harz-Lektion: Nichts ist das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. Ist der Harz ein Teil des mythischen „hercynischen“ Waldes, in dem die Römer Einhörner und knielose Elche gesehen haben wollen? Was führte Hermann Göring um 1940 nach Sorge? Was meinte Erich Honecker, als er 1971 verkündete, dass es „auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben darf“? Eine Ansage, die Thomas literarisch beflügelt hatte. Vom Harz aus betrachtet, erweist sich keine Position als gesichert. Auch nicht im Sperrbezirk. Als 1976 das Kölner Skandalkonzert des ausgebürgerten Wolf Biermann zur Nacht im Westfernsehen übertragen wird, sieht Thomas verblüfft, dass im SED-treuen Dorf „noch Licht brannte, hier und dort flackerndes Fernsehlicht“.

Sorge, Berlin und Wünsdorf, der Hauptsitz der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, sind die Orte des Romans. Dessen Handlung ist stellenweise überkonstruiert, im Vollzug aber stimmig. Die Überfülle an historischen und literarischen Referenzen ist Programm. Geschichte ist hier eine Schichtung von Geschichten, schwankender Grund. Für Thomas, das Russenkind, der ein deutscher Jude ist. Für Margarethe, die nur äußerlich als linientreue Harz-Historikerin auftritt. Für Editha, der das Wohnrecht in Sorge entzogen wird.

Isabel Fargo Cole ist absolut zuverlässig in den historischen, sozialen und kulturellen Details. Ihr Deutsch klingt so sachlich wie poetisch, ihre Diktion neigt zur stichworthaften Spröde genauso wie zur lyrischen Ausschweifung. Von Wernigerode aus beschreibt sie den Brocken: „Von dort fiel das Licht in Schauern auf die Stadt. Die Häuser standen aneinandergelehnt wie beim Warten eingeschlafen“. Auch wenn die Harzer Landschaft zu schlafen scheint: Sie ruht nie. Ihre Träume arbeiten. In die hinein wird Eli, das Kind des Künstlerpaares, in Richtung Grenze verschwinden. Der Wald lockt, schluckt und schließt ein. Wer den Harz liebt, wird diesen Roman mögen.

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