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Eva Rieger: „Isolde“ - Die enge Welt der Isolde Wagner

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Von: Judith von Sternburg

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Isolde, eindeutig die Tochter ihrer Eltern. Insel
Isolde, eindeutig die Tochter ihrer Eltern. Insel © Insel

Eva Riegers schlüssige Biografie über die erste Tochter von Cosima und Richard.

Für den anhaltenden Bedarf an Biografien namentlich weiblicher Verwandter berühmter Persönlichkeiten gibt es vermutlich zwei Gründe: Über Thomas Mann, Goethe und eben Richard Wagner liegen so zahl- und umfangreiche Bücher vor, dass eine Erweiterung des Blicks aus der Verlegenheit ständiger Wiederholung helfen kann. Und die Recherche über Ehefrauen, Schwestern, Mütter, Töchter, Schwiegertöchter kann mithilfe des gut erschlossenen Prominentenlebens ungeschriebene Frauenbiografien zutage fördern. Bei glücklichem Verlauf ergeben sich daraus eine individuelle und zugleich exemplarische Geschichte, das Panorama einer Zeit sowie neue Facetten, auch die zentrale Figur des Ganzen betreffend.

Hier heißt das zum Beispiel, Richard Wagner als liebenden Vater zu erleben, der sich nach dem kranken „Loldchen“ erkundigt, „diesem wunderlichen Wunderkind“, in dessen Haus „viel gelesen, gespielt und phantasiert“ wird und dem es fern liegt, seine erste Tochter auszubooten, wie es seine Witwe nachher unternehmen wird. Es dürfte auch der spektakuläre und entsprechend dokumentierte Beidler-Prozess sein, der es nahelegte, einmal eine Isolde-Wagner-Biografie zu probieren – nachdem es seit der Jahrtausendwende etliche erfolgreiche Geschichten des „Wagner-Clans“ gab, in denen es auch oder sogar nur um die Kinder ging (bahnbrechend Brigitte Hamann, dann Jonathan Carr und Oliver Hilmes). Eva Riegers „Isolde“ erfüllt jedenfalls alle oben genannten Hoffnungen. Isolde wird als Individuum und Frau in einer selbst für ihre Zeit krass antiemanzipatorischen Umgebung greifbar, anschaulich dazu ein Stück Bayreuther Theatergeschichte: Cosima Wagner als Herrin des Hügels in einer differenzierten, wenn auch unter dem Strich üblen Rolle.

Musikwissenschaftlerin Rieger hat bereits über das Paar Minna und Richard geschrieben, aufschlussreich ihre Biografie über Isoldes Nichte Friedelind, geboren ein knappes Jahr vor dem frühen Tod der Tante 1919. Im Fall Isolde – und ein Fall wurde es dann tatsächlich – ist Rieger in einer vorzüglichen Ausgangsposition, indem ihr das Privatarchiv einer Beidler-Nachfahrin zur Verfügung stand. Die ausführlich zitierten Briefe belegen das Ausmaß des Zerwürfnisses und der Verzweiflung Isoldes. Schwer erträglich der schwülstige, aggressive Ton in den Briefen der Mutter.

Zuerst eine gute Kindheit. Zwei Jahre nach ihrer Geburt 1865 verlässt Cosima Hans von Bülow. Obwohl niemand bezweifelt, dass Isolde Richards erstes Kind ist, wird im Zuge der Scheidung nur mit Blick auf den inzwischen geborenen Siegfried darauf geachtet, dass er als Wagner-Spross eingetragen wird. Die Tochter läuft so mit, geliebt, aber beruflich nicht gefördert, als sich Begabung zeigt. Sie malt, entwirft Kostüme. Jedoch: „Für Cosima waren Künstlertum und Weiblichkeit nicht kompatibel“. Isolde gilt als eigen und temperamentvoll. Sie reist gerne, ohne dabei auf Verständnis im Haus Wahnfried zu treffen.

Das Buch

Eva Rieger: Isolde. Richard Wagners Tochter. Eine unversöhnliche Familiengeschichte. Insel. 346 S., 28 Euro.

Rieger stellt klar: Hier geht es, erst recht nach Wagners Tod – Isolde ist 17 –, politisch weit strammer rechts zu, als es für das noch nicht beendete 19. Jahrhundert typisch ist. „Diese Mischung aus Antisemitismus, übersteigertem Nationalismus und Antifeminismus führte dazu, dass Isolde keinen Weg fand, der Mutter entschieden zu widersprechen oder ihre eigenen Vorurteile zu bekämpfen. Es macht nachdenklich, dass schon damals die Linie von Wagner über die Familie zu Hitler zu erkennen war – etwas, das gelegentlich heute noch bestritten wird.“

Nachdem sie es kaum noch erwartet – mit 26 fühlt sie sich als alte Jungfer, sie wirkt nicht verzweifelt darüber –, lernt sie den hoffnungsvollen Schweizer Dirigenten und Pianisten Franz Beidler kennen. Ein kleines Glück tut sich auf, strapaziert aber durch Nickligkeiten im Probenbetrieb der Festspiele. Bald fühlen sich Isolde und Franz zurückgesetzt. Als der Konflikt sich zuspitzt – auch wegen finanzieller Differenzen, bei denen Siegfried schlecht aussieht –, nimmt Isolde die Homosexualität des Bruders und die (katastrophale) Drohung einer Öffentlichmachung als haarsträubendes Druckmittel. Es kommt zum offenen Bruch.

In einem aufsehenerregenden Gerichtsverfahren versucht Isolde, sich als Wagner-Tochter in die Familie zurückzuklagen, vergeblich. Finster hierbei die von Rieger dokumentierte Rolle, die der rechte Scharfmacher und andere Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain spielt.

Eine späte Annäherung, von Isolde ersehnt, bleibt aus. Im Gegenteil: Franz Beidler und der gemeinsame Sohn werden trickreich aus allen Rechten gekickt, als sich Isoldes früher Tod abzeichnet. Dass hier nicht nur arge Grundlagen des 20. Jahrhunderts, sondern auch eines langen Familienzwists gelegt werden: Rieger macht das ohne Vertun deutlich, mit unwagnerischer Unvoreingenommenheit und auf dem Stand der Dinge.

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