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Eva Menasse. Foto: Jörg Steinmetz
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Eva Menasse.

„Dunkelblum“

Eva Menasse: „Dunkelblum“ – Die ganze Wahrheit

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Eva Menasses großer und kluger Roman „Dunkelblum“ über Österreich und uns alle.

Dunkelblum klingt nobler, als es ist. Der erste Teil des Ortsnamens gibt Aufschluss, dazu eine allwissende Erzählerin, aus der es schon im ersten Absatz herausseufzt: „Man wünschte Gott, dass er nur in die Häuser sehen könnte und nicht in die Herzen.“ Denn finster schaut es aus im Innern der Dunkelblumerinnen und Dunkelblumer, wenngleich nicht notwendigerweise finsterer als im Innern anderer Menschen, beispielsweise in Österreich generell, beispielsweise auch in der Welt generell. Allerdings geht es hier schon um Österreich und namentlich um Dunkelblum.

Es wäre den Dunkelblumerinnen und Dunkelblumern gewiss sehr unangenehm, wenn sie das wüssten. „In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen“, aber Verschwiegenheit ist oberstes Gebot. Verschwiegenheit heißt nicht, nicht zu reden, schon gar nicht heißt es, nicht zu schwadronieren, aber man muss in Dunkelblum schon wissen, worüber. Denn: „Wo man in Dunkelblum mit dem Fingernagel kratzt, kommt einem eine Schandtat entgegen“, sagt der Dunkelblumer Toni Malnitz, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Solche gibt es hier auch.

Dunkelblum liegt im Burgenland, die Bedeutung erfassen Auswärtige erst, als eine junge Frau, auch von hier, aber lange schon weg, den kürzesten Witz Österreichs erwähnt: Zwei Burgenländer unterhalten sich auf der Universität. Der Roman ist verortet, der fiktive Stadtplan abgedruckt. Es gab ein Schloss, das seit dem Krieg futsch ist, eine irritierende Leerstelle, die für Dunkelblum typisch ist und auch für Menasses Erzählen, wie wir gleich sehen werden. Die gräfliche Familie ist im Ausland und wohlauf, ihr Besuch in Dunkelblum: eine ex-habsburgische Posse der Extraklasse.

Es gibt das Hotel Tüffer, das von der fleißigen Witwe Resi Reschen geführt wird, aber wo die Namensgeber geblieben sind, weiß von den Jüngeren niemand mehr. Es gibt das Café Posauner, wo die Saufbolde und Nichtsnutze am Stammtisch lungern, wenn sie nicht in der Tüffer-Bar hocken. Böse Buben, erwachsen gewordene Maxe und Moritze, die man noch kennenlernen wird. Es gibt den scharf rechten ungewählten Ortschef Dr. Ferbenz, den überforderten Vizebürgermeister Koreny, den alten, aber immer noch zugezogenen Arzt Dr. Sterkowitz, die verstörte Agnes Kalmar, den stummen Fritz, den jungen Lowetz, der wegen der verstorbenen Mutter heimkehren musste – sie ist, erfährt der Sohn, „in der Früh aufgewacht und war tot“. Es gibt die Malnitzens, gescheite Bauern, zu denen die junge Flocke gehört. Lowetz und Flocke kennen sich von früher, schön, sich jetzt einmal wiederzusehen. Schön für den Leser und die Leserin, im Miterleben zarter, beiläufiger Zuneigung den Glauben an die Menschheit nicht restlos zu verlieren.

Es gibt den Lebensmittelladen des Greißlers Antal Grün, und während unsereiner über die Berufsbezeichnung staunt, staunt die nachwachsende Dunkelblumer Jugend eventuell über den Namen Antal Grün. Aber die meisten in Dunkelblum wundern sich aus Prinzip nicht.

Es gibt das Reisebüro des diskret homosexuellen Herrn Rehberg, der zugleich an einer Ortschronik arbeitet, eine vergebliche Mühe, wie er feststellen muss. „Die Fakten lösten sich einem schier in den Händen auf.“ Dass Herr Rehberg diskret homosexuell ist, nützt ihm insofern nicht, als er trotzdem schon schwer zusammengeschlagen worden ist. Dabei sind die schlimmsten Spitzbuben mittlerweile abgängig oder tot: Horka, der geborene Gewalttäter, „ein Mensch wie eine scharfe Waffe“, mit dem die Kinder am Ort erschreckt wurden (mach so weiter, dann holt dich der Horka). Neulag, auf den sich jetzt alles gut schieben lässt.

Denn es gibt Geheimnisse in Dunkelblum, die am besten tief unter der Erde und tief in den Köpfen bleiben sollen, den Köpfen derer, die es halt eh wissen.

Jetzt ist das Jahr 1989, bis hierher ist an sich alles gutgegangen. An der sehr nahen Grenze zu Ungarn wird es unruhig. Ein geflohener DDR-Bürger taucht in Dunkelblum auf, der sozusagen prophylaktisch ebenfalls zusammengeschlagen wird, sich dann aber gut einlebt. Eine Leiche wird gefunden. Nur wir Leserinnen und Leser werden tatsächlich erfahren, wer das ist, in einem großartigen Erzähldreh.

Das Buch

Eva Menasse: Dunkelblum. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 524 Seiten, 25 Euro.

Menasse geht nun nämlich ungewöhnlich vor. Das NS-Verbrechen, das hier zutage gefördert wird, erinnert an die Zwangsarbeitermassaker in der Region kurz vor Kriegsende – namhaft geworden etwa durch Rechnitz und Elfriede Jelineks Stück „Rechnitz (Der Würgeengel)“ von 2008. Aber durch mysteriöse Ereignisse und den Auftritt eines ausländischen Besuchers, der sich in Dunkelblum beunruhigend gut auskennt, verspricht Menasse nur, das Geschehen zu rekonstruieren. Tatsächlich hat sie das offensichtlich nicht vor (was sie antupft, ist entsetzlich genug). Stattdessen geht es darum, was heute (1989) an einem Ort geschieht, an dem die Alten noch dabei waren, die Mittelalten vieles wissen, die Jungen so wenig wissen, dass selbst die Namensliste, die sie finden, ihnen nichts sagt.

Das Schweigen wird nur punktuell durchbrochen, seine Folgen aber werden ausgebreitet. Gewaltiger, als eine Rekonstruktion im Jahre 2021 wirken könnte, sind die Schichten Erde und Zeit, die sich darüber gedeckt haben und die im Roman nicht mehr vollständig freigelegt werden. Tröstlich, dass es ausreicht, um Dunkelblum vor Gott und der Welt bloßzustellen.

Die Erde ist bereits aufgewühlt durch Studierende, die den völlig verwilderten Jüdischen Friedhof instand setzen. Von manchen wird er bloß „dritter Friedhof“ genannt, neben dem katholischen und protestantischen. Siehe da, ein schönes Tüffer-Grab findet sich. Und bald finden sich auch Hakenkreuze auf den Gräbern. War es also überhaupt richtig, den Friedhof zu öffnen? Durch den klugen Schachzug, die Handlung 1989 spielen zu lassen, leben nicht nur mehr, die damals dabei waren. Das Reflexionsniveau ist auch 30 Jahre jünger.

Es ist der leichte, behände Ton eines über dem Sumpf der Geschichte schwebenden allwissenden Geistes, vielleicht eines kollektiven unbewussten Gedächtnisses, den Eva Menasse anschlägt und mit dem sie über Dunkelblum umso besser Gericht halten kann. Denn um einen Gerichtstag handelt es sich durchaus, mag man auch lächeln, mag man sich auch an die Dunkelblumerinnen und Dunkelblumer gewöhnen.

In der herausragenden, auch das satirische Potenzial ausschöpfenden, aber nicht übertreibenden Schilderung der burgenländischen Bauern, Lumpen, Intellektuellen, Helden und Heldinnen ist „Dunkelblum“ ein Nachgeborener von Lion Feuchtwangers zeithistorischen Werken, zumal des (bayrischen) Romans „Erfolg“. Das Verbrechen wird nicht kleiner dadurch, dass „Dunkelblum“ viele groteske Seiten hat. So zeigt sich beispielsweise, dass Dr. Sterkowitz’ Vorgänger Dr. Bernstein im bereits „judenfreien“ Dunkelblum auf Geheiß der Machthaber im Hotel Tüffer weiterpraktizieren musste, weil der neue Arzt noch nicht eingetroffen war. Die Dunkelblumerinnen und Dunkelblumer haben keine Einwände, „es schien sogar elegant, ins Hotel zum Arzt zu gehen“.

Menasse erkennt den Witz noch in der tiefsten Finsternis, das Absurde im Schrecken, und sie interessiert sich für die vielen kleinen individuellen Entscheidungen, aus denen Geschichte wird, Geschichten auf Leben und Tod werden. Ein Mann, der seinem Sohn in einer einzigen günstigen Sekunde die Flucht aus dem Todesmarsch ermöglicht. Zwei Frauen, die ad hoc einen jüdischen Dunkelblumer verstecken. Bis hin zu Toni Malnitz, der auf Biowein setzt. Bis hin zum Faludi-Bauern, der störrisch einem dubiosen Wasserversorgungsvertrag auf den Grund geht. Die meisten werden immer mitmachen – im Naziprozess, in dem nach 45 einige jugendliche Dunkelblumer verurteilt werden, berufen sie sich dann auf „unwiderstehlichen Zwang“. Der Richter fragt süffisant, woher sie das wissen könnten, wenn sie doch so gar keinen Ansatz zum Widerstehen gezeigt hätten.

Zuweilen lässt die Erzählerin das Visier hoch und erklärt zum Beispiel glasklar Folgendes: „Erst vierzig Jahre nach Kriegsende wurde an dem Ehrentitel ,erstes Opfer Nazideutschlands‘ gerüttelt, aber gleich so heftig, dass er für immer in seine Einzelteile zersprang wie der Handspiegel der bösen Königin. Seither stimmt nur noch das Gegenteil. Alle zeigen auf die Bilder von den jubelnden und winkenden Massen, die die Straßen säumten und den Führer willkommen hießen. Aber das stimmt irgendwie auch nicht ganz.“ Denn das sei das Problem mit der Wahrheit. „Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis.“

Interessant ist das auch in einer Gegenwart, in der es üblich geworden ist, von vielen Wahrheiten auszugehen. Das wäre den Dunkelblumerinnen und Dunkelblumern vielleicht ganz angenehm. „Dunkelblum“ erzählt aber davon, dass das nicht stimmt. Dinge sind so oder so geschehen, Menschen haben sich so oder so verhalten. Die Figuren überschauen es nur nicht. Sie sind auch schnell wieder abgelenkt.

Da man auch weiterhin ständig an Lion Feuchtwanger denken muss, wird einem klar, dass nur alle paar Jahre ein zeitnaher historischer Roman von diesem Rang erscheint, dieser Finesse in jeder Wendung, dieser Übersicht im Großen, diesem politischen Weitblick. Dieser Menschenliebe.

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