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Eva Ladipo, die in London lebt. Alex Schlacher
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Eva Ladipo, die in London lebt.

Roman

Eva Ladipo „Räuber“: Die Gier und wann es anfing

  • VonCornelia Geißler
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Ein auffälliges Werk in der Bibliothek der Gentrifizierungsromane: Eva Ladipos „Räuber“

Der ungelernte Bauarbeiter Olli ist in der Choriner Straße in Berlin-Prenzlauer Berg aufgewachsen, bis die Gegend unbezahlbar wurde. Auch im Helmholtzkiez blieb die Familie nicht lange. Die Sozialwohnung im Norden von Prenzlauer Berg, gleich bei der S-Bahn, sollte dann sicher sein. Der Vater hatte es versprochen. Doch dann stirbt er an den Folgen eines Unfalls. Die Mutter, einst Krankenschwester, verliert jeglichen Halt, lebt von Hartz IV. Als die Informationen über den Eigentümerwechsel für ihren Häuserblock eintreffen, begreift sie deren Tragweite nicht.

Die Wohnungen im Roman „Räuber“ könnten ein bisschen saniert werden, doch der neue Eigentümer hat mehr mit ihnen vor. Die Lage verspricht Gewinne. Eva Ladipo, Autorin eines Polit-Thrillers um den Atomausstieg („Wende“), erzählt in ihrem zweiten Buch vom Kampf gegen Miethaie und Immobilienspekulanten.

Olli, der lange der Trübsal der Mutter aus dem Weg gegangen ist, weiß, dass sie allein es nicht schaffen würde, sich zu wehren. An Ollis Seite streitet Amelie Warlimont, eine Journalistin in Elternzeit, die immer ihr Baby mitschleppen muss. Attraktiv erscheint ihr der Bauarbeiter – hier schimmert in der Erzählung ein bisschen unangenehm Sozialromantik durch. Aufregend findet sie vor allem das Thema, steckt doch hinter dem Verkauf der Häuser an eine Gesellschaft mit dem Namen Europäische Wohnen ein ehemaliger Berliner Finanzsenator. Diesem Falk Hagen versuchte sie schon zu seiner aktiven Zeit seine unsauberen Praktiken nachzuweisen. Dass sie ihn nicht zu fassen bekam, war ihre größte Niederlage bei der „Berliner Post“. Inzwischen kämpft die Zeitung gegen den Auflagenschwund, die Digitalisierung fordert ihre Opfer.

Falk Hagen ist auf der Gewinnerseite geblieben. „Gemeinsam mit einem Parteifreund, der Millionen mit dem Verfassen islamophober Sachbücher verdiente, gehörte er bereits zu den erfolgreichsten Expolitikern Berlins“, schreibt Ladipo mit Fingerzeig zu Thilo Sarrazin. Der jüngste Immobilien-Coup des fiktiven Ex-Politikers gehört zu einem Plan, der ihn noch reicher machen soll.

Das Buch:

Eva Ladipo: Räuber. Roman. Blessing, München 2021. 542 Seiten, 24 Euro.

Eva Ladipos Buch erweitert den Bestand der kleinen Bibliothek der Berliner Gentrifizierungsromane um ein auffälliges Werk. Nicht nur Anke Stellings Romane aus dem Prenzlauer-Berg-Milieu gehören da rein. 2019 ließ Synke Köhler in „Die Entmieteten“ die letzten zwei Bewohner eines Hauses und die räumungsbeauftragte Hausverwalterin gegeneinander antreten. Die inzwischen so hochpreisige Rykestraße am Wasserturm war Handlungsort von Enno Stahls Roman „Sanierungsgebiete“. Und der Autor Jan Brandt sah sich selbst aus seinem Kreuzberger Kiez vertrieben und schildert dies sowie seinen Versuch des Rückzugs im Doppelbuch „Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt“.

Die Autorin lebt in London, hat Hamburg- und Berlin-Erfahrung und ihre Hauptfigur lange als Journalistin gearbeitet. Als Leserin mit demselben Beruf staunt man über ein paar Plattitüden, die sie für diese Figur verwendet. Da ging es ihr vielleicht um Unterhaltsamkeit. Auch manches Berlin-Detail, das nicht wie Ollis Straße ohnehin erfunden ist, hätte einen korrigierenden Strich vertragen (so sind Tierpark und Tiergarten verwechselt). Und wenn Olli und seine Mutter sich einen möglichen Umzug nach Hellersdorf als endgültigen sozialen Abstieg ausmalen, sind ihre Gedanken deutlich von der Autorin gelenkt.

Dennoch ist der Leseeindruck im Ganzen richtig gut, denn Ladipo gießt die schlimmen Verhältnisse, die das Wohnen immer teurer machen, in eine muntere Handlung. In stilsicheren lebhaften Dialogen lässt sie ihre Figuren reden; umgibt sie mit originellen Einzelgeschichten, die sich zu einer glaubwürdigen Berliner Mischung fügen. Die Bezüge zur Realität sind ja nicht zufällig, auch wenn erfundene Personen dafür stehen. Der Roman passt zu den Bemühungen der Bürgerinitiative „Deutsche Wohnen & Co enteignen“, passt zum Streit über den Mietendeckel. Er passt sogar ins Wahljahr, wenn Amelies Mann von Falk Hagens alten Freunden spricht: „Sozialdemokraten von gestern, die liberaler ticken als die Konservativen, damit die eigene Partei zugrunde gerichtet haben und sich seitdem die Taschen in der Wirtschaft vollstopfen.“ Nicht nur Berliner Ex-Politiker nutzen ihre Kenntnisse für eine zweite Karriere in der Wirtschaft.

Das Wort „Räuber“ im Titel definiert Eva Ladipo weniger eng als in einem Krimi oder Polizeibericht. Er ist ein Köder, weil man bald weiß, dass die bedrohten Mieter dringend viel Geld brauchen. Spannende und brenzlige Momente gibt es auch. Der Titel ist eine Metapher. Olli spricht vom „großen Raubzug“, dessen Zeuge er im nächsten Umfeld war: „Meinem Vater haben sie erst das Weihnachtsgeld weggenommen, dann die Schlechtwetterzulage, dann die Rente. Meiner Mutter letzten Winter das Heizungsgeld, weil sie irgendwas zu spät eingereicht hat.“

Amelie, die Journalistin, der es besser geht, sieht nicht nur die gegenwärtige Gier der Firmen. Sie weiß auch, wann es angefangen hat: mit dem Berliner Bankenskandal Anfang des Jahrtausends. Auch dieser Weitblick spricht für die Autorin.

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