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Giulia Caminito: „Europa wird uns schützen müssen“

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Von: Judith von Sternburg

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„Ein Buch zu lesen, ist immer ein Plus, ein Plus und noch ein Plus“, sagt Giulia Caminito. Imago images
„Ein Buch zu lesen, ist immer ein Plus, ein Plus und noch ein Plus“, sagt Giulia Caminito. © Imago

Giulia Caminito über ihren fulminanten Roman einer Kindheit in der Vorstadt, Radio Vatikan aus dem Kühlschrank, Männer, die ihre Frauen schlagen, aber einer Dame stets die Tür aufhalten – und Italien nach der Wahl.

Giulia Caminito, Ihr Roman „Das Wasser des Sees ist niemals süß“ spielt um die Jahrtausendwende, 9/11 erschreckt die Menschen, Italien zeigt sich in einem maroden Zustand. Was hat sich seither verändert?

Nicht so viel, jedenfalls nicht zum Besseren, und am Ende der Pandemie wird es wohl noch schlechter aussehen. Ich wollte schildern, wie ich mich in der Zeit fühlte, als ich selbst auf dem Gymnasium war, und dabei zugleich vom Heute erzählen. Ich war auf einer sehr guten Schule, aber vielen auf dieser Schule ging es gar nicht gut.

Die Teenagerin Gaia im Roman hat so wenig Geld, dass sie noch nie im Kino war. Sie hat kein Handy, es gibt keine Weihnachtsgeschenke.

Es ist seltsam, wenn Sie 14, 15 sind und sich absolut gar nichts von dem leisten können, was Jugendliche in dem Alter haben wollen. Während die anderen so viel mehr haben, viel mehr, als sie brauchen. Auf der Grundschule spielte das alles noch kaum eine Rolle. Aber die Berlusconi-Jahre änderten sehr viel, vom Konsumverhalten über die Fernsehprogramme bis zur Politik. Man hörte auf, sich für Politik zu interessieren. Politik war etwas, mit dem man nichts zu tun hatte, ebenso waren die Welt und das Land Dinge, mit denen man nichts zu tun hatte. Man konnte ja auch nichts daran ändern. Es ging einfach nur noch um einen selbst.

Mit Folgen bis heute?

Die aktuelle politische Situation ist erbärmlich, es gibt keine Ideen, kein Engagement. Gerade junge Menschen sind der Propaganda müde, fühlen sich leer. Eine solche Figur wollte ich schaffen, selbstsüchtig, selbstbezogen.

Vor allem ist Gaia rabiat. Einem Jungen zerhaut sie das Knie mit einem Tennisschläger. Sie hat ihre Gründe, trotzdem ist man überrumpelt, auch der Junge ist überrumpelt.

Ein solches Mädchen werden Sie in Italien schwerlich finden. Ich meine das als Provokation. Dabei gibt es natürlich ein hohes Gewaltpotenzial, gerade unter Jugendlichen, wie anderswo vermutlich auch. Gaia ist sicher untypisch, aber das wollte ich: ein kleines Mädchen, das unberechenbar ist und explosiv. Ich denke, zum Teil kann man ihr folgen, aber zum Teil ist sie auch maßlos und unbegreiflich.

Na ja, sie ist insgesamt doch eher sympathisch.

Ja, das ging vielen so. Das hat mich ehrlich gesagt irritiert. Ich denke, Gaia wird sich über sich selbst wundern, wenn sie später zurückblickt. Im Roman selbst wird sie ja eher schlimmer. Das ist definitiv kein Bildungsroman.

Sie hat übrigens Glück: Sie haut Jungen, aber die Jungen hauen nicht zurück.

Ein seltsames Phänomen in Italien. Es gibt viel Gewalt gegen Frauen, gerade in Ehen und Beziehungen, wo ja auch die meisten Morde an Frauen stattfinden. Aber es sieht in der Öffentlichkeit nicht gut aus, wenn du ein Mädchen schlägst, das nicht deine Freundin ist. Eine sehr konservative Konstellation: deine Mutter und deine Frau gehören dir, du kannst sie schlecht behandeln, das ist deine Sache. Außerhalb deiner Ehe hast du höflich zu sein. Du musst einer Frau die Tür aufhalten und ihr einen Platz anbieten. Mir scheint das eine katholische Grundhaltung zu sein. Ein Priester muss den Schein wahren, aber so lange es keiner merkt, kann er tun und lassen, was er will. So ist das in der Kirche immer gehandhabt worden.

Details grundieren auch Ihren Roman auf ganz kuriose Weise religiös. Es gibt eine Krippe, die angeblich am Grund des Sees, des Lago di Bracciano, steht und Weihnachten illuminiert wird. Der Sender Radio Vatikan erklingt, wenn man den Kühlschrank öffnet.

Und das stimmt sogar. Als ich jünger war, hörten wir Radio Vatikan, wenn wir den Kühlschrank öffneten oder das Festnetztelefon benutzten. Die Stationen waren so nah, und die Funkwellen drängten sich überall dazwischen. Wir hörten Messen und Gebete. Man war daran gewöhnt. Erst später wurde mir und anderen klar, wie schaurig das war. Man sprach zu uns über Jesus und Maria, und wir wurden derweil verstrahlt. Viele Kinder bekamen Krebs.

Und die Krippe?

Als ich klein war, erzählten mir andere Kinder davon, aber ich habe sie nie gesehen. Für mich etwas Symbolisches: Eine Gemeinschaft glaubt fest an etwas, auch wenn es keiner mit eigenen Augen gesehen hat. Es ist dann gar nicht mehr so wichtig, ob es das wirklich gibt oder nicht. In jedem kleineren italienischen Ort werden Sie so etwas finden.

Welche Rolle spielt Religion heute in Italien?

Das ist nicht so leicht zu sagen. Obwohl der Papst so nah ist, spielt sie an sich keine Rolle mehr. Aber die katholischen Vorstellungen von Gesellschaft sind alle noch da: von Familie, von Mutterschaft, vom Frausein. Sie werden nicht viele Menschen in den Kirchen finden, und auf dem Petersplatz versammeln sich vor allem Ausländer, würde ich meinen. Aber Jahrhunderte lang haben sich die Werte der katholischen Kirche in uns eingegraben, sie haben Wurzeln geschlagen, das bekommt man nicht so leicht wieder weg. Dabei ist uns zugleich das Wichtigste verloren gegangen: als Gemeinschaft an etwas glauben zu können.

Zur Person

Giulia Caminito, 1988 in Rom geboren, ist am nahen kreisförmigen Lago di Bracciano aufgewachsen – im Romantitel ist das der See, dessen Wasser niemals süß ist. Die einen machen hier Ferien, die anderen haben das unangenehme Gefühl, an der Peripherie festzusitzen. Caminito hat politische Philosophie studiert und lebt heute als freie Autorin und Lektorin in Rom. Neben Erzählungen hat sie bisher drei Romane veröffentlicht: 2016 „La grande A“ („Das große A“), 2019 (dt. 2020) „Ein Tag wird kommen“ und 2021 das jetzt ebenfalls auf Deutsch erschienene See-Buch.

„Das Wasser des Sees ist niemals süß“ stand 2021 auf der Shortlist des Premio Strega, gewann den alternativen Premio Strega Off und den Publikumspreis Premio Campiello. Der Roman hat Caminito zu einer der bekanntesten Stimmen ihrer Schriftstellergeneration in Italien gemacht und wird derzeit in über zwanzig Sprachen übersetzt. Caminito erzählt von Gaia, die in prekären Vorstadtverhältnissen aufwächst. Ihr Vater sitzt nach einem Unfall auf einer Baustelle, auf der er schwarz gearbeitet hat, im Rollstuhl. Ihre Mutter ist wild entschlossen, der Tochter durch Bildung den Aufstieg zu ermöglichen. Gaia erzählt selbst und hat die Worte dafür. Barbara Kleiners Übersetzung ist so elegant wie natürlich.

Gaias Mutter Antonia ist allerdings weiß Gott eine Gläubige: Sie glaubt an die Linke. Macht sie das im modernen Italien zu einer altmodischen Figur?

Sie ist definitiv altmodisch. Vor allem darin, dass sie an den öffentlichen Bereich glaubt. An Schulen, an Büchereien, an öffentliche Parks, daran, dass die Gemeinschaft dir etwas zurückgibt, wenn du etwas für sie tust. Und dass sie für dich sorgt, wenn du arm bist. Du kannst dir keine Bücher leisten? Das ist nicht schlimm, dafür ist die Bücherei da. Die Bücher dort gehören allen, weshalb du auf sie achtgeben musst.

Gaias Schulbücher sind tatsächlich in einem fürchterlichen Zustand, noch schlimmer als bei uns, wobei mir die Lernmittelfreiheit in Hessen trotzdem immer einleuchtete.

Ja, genau, das ist eines der Probleme, die Italien hat. Auch in Museen zum Beispiel. Nein, wir sind nicht wie Antonia, wirklich nicht. Antonia ist ihren Eltern und Großeltern darin näher als ihren Kindern. Die große Veränderung durch die Berlusconi-Jahre hat zwischen ihrer Generation und der ihrer Kinder stattgefunden. Es war dadurch eben auch so einfach für mich, durch die Vergangenheit über die Gegenwart zu schreiben.

An wem oder was orientieren Sie sich beim Schreiben, wer sind Ihre Vorbilder?

Ich bin eine Leserin. Ich lese sehr viel italienische Literatur, zeitgenössische und solche aus dem 20. Jahrhundert. Ich lese auch sehr gezielt Literatur von Frauen. Viele davon sind nicht sehr berühmt, erst jetzt allmählich wird das Interesse glücklicherweise größer, auch Entdeckungen jenseits von Elena Ferrante und Natalia Ginzburg zu machen. Wenn ich sage, ich will Bücher von Frauen lesen, meine ich damit aber nicht, dass ich keine Bücher von Männern lesen will. Selbstverständlich will ich das auch. Ich möchte meinen Blick weiten und kann das nur jedem empfehlen. Lesen bedeutet, mit jedem Buch mehr zu finden, mehr Erkenntnis, mehr Welt. Es ist immer ein Plus, ein Plus und noch ein Plus.

Ist es leicht, in Italien Autorin zu sein?

Nein, es ist völlig anders als in Deutschland, wo ich jedes Mal überrascht bin von der Wertschätzung, die ich erfahre. Sowohl, was die Gespräche betrifft, als auch schlicht dadurch, dass ich zum Beispiel Geld bekomme, wenn ich auftrete. Wenn ich in Italien auf Lesereise bin, kann das ein Jahr dauern, aber niemand bezahlt mich, obwohl ich in der Zeit auch nichts anderes arbeiten kann. Schlecht für uns ist auch, dass es kaum Fördermittel für Übersetzungen gibt.

Und der Buchmarkt?

Der Buchmarkt ist arm und klein, kein Vergleich zu Frankreich, Deutschland oder Großbritannien. Mit „L’acqua del lago non è mai dolce“ konnte ich jetzt richtig Geld verdienen, das war eine große und unerwartete Sache für mich. Auch dass das Buch in so viele Sprachen übersetzt wird, was mir viele Möglichkeiten gibt. Von 99 Prozent der Titel, die jährlich in Italien erscheinen, werden weniger als 1000 Exemplare verkauft. Und die allerwenigsten Bücher sind längerfristig erhältlich.

Antonia bekommt einen Wutanfall, als ihr Sohn, Gaias Bruder, sagt, dass er nicht wählen gehen werde. Er wisse nicht, wen er noch wählen solle. Sie sagt: Wähle so links wie möglich.

Genau, Mariano ist an der Stelle eine Stimme unserer Tage, wobei ihn als Anarchisten die Wahlen schon aus Prinzip nicht interessieren. Viele Menschen in Italien sind auch jetzt nicht zur Wahl gegangen. Ich war selbst nicht wählen, allerdings weil ich Covid hatte. Im Prinzip würde ich es wie Antonia machen: so links wie möglich. Aber ich muss zugeben, dass Wählen in Italien schwierig geworden ist. Eine wirkliche Linke gibt es nicht mehr, sie ist nicht stark und nicht so links, wie sie sein sollte. Stattdessen haben wir eine Rechte, die wirklich rechts ist.

Wie ist die Stimmung im Land nach der Wahl?

Es ist nicht einfach. Wir haben es erwartet, es zeichnete sich ab. Jetzt warten viele ab. Die Rechte ist so rechts, wie es früher war ...

... postfaschistisch ...

... aber so werden sie nicht regieren können. Traditionell war die extreme Rechte hier immer damit beschäftigt, sich reinzuwaschen, sobald sie in der Regierung saß. Um nicht ganz so übel auszusehen, wie sie ist. Darauf warten wir jetzt. Zu regieren ist keine Propagandaarbeit und kein Spiel, du musst ein Land ernsthaft durch eine Krise führen. Und du musst das innerhalb von Europa machen. Die Tatsache, dass Italien in der EU ist, ist sehr wichtig für uns.

Weil?

Ich fühle mich nicht so sehr als Italienerin, ich fühle mich als Europäerin. Das Europäische Parlament ist mein Parlament. Das europäische Recht ist mein Recht. Das wird uns schützen, das wird uns schützen müssen. Wobei auch wir etwas für Europa tun müssen. Kontakt halten, zusammenhalten. Ich will Italien nicht alleine dastehen sehen. Ich will nicht alleine dastehen. Ich will eine europäische Bürgerin sein. Wenn es etwas gibt, an das ich für die Zukunft glaube, ist es Europa.

Interview: Judith von Sternburg

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