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Bauer mit Kuh, so ist es bei Schalko nicht mehr.
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Bauer mit Kuh, so ist es bei Schalko nicht mehr.

David Schalko

Europa geht den Bach runter

  • VonUlrich Seidler
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Ein Alpenidyll am Wasserfall wird in David Schalkos Roman „Bad Regina“ von einem rätselhaften Chinesen aufgekauft.

In dem Roman „Bad Regina“ von David Schalko ist im Zusammenhang mit dem titelgebenden Ort nicht von Einwohnern, sondern von Verbliebenen die Rede. 2005 waren es noch 374, 2018, dem Jahr, in dem die Handlung spielt, 46. Klingt wenig, ist aber, weil fast alle als handelnde Personen vorkommen, wiederum ganz schön viel. Dennoch: Mit dem fiktiven, dem einst glamourösen österreichischen Ferienort Bad Gastein nachempfundenen Ort geht es – wie mit dem Original mitten in den schönen Tauern – bergab. Dafür steht schon der berühmte Gasteiner Wasserfall, der auch in Bad Regina permanent im Hintergrund rauscht.

Ein chinesischer Immobilienhändler namens Chen ist seit Jahren dabei, den Verbliebenen ihre Häuser und Grundstücke abzukaufen. Ein rationaler Grund wird nicht ersichtlich, schließlich wäre es gar nicht nötig, die Originalhäuser abzutragen, um in China eine Kopie des shabbyschicken Belle-Époque-Idylls zu errichten, wie es im Fall einer dem österreichischen Hallstatt nachempfundenen Wohnsiedlung in Luoyangzhen in der südchinesischen Provinz Guangdong schon geschehen ist. Der Chinese ist denn auch, wie sich herausstellt, nur der Prokurist eines alten Juden, der – Friedrich Dürrenmatts „Alte Dame“ lässt grüßen – einst aus der Stadt getrieben wurde und auf Rache sinnt.

Das Buch:

David Schalko: Bad Regina. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 400 S., 24 Euro.

Viel Alkohol fließt

Schalko bemüht psychoanalytische Potenz-Geld-Parallelen, lässt viel Alkohol fließen, wühlt mit einigem Genuss in der verschütteten Nazivergangenheit, testet nicht weniger genussvoll das Provokationspotenzial von Unkorrektheiten und spielt auf große philosophisch-politische Fragen an, die den entfremdeten, in der Uneigentlichkeit gefangenen, spätkapitalistischen Europäer betreffen. Eigentlich ist unsere europäische Wohlfühlgesellschaft nur noch als drittmittelfinanziertes Museum oder als Freizeitpark mit Originalbewohnern als Statisten denkbar. So weit die zivilisationskritische Allegorie auch aufgespannt wird, sie muss dann schon immer wieder in eine nahliegende Pointe passen.

So oder so hat, was den Verbliebenen widerfährt, großes symbolisches Gewicht. Als Alltagskarikaturen ahnen sie nichts davon, geschweige denn, dass sie es tragen oder sich ihm würdig erweisen könnten. Und das wird in dem Roman zum Problem: Einerseits merkt man seiner Metaphorik die mit schwerem Gerät vernieteten Stützpfeiler und die beim Winken quietschenden Zaunpfähle an, andererseits ist das handelnde Personal ein derartiger Hühnerhaufen, dass die einzelnen Personen schon der besseren Übersicht wegen sehr eindimensional charakterisiert wurden.

So wird in dem Buch mindestens zweiundzwanzigmal auf den Spitzbauch des Antihelden Othmar hingewiesen. Ein turbopopulistischer Bürgermeister tritt auf, ein Französisch sprechender Graf, ein betrogener Bahnhofsvorsteher, ein falscher Pfarrer, eine lebenslustige Krebskranke, ein komatöser Ex-DJ und so mancher Grummelkopf aus dem Hotellerie- und Gastronomiegewerbe – allesamt wenig zur Identifikation geeignete Spottfiguren, über die man sich im Handumdrehen erhoben hat. Vielleicht hilft es, wenn man sich beim Lesen etwas österreichischen Schmäh und ein paar Ironiezeichen mitdenkt. Sonst wirkt die auf 400 Seiten durchfeiernde kabarettistische Munterkeit nicht bitter, sondern verächtlich.

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