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Den Begriff der Moderne interpretierte Charly Chaplin anders als Wagner.

Studie über die Moderne

Europa als Erfahrung und Interpretation

Heutzutage sind wir ja mehr oder weniger alle modern. Andererseits ist die Moderne auch nicht mehr das, was sie einmal war. Peter Wagners Studie über die Moderne. Von Robin Celikates

Von Robin Celikates

Heutzutage sind wir ja mehr oder weniger alle modern. Andererseits ist die Moderne auch nicht mehr das, was sie einmal war. Mit dieser doppelten Diagnose beginnt Peter Wagner seine Studie über "Moderne als Erfahrung und Interpretation", in der er die Frage, was die Moderne ist, beantwortet, indem er untersucht, wie sie wurde, was sie ist. Der Ansatz am Ineinander von Erfahrung und Interpretation soll dabei die einseitige Fixierung auf ein bestimmtes Set von Institutionen - repräsentative Demokratie, kapitalistische Marktwirtschaft und autonomes Wissenschaftssystem - vermeiden und Offenheit wie Pluralität betonen. Man ahnt denn auch schnell: "Die Moderne" gibt es gar nicht.

Gleichwohl meint der im italienischen Trient lehrende Soziologe einen normativen Kern der Moderne in der "Verpflichtung zur Selbstbestimmung" ausmachen zu können: "Modern zu sein bedeutet, sich selbst als autonom zu begreifen." (In diesem Sinn waren dann auch schon die alten Griechen modern.) Was aus dieser Verpflichtung folgt, führt Wagner in den drei zentralen Teilen des Buches an drei Problematiken aus, mit denen jede Gesellschaft konfrontiert ist: der politischen Problematik, also der Frage der Regelung des Zusammenlebens; der ökonomischen Problematik, also der Frage der Befriedigung der Bedürfnisse; und der epistemischen Problematik, also der Frage der Erzeugung gültigen Wissens.

Jeder Aufbruch fordert neue Interpretation

Modern sind nicht diese Problematiken selbst, sondern die in historischen Erfahrungen gereifte Einsicht, dass für sie weder eine vorgängige noch eine einzig richtige und für alle gültige Lösung existiert. "Wir" selbst müssen uns auf eine Lösung einigen, im Bewusstsein, dass diese auch weiterhin der Kritik und Revision ausgesetzt bleibt. Dieses Bewusstsein freilich droht auch unter modernen Bedingungen immer wieder verloren zu gehen, wenn sich die Menschen allzu sehr in ihrer Welt einrichten. In bestimmten historischen Momenten - Wagner diskutiert "1968" - brechen die genannten Problematiken jedoch von neuem auf, und die Erfahrung eines solchen Aufbruchs verlangt nach neuen Interpretationen, die wiederum soziale Transformationen nach sich ziehen können.

So führen etwa spezifisch europäische Erfahrungen - von den Religionskriegen über den Wohlfahrtsstaat bis zur EU - zu einer spezifischen Form der Moderne. Europa ist dann zwar nur ein Beispiel unter anderen; seine geschichtsphilosophische Überhöhung verlieh ihm jedoch eine für die Moderne prägende Kraft, die es auch heute - trotz realpolitischem wie theoretischem "provincializing Europe" - für den Europäer Wagner noch nicht ganz verloren hat.

Das Zusammenspiel von Erfahrung und Interpretation

Die Fokussierung auf das Zusammenspiel von Erfahrung und Interpretation sowie von gesellschaftlicher Selbstverständigung und politischer Transformation ist die Pointe von Wagners Analyse und ihr großes Verdienst - sie provoziert jedoch auch zwei Nachfragen. Sicher, der wirtschaftliche Raum ist politisch konstituiert und sozial eingebettet, wie Wagner zu Recht gegen einseitig ökonomistische Sichtweisen einwendet. Zugleich würde man jedoch auch gerne etwas mehr über die negativen Rückwirkungen erfahren, zumal sich ja nicht erst in Folge der Finanzkrise beobachten lässt, wie ökonomischer Druck eben auch die Spielräume politischer Konstitution verengt und die Integrität der sozialen Einbettung beschädigt. Die resultierenden Erfahrungen des Freiheits- und Sinnverlusts werden nicht immer - vielleicht sogar immer weniger - in konstruktive Interpretationen umgeleitet.

Die zweite Schwachstelle ist eine politische: Dass die Interpretationen selbst entscheidende Triebkräfte der Veränderung darstellen, erscheint allzu idealistisch gedacht und vernachlässigt die notwendige Vermittlerrolle sozialer und politischer Akteure und der Auseinandersetzungen, in die sie verstrickt sind. Dies ist umso irritierender, als der Autor selbst gegen die alleinige Fokussierung auf individuelle Freiheit die Notwendigkeit kollektiver demokratischer Selbstbestimmung und das Festhalten an den uneingelösten revolutionären Versprechen der Moderne einfordert. Deren Projekt lässt sich aber nicht unabhängig von den sozialen und politischen Kämpfen verstehen.

Vielleicht verweisen diese Nachfragen aber auch gar nicht auf Schwächen von Wagners Studie, sondern auf ihre Stärke, darauf, wie anspruchsvoll und anregend die Wiederannäherung von vergleichend-historischer Soziologie, Sozialtheorie und politischer Philosophie ist, für die Wagner mit seiner "neuen Soziologie der Moderne" plädiert. Anspruchsvoll ist schließlich auch das von ihm thematisierte "unabgeschlossene Projekt der Moderne" (Habermas), das primär in der Erfahrung besteht, dass die einzige Antwort auf die Frage, ob wir eigentlich modern sind, darin besteht, dass es darauf keine abschließende und unumstrittene Antwort gibt.

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