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Indien

Etwas wollen

Aravind Adigas "Zwischen den Attentaten" - Geschichten aus einer erfundenen Stadt überall in Indien. Von Kirsten Voigt

Von Kirsten Voigt

Was wünscht man sich von Literatur mehr, als in eine fremde Welt und das Leben fremder Menschen einzutauchen, in und mit ihnen für einige Stunden oder Tage zu leben und sie verstehen zu lernen?

Aber will man wirklich in diese Welt? In das erfundene Kittur im Indien der achtziger Jahre? Es ist eine Stadt zwischen den Attentaten auf Indira (1984) und Radjiv Gandhi (1991). "Zwischen den Attentaten", das ist auch der Titel des neuen Bandes von Aravind Adiga. In Kittur leben Abertausende Verarmte, Lepröse, Verstümmelte, Geistesgestörte, die ihr Nachtlager auf der Straße mit den Ratten teilen und denen dafür von ihrem Hungerlohn, der kaum für ein Besäufnis reicht, noch etwas abgepresst wird. Süchtige Väter schicken ihre Kinder als Drogenbeschaffer auf eine Odyssee durch die Stadt, um sie bei ihrer erfolgreichen Heimkehr zu verprügeln. Den Ärmsten bleibt nur ein Blick in die Augen einer Katze oder zu den Sternen - ein still-schöner Trost, während sie umweht sind vom Geruch des Mülls.

Die Kasten und die Klassen sind festgefügt, so verkrustet wie das System der Korruption, die selbst jene leid sind, die sie seit Jahren praktizieren. Hier sprengen Schüler Klassenzimmer in die Luft, dort versagen christliche Patres als Pädagogen, greifen zu Gewalt und finden ein bizarres Ende im Angesicht pornographischer Wandgemälde, vor denen sie ihre Schüler zu beschützen versuchten. Ein Journalist sucht die Wahrheit und entdeckt dann, dass er zwar für seine Berichterstattung als Held gefeiert wurde, aber gezielten Fehlinformationen aufgesessen ist. Daran wird er irre, streicht fortan nur noch durch den "Hades der Mitternacht", die finsteren Straßen auf der Suche nach den Netzwerken der Wissenden, den Wächtern der Banken, die ihm jene der Wahrheit scheinen. Hier und da trifft einer der Armen und Irren auf den vielspurigen Straßen, auf denen sich Moslems und Hindus Wettrennen liefern und sich die Fahrrad-Kulis abstrampeln, auf einen Elefanten, der auch zu einem surrealistisch anmutenden Symboltier werden kann - für Kraft und Knechtung und dafür, dass in diesem Land etwas nicht stimmt.

All dies geschieht im Schatten von Minarett, Kirchturm und Tempelturm, die "wie Wegweiser" dem Reisenden "schon von fern her die drei Religionen der Stadt anzeigten". Es geschieht trotz des Engagements der Kommunisten, die - wie etwa der gealterte Schriftsteller Murali, der davon träumte, wie Maupassant zu schreiben - auch nur Marginales ausrichten und sich schließlich aus verschmähter Liebe wie der ärgste Klassenfeind benehmen.

Adigas "Zwischen den Attentaten" ist eine Sammlung dunkel funkelnder, subtil aufeinander bezogener Episoden, die das literarische Format fabelhafter Kurzgeschichten haben. Das Private, Politische und Poetische sind untrennbar miteinander verwoben, Ideologien und Indienklischees werden gleichermaßen Absagen erteilt. Anders als die Figuren des Kommunisten Murali, die nur umherstreifen und nachdenken, wie sie die Welt verbessern könnten, sind Adigas Charaktere dabei (noch) vom Wollen angetrieben, sei es auch aussichtslos.

Eingeladen wird der Leser mit einer wunderbar ironischen Geste wie ein Tourist auf Routensuche, denn jeder Geschichte wird die Beschreibung einer Sehenswürdigkeit vorangestellt - mitunter sehr pointiert, böse komisch: Am zweiten Tag des siebentägigen Stadtbummels etwa sollte man Lighthouse Hill besuchen, wo sich unter anderem das Denkmal des Freiheitskämpfers Hemachandra befindet. Die folgende Geschichte erzählt von dem Buchhändler "Xerox", der Raubkopien verscherbelt, ungestraft Hitlers "Mein Kampf" feilbietet, daneben aber auch Salman Rushdies "Die satanischen Verse", wofür ihm ein betrunkener Polizist und sein eigener Anwalt in der Zelle die Beine brechen. "Xerox" schleppt sich an Krücken auf den Lighthouse Hill und verkauft weiter das verfemte Buch des verfolgten Autors.

Es ist eine Stadt aus Schmutz, Schatten und Pestiziden, bevölkert von Menschen, die einem in ihrer unpathetischen Verzweiflung, ihrer rührenden Naivität, ihrer Desillusionierung, ihrem Zweifel an sich selbst oder ihrem religiös abgeklärten Wissen um ihre Lage und die ubiquitäre Ungerechtigkeit sehr nahe kommen. Adigas Literatur fürchtet die klare Botschaft nicht, bleibt dabei aber reich an Zwischentönen.

Sein Journalist Gururaj wünscht sich nur eines sehnlich: "Lassen Sie uns doch heute mal nichts als die Wahrheit, und zwar die ganze Wahrheit, in der Zeitung schreiben. Nur heute. Ein einziger Tag mit nichts als der Wahrheit. Mehr will ich gar nicht. Vielleicht merkt sowieso keiner was. Morgen schreiben wir dann wieder unsere üblichen Lügen." Gururajs Traum von der Wahrheit geht nicht in Erfüllung. Die Literatur Aravind Adigas - in der Übersetzung von Klaus Modick - hat den Mut und die Möglichkeit zu ihr, und macht den Glauben an sie plausibel in einem fast märchenhaften Ton und mit einer faszinierenden Mischung aus Einfalt und Raffinesse.

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