1. Startseite
  2. Kultur
  3. Literatur

Günther Anders an Adorno und andere: „Etwas von Angeberei“

Erstellt:

Von: Michael Hesse

Kommentare

Günther Anders. Literaturarchiv der Österreich. Nationalbibliothek, Wien
Günther Anders. Literaturarchiv der Österreich. Nationalbibliothek, Wien © Literaturarchiv der Österreich. Nationalbibliothek, Wien

Ein Stück Philosophie-Geschichte: Der Briefwechsel von Günther Anders mit der Frankfurter Schule.

Während oben vernünftelt wird, wird unter dem Tisch kräftig getreten. Die emotionalen Tiefpunkte gehören nun mal zur Philosophie dazu wie das tiefgründige Denken. Wer Interesse an diesen Seiten der Doktoren und Doktorinnen der Weltweisheit hat, dem sei der von Reinhard Ellensohn und Kerstin Putz herausgegebene Briefwechsel des Philosophen Günther Anders (1902-1992) mit den Vertretern der Frankfurter Schule Horkheimer, Adorno, Marcuse, Bloch und Plessner ans Herz gelegt.

Anders ist ein wichtiger Denker des 20. Jahrhunderts: Sein denkerischer Ansatz aus Phänomenologie, Existenzialontologie und Anthropologie gilt als originell. Dissertation bei Edmund Husserl, Assistent von Max Scheler, vertiefende Studien bei Martin Heidegger. In dessen Umkreis lernt der Philosoph 1925 seine erste Frau kennen: Hannah Arendt. Kurz vor der Überfahrt in die USA lassen sie sich scheiden. Günther Anders flieht – unter neuem Namen – vor der Nazidiktatur. Der Sohn einer jüdischen Familie hatte bitterere Erfahrungen mit dem aggressiven Antisemitismus gemacht. Zeitgenossen stellen ihn in eine Reihe mit Denkern wie Sartre und Camus und Theodor W. Adorno. Letzterer ist der Adressat eines Briefes, der am 30. Juni 1963 von Anders in kleinlautem Ton verfasst wird: „Gut, dass wir die hot potatoes einmal ausgraben“, heißt es da.

Vorausgegangen war eine, um im Bild zu bleiben, Kartoffelschmeißerei zwischen ihm und dem Vordenker der Frankfurter Schule. Adorno hatte Anders in einem nur eine Woche zuvor verfassten Brieflein schwerste Vorwürfe gemacht. „Was uns immer wieder trennt, ist ein gewisser Gestus von Aggressivität bei Ihnen“, raunte Adorno. Er meine gar „etwas von Angeberei“ bei Anders entdeckt zu haben. „Mein Naturell ist darin ganz verschieden“, gab ihm Adorno zu verstehen. „Es ist nicht meine Art Rechnungen aufzumachen, aber wenn es schon ums Private geht, so hätte ich mehr Grund gekränkt zu sein als Sie“, um dann ein „Ihr Adorno“ drunter zu kritzeln.

Adorno war verärgert, dass Anders den von ihm so geschätzten Walter Benjamin als „Kaffeehausliteraten bezeichnete, und das zu einer Zeit, da Sie Herrn Heidegger für einen Philosophen hielten“. So ein Vorwurf war zu der Zeit starker Tobak. In der Tat war für Heidegger in den 60er Jahren längst der Lack ab. Der einstige Stern am Philosophen-Himmel war wegen seiner Nähe zu den Nazis verblasst.

Adorno und Anders, das wollte einfach nicht passen. In den 1920er Jahren hatte Adorno dazu beigetragen, dass die Habilitationsschrift von Anders an der Frankfurter Universität nicht angenommen worden war. Das hatte Anders dem Musiktheoretiker zeitlebens nachgetragen. Immerhin, es gab auch Gemeinsamkeiten. Die Einsicht, dass Heideggers Philosophie nicht mehr zu gebrauchen war, teilten die beiden. Anders nannte dies seine Abkehr von „Martinus Pontifex“.

Im Briefwechsel mit Helmuth Plessner teilte er mit, dass Heidegger ihm eine Publikation sogar einmal untersagen wollte. „Es wird Sie interessieren zu hören, dass ich von Heidegger einen völlig befremdenden Brief erhielt“, heißt es da. Doch ihn kümmerte das wenig. Er publizierte den Text „Über Gegenstandstypen“ dennoch.

Das Buch

Günther Anders: Gut, dass wir einmal die hot potatoes ausgraben. Briefwechsel mit Theodor W. Adorno u.a. Beck. 458 S., 38 Euro.

In herzlichem Tonfall ist der Briefwechsel mit Ernst Bloch gehalten. Diesem berichtete Anders 1959 von einem Aufenthalt in Sils Maria, in dem Schweizer Ort verbrachte Friedrich Nietzsche seine Sommermonate. Verärgert stellte er fest, dass es im „Nietzsche-Ort“ von Theoretikern nur so gewimmelt habe – „der einzige, mit dem zu sprechen und zu diskutieren lohnte, war Herbert Marcuse“.

Überdies sei er umgezogen, berichtet er Bloch. „Wir wohnen hier nun im Grünen, ich schreibe mit Blick auf bläuliche Pflaumenbäume und sechs Windhunde“. Ein gemeinsames Treffen in Paris schlägt Anders aus: „Ich bin allzuviel unterwegs gewesen (rund um die Welt, in Hiroshima, Nagasaki, über dem Pol etc.), außerdem einfach kontinuierlich auf Reisen in Sachen Antiatombewegung“.

Bloch hatte Anders in diesen Tagen sein bekanntestes Werk zukommen lassen. „Leider konnte ich Ihnen ins ,Prinzip Hoffnung‘ keine Widmung hineinschreiben; dazu müsste ich die Bände von hier abschicken und das wäre mit zuviel Umständen verbunden.“ Mit Marcuse tauscht sich Anders auch übers Private aus. Marcuse berichtet von seiner Wohnsituation in den USA. Alles sei gut. Bis auf das Schreiben: „Das Freud-Buch geht nur sehr langsam vorwärts.“

Neben biografischen und zeithistorischen Aspekten machen diese Briefe ein Stück Philosophiegeschichte greifbar. Der Austausch ist ebenso sehr ein Streifzug durch die intellektuelle Landschaft der Bundesrepublik wie durch das Alltagsgeschäft der Philosophen. Er ist ein kleines literarisches Schmuckstück in der Philosophie-Historie, dem man viele Leser wünscht.

Anders selbst schätzte das Briefeschreiben sehr. Umso mehr bedauerte er, dass die Kunst und Tradition des Briefeschreibens im Verschwinden sei. Schuld sei allein das Telefon. Der Stichwortgeber der Anti-Atomkraft-Bewegung schrieb Sätze (wie an Marcuse), die seine Weitsicht unterstreichen und von ihrer Gültigkeit nichts eingebüßt haben: „Heute genügt es nicht, die Welt zu verändern, es kommt darauf an, sie erst einmal zu bewahren.“

Auch interessant

Kommentare